Leonardo da Vinci

Dame mit Hermelin ist Höhepunkt im Bode-Museum

Die Ausstellung "Gesichter der Renaissance" gehört schon vor ihrem Start zu den Höhepunkten des Jahres in Berlin. Morgenpost Online sprach mit Kuratur Stefan Weppelmann über die Meisterwerke, die in Berlin zu Gast sind.

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Wer sind die sittsamen Bräute, die grimmigen Heerführer und die mächtigen Fürsten der Renaissance? Mit den „Gesichtern der Renaissance“ eröffnet ab 25. August im Bode-Museum eine Porträt-Ausstellung ersten Ranges, eine Kooperation mit dem Metropolitan Museum in New York, wo die Schau anschließend gezeigt wird. Das „Star“-Angebot mit Künstlern wie Leonardo da Vinci, Botticelli und Ghirlandario ist groß, 170 Werke der italienischen Renaissance werden insgesamt zu sehen sein. Mit Kurator Stefan Weppelmann sprach Gabriela Walde.

Morgenpost Online: Einer der Höhepunkte ist Leonardo da Vincis „Dame mit Hermelin“ aus dem Krakauer Czartoryski-Museum – das Schlüsselbild der Ausstellung.

Stefan Weppelmann: Er entwickelt damit etwas ganz Neues: eine neue Form von Plastizität. Bildnisse im Profil oder im Dreiviertel waren statisch. Bei der „Dame mit Hermelin“ ist die Figur wie eine Serpentine bewegt, sie schaut über ihre Schulter, auf ihren Geliebten – den Mailänder Herzog Lodovico Sforza. Eine außenstehende Figur wird quasi Teil des Bildes. Die „Dame mit Hermelin“ ist das erste allegorische Porträt in der Kunstgeschichte. Leonardo hat für die europä?ische Malerei mehrere Initialzündungen gegeben. Im Grunde hat er die moderne Kunstgeschichte auf neue Art und Weise begründet. Weil er die Natur nicht mehr als alleinige Schöpferin aller visuellen Formen ansah und ihr hörig war. Er führte als Technik das berühmte Sfumato in die Malerei ein, das Undeutliche, das Vage, Verschwommene. Das ist ganz wichtig für die Porträtkunst. Eine Persönlichkeit bleibt ja fluide – bei Leonardo wird das erstmals visuell, wenn sich die Figur aus dem Dunkel herauszieht. Ohne Leonardo da Vinci wäre die große Porträtkunst des 16. Jahrhunderts nicht möglich.

Morgenpost Online: Gibt es Bezugspunkte der Porträtkunst zur Bilderkultur von heute?

Stefan Weppelmann: Das Porträt war und ist immer eine Inszenierung von Persönlichkeit. Wenn sich heute Starletts oder Politiker inszenieren, dann entweder über den Blick heraus, über eine Geste oder über Kleidung als Statussymbol. Sehr viele Symbole entstehen über Mode. Nicht umsonst gibt es eine Vielzahl von virtuellen Netzwerken, in denen Bilder kreisen. Prominente Personen kennen wir in der Regel nur aus Bildern. Jeder glaubt Angela Merkel zu kennen. Doch die wenigsten haben sie tatsächlich einmal getroffen. Deshalb sind Bilder für den Wahlkampf so wichtig. Auch in der Renaissance wurde die Legitimität des Herrschers über sein Bild manifestiert. Kleine Stadtstaaten konnten als System nur funktionieren, weil es Bilder gab, die den Staat abbilden und repräsentieren. Stellen Sie sich einmal eine Gesellschaft vor, ohne Bilder der Menschen!

Morgenpost Online: Was sagen diese Porträts der Renaissance über den damaligen Zustand Italiens aus?

Stefan Weppelmann: Italien war fraktioniert, in sehr viele kleine, machtbewusste, expansive Stadtstaaten, die sich über die Porträts darstellten.

Morgenpost Online: Also waren Accessoires sehr wichtig, als Zeichen der Zugehörigkeit.

Stefan Weppelmann: Da muss man gucken, unter welchen funktionalen Zusammenhängen die Bildnisse entstanden sind. Bei höfischen Porträts erkennen wir es an der Kleidung, der Kopfbedeckung, am Modus des Porträts. Das Profilbild spielte auf antike Kaisermünzen an. Der Stoff war extrem wichtig und auch die Reichhaltigkeit des Schmuckes. Symbolhaft waren auch die Hintergründe, beispielsweise die Landschaftsausblicke auf Schlösser. An jedem der Höfe aber gab es einen eigenen Porträtgeschmack, verschiedene Stile. Jeder versuchte, sich besonders zu inszenieren.

Morgenpost Online: Und suchte sich seinen eigenen Maler…

Stefan Weppelmann: Ja, das war die Geburt des Hofkünstlers. In Ferrara war es Pisanello, in Mantua Mantegna und in Venedig Bellini. Gucken Sie sich die Kanzlerporträts im Kanzleramt an. Dass Gerhard Schröder sich damals von Jörg Immendorff porträtieren ließ, war eine bewusste Auswahl mit Hintersinn. Schröder wirkt darauf wie ein Renaissance-Mensch. Natürlich spielt auch die Kleidung eine wichtige Rolle. Gegenbeispiel: In kommunistischen Ländern wird doch mit Uniformierungen und kollektiver Mode versucht, das Individualistische des Einzelnen zurückzudrängen.

Morgenpost Online: Es gab schon zahlreiche Ausstellungen zur Renaissance. Was ist Ihr Ansatzpunkt?

Stefan Weppelmann: Wir haben versucht, etwas Neues zu machen. Das 15. Jahrhundert wurde bislang in anderen Ausstellungen immer als Prolog präsentiert. Das heißt 3 bis 4 Bilder stammten aus dem 15. Jahrhundert, dann kam schon das 16. Jahrhundert, die große Zeit der Porträtkunst mit Velazquez und Rubens und Tizian. Dabei ist das 15. Jahrhundert eine eigene, wichtige Zeit, das die Grundlage legt für ganz viel in der europäischen Kunstgeschichte. So war die erste Entscheidung, dass Werke von 1430 bis 1500, also 70 Jahre, in großer Dichte zu sehen sind. Neben Bildern und Skulpturen auch Münzen.

Morgenpost Online: Wie präsentieren Sie die Porträts, nach Regionen?

Stefan Weppelmann: Ja, wir versuchen die Kunst des Porträts regional aufzufächern, nicht nach den einzelnen Aufgaben des Bildnisses, also nach Eheschließung oder Herrschaftsstatus. Florenz, Venedig, Mailand, die norditalienischen Höfe stehen im Zentrum. Wir unterscheiden zwischen einem florentinischen, venezianischen und einem höfischen Porträt. Unsere These ist: die Bildnisse gleichen sich möglicherweise, sind aber unter ganz anderen Voraussetzungen entstanden. Im Porträt soll sich nicht nur das ideale äußere Erscheinungsbild spiegeln, sondern auch persönliche Leistung und Machtanspruch.

Morgenpost Online: Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Metropolitan Museum New York. Wie wichtig sind heute Kooperationen?

Stefan Weppelmann: Sie sind sehr wichtig geworden, schließlich leben wir in einer globalisierten Welt. Wenn einzelne große Sammlungen heute stärker als noch vor 20 und 30 Jahren zusammengeführt werden, können Fragen zum Kontext überhaupt erst wieder gestellt werden. Es ist ein anderer Blick auf die Kunstgeschichte, die nicht mehr nur auf einzelne Kunstwerke schaut.