Salzburger Festspiele

Es lebe die untote Diva in "Die Sache Makropulos"

Nervöse Ticks, stumme Vorspiele und Schlaf auf der Bühne – alle Elemente von Christoph Marthalers Zaubertheater vereinigen sich hier zum Opernwunder.

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Nicht altern wollende Sängerinnen kennt man eigentlich auch in Salzburg – übrigens ein Dorado der Schlauchbootlippen und Faltenfreizombies – zur Genüge. Trotzdem hat die 337 Jahre junge Emilia Marty noch nie bei den Festspielen gastiert. Auch nicht unter ihren anderen Namen, Ellian MacGregor, Ekaterina Mysink, Eugenia Montez oder Elsa Müller.

Aber dafür erlebte hier 1998 ein junge Norddeutsche, Angela Denoke, ihren internationalen Durchbruch. Mit Leos Janaceks wolgawogender Ehebruchstragödie "Katja Kabanova", damals inszeniert – natürlich ohne Wolga – von Christoph Marthaler in einem tschechischen Kleinbürger(alb)traumbühnenbild von Anna Viebrock.

Das Marthaler-Opernwunderland

Es wurde in seiner schrägen, dabei herzgreifenden Wahrhaftigkeit einer der größten Operntriumphe der an Erfolgen nicht armen Mortier-Ära. Jetzt kehrten alle drei Protagonisten – mit Esa-Pekka Salonen, der hier ebenfalls zuletzt 1992 unter Mortier für die bahnbrechende "Saint Francois d'Assise"-Produktion im Orchestergraben stand – für eine weitere Leos-Janacek-Premiere, eben "Die Sache Makropulos", an die Salzach zurück. Und scheinen ebenfalls nicht gealtert. Jedenfalls haben sie ihre theatralischen Tugenden wirkungsmächtig gut konserviert.

Im Marthaler-Opernwunderland hat sich also nicht viel verändert. Was bestens zu einem Stück passt, in dem die Titelfigur dank eines um 1600 am Hofe Rudolphs II. in Prag ersonnenen Elixiers nicht altert.

Jene Elena Makropulos, so ihr erster Name, kehrt stets als Sängerin wieder, treibt Männer ins Verderben und zählt sogar noch mehr Jahre: 340, wenn man die Uraufführung 1926 zum Maßstab nimmt, 385, wenn man die jetzige Seventies-Bühnenästhetik berücksichtigt, und satte 425 Jahre bis zum heutigen Tag.

Intimes und Öffentliches auf der Bühne

Anna Viebrock durfte sich diesmal sogar im großen Festspielhaus austoben. Und wieder ist ihr ein großartiger, dreiteiliger Rätselhybridraum gelungen. In der Mitte sieht man den hohen, altmodisch getäfelten Verhandlungssaal eines Gerichts, links mündet ein nach hinten laufender Gang mit vielen Türen vorn in einem Rauchereck, wo hinter Glas die Süchtigen wie in einem Terrarium ausgestellt sind.

Und rechts befindet sich auf einem streifig marmorierten Boden ein Wartebereich mit grüngepolsterter Sitzbank und einem Blumenfenster, hinter dem im bleichen Licht ein weiterer Aufenthaltraum zu vermuten ist.

Hier ereignet sich Intimes und Öffentliches gleichzeitig, Konkretes und Surreales fließen ineinander, und die Marty kommt so unaufgeregt geheimnisvoll und diesseitig durch eine Klapptüre, wie sie dort am Ende, noch höchst lebendig, wieder entschwindet; die Urkunde, jene "Sache Makropulos" mit der endlich wieder in ihrem Besitz befindlichen existenzverlängernden Formel, hat sie da schon einer jungen Sängerin überlassen, welche sie angeekelt verbrannt hat.

Christoph Marthaler übertreibt nicht

Wird sie endlich sterben? Wohl ja, aber wir sind nicht mehr Zeuge, und Janaceks Posaunen des letzten Gerichts sind längst weich gerundet verklungen. Wie überhaupt die Wiener Philharmoniker unter dem für gewöhnlich so nüchtern analytischen Esa-Pekka Salonen zwar akribisch und exakt spielen, trotzdem aber in ihrem Wohlklang mehr als nur eine Ahnung von Puccini auf Mährisch vermitteln - was durchaus als Kompliment gemeint ist.

Diese kleinteilige Musik muss nicht immer aufgeregt abgeklärt tönen. Wo gerade die Szenerie jedes Melodram vermeidet, darf es ruhig im Orchester ein wenig elegisch schwelgen.

Christoph Marthaler fügt der Geschichte, die als komplexe, von Emilia initiierte juristische Streiterei beginnend, nichts Wesentliches hinzu, und er verleiht auch dem untoten Wesen der großen Diva nicht wirklich eine weitere Dimension - höchstens einen Hauch von Menschlichkeit, obwohl Emilia keine nette Person ist, sondern "kalt wie Eis, als hätte ich eine Tote umarmt", so Jaroslav Prus (der lauernd präsente Johan Reuter), einer der Prozessgegner, dem sie für eine Liebesnacht die lebenswichtige Urkunde abluchst.

Mit nackten Beine im Herrenhemd

Angela Denoke, erst im strengen Mondrian-Schick von Yves Saint-Laurent , gleicht mit ihrer rotbraunen Perücke und den hoch geschminkten Wangenknochen immer mehr einem Abbild von Marlene Dietrich als alle täuschender "Zeugin der Anklage" – später, nach der vor endlich zusammengefundenem, bald aber schon eingeschlafenem Gerichtspersonal absolvierten Bettszene, gibt sie sich verletzlich, mit nackten Beinen im Herrenhemd.

Sie verzichtet auf jede an dieser Stelle gern ausgespielte Primadonnen-Allüre, lässt das Publikum gleich nah an sich heran. Und sie berührt so unmittelbar, trotz ihrer Kühle, wo andere Martys allein durch Staffage auf Distanz halten.

Es ist etwas schwebend Transparentes um diese Frau, natürlich verstärkt durch Denokes monochrom leuchtenden, ebenmäßig dahinfließenden Sopran. Gerade ihre Unaufdringlichkeit gewinnt so an Vehemenz. Ein Anti-Star fesselt einmal mehr sein Publikum.

Drei Akte hochspannend in zwei Stunden

Die drei Akte werden pausenlos in zwei hochspannenden Stunden absolviert. Bei Marthaler ähneln sich die vielen hervorragenden Männer von Anfang an: der unsichtbar Schreibmaschine schreibende Gehilfe Vitek (Peter Hoare), der andere Prozessgegner Albert Gregor (kerlig: Raymond Very), der herrische Rechtsanwalt Kolenaty (Jochen Schmeckenbecher), der senile frühere Liebhaber Hauk-Sendorf (Ryland Davies) und der sich später umbringende Prus-Sohn Janek (Ales Briscein).

Eine Galerie ewig neuer Galane der Makropulos. Schließlich werden sie alle, wie oft bei Marthaler, von irgendwie nervösen Ticks übermannt. Marthaler packt das Stück zudem in seinen typischen Rahmen stummer Vorspiele, die hier – wir befinden uns in Prag - besonders kafkaesk wirken.

Da unterhalten sich stumm, nur in Übertiteln, eine gebrechliche Frau an Gehhilfen und eine blasiert Elegante auf anderthalb Zigarettenlängen in dem Raucherglaseck über Gott, die Welt, die Männer und das ewige, nur manchen vorbehaltene Leben.

Typisch sinnlose Marthalereien

Ein Mann (angeblich der pensionierte Oberkellner vom Café Bazar) starr in den Orchestergraben. Später, vor dem eigentlich vor Emilias Theatergarderobe spielenden Bild, führen deren dicke Zofe und der riesige Maschinist typisch sinnlose Marthalereien vor. Und der dritte Akt in ihrem Hotelzimmer wird zur mehrfach eingeläuteten, dann nicht weiter beachteten Gerichtsverhandlung.

Marthaler als Opernregisseur ist – anders als in seinen selbsterfundenen Stücken – von durchaus limitierter Fantasie. Aber hier, in dieser zweiten Janacek-Produktion eines Dreamteams, passt es einfach. Und deshalb werden alle Beteiligten am Ende als ewig Musiktheaterjunge so empfangen wie schon vor 13 Jahren: mit jauchzend begeistertem Jubel. Zumindest diese Salzburger Opernformel verspricht offenbar künstlerische Unsterblichkeit.

Termine: 13., 18., 25., 30. August; Karten: (0043-662) 80 45 500