Paolo Giordano

"Ich mag es, wenn mich das Kino überwältigt"

Eiszeit der Gefühle: Paolo Giordano hat die Romanvorlage für "Die Einsamkeit der Primzahlen" geschrieben. Ein Gespräch über die Qualen des Erwachsenwerdens.

Es ist die Geschichte eines Wunderkindes: Das Abitur bestand der 1982 geborene Paolo Giordano mit der bestmöglichen Punktezahl, er studierte theoretische Physik, promovierte und schrieb nebenbei einen Roman. "Die Einsamkeit der Primzahlen" wurde 2008 auf Anhieb zum Bestseller.

Die Geschichte der schwer traumatisierten Freunde Alice und Mattia, die nicht so recht zueinander kommen, verkaufte sich in Italien über eine Million Mal, in Deutschland gingen immerhin 70.000 Exemplare über den Ladentisch.

Giordano, der in Turin lebt, wurde als jüngster Schriftsteller in der Geschichte des Preises mit dem Premio Strega ausgezeichnet. Die Verfilmung mit Isabella Rossellini stellt die quälende Einsamkeit und das beinahe psychotische Innenleben der Figuren in den Vordergrund. Sie hatte vergangenes Jahr auf dem Filmfestival in Venedig Premiere, nun kommt sie in Deutschland ins Kino.

Morgenpost Online: Herr Giordano, "Die Einsamkeit der Primzahlen" war der erste Roman, den Sie geschrieben haben. Nun wurde er verfilmt. War es schwer für Sie, die Geschichte loszulassen?

Paolo Giordano: Nein, überhaupt nicht. Ich war viel zu sehr auf das Buch fixiert, ich redete eine Weile lang über nichts anderes mehr. Ein Teil von mir fing an, das Buch regelrecht zu hassen. Dass es vor meinen Augen zerstört und wieder neu aufgebaut wurde, war eine Erleichterung.

Morgenpost Online: Nach der Veröffentlichung des Romans waren Sie plötzlich ein Literaturstar. Wie sind Sie mit dem Ruhm umgegangen?

Giordano: Der Erfolg hat mich ziemlich eingeschüchtert. Ich war darauf nicht vorbereitet. Es war definitiv nicht das Leben, von dem ich geträumt habe. Ich wollte kein berühmter Schriftsteller sein. Die vergangenen zwei Jahre waren hart, jeden Tag gab es eine neue Situation, die ich meistern musste.

Morgenpost Online: Sehen Sie sich eher als Physiker oder als Schriftsteller?

Giordano: Ich habe die Physik aufgegeben, denn es war ganz unmöglich, beides auf einmal zu machen. Mir wurde erst jetzt klar, dass ich unbewusst schon länger nach einem Weg aus der Wissenschaft suchte. Ich fühlte mich nie intelligent genug, die Physik auf einem richtig hohen Niveau zu betreiben.

Morgenpost Online: Sie sind Physiker, Ihre Figur Mattia ist Physiker. Ermöglicht die Forschung die Flucht aus der Realität?

Giordano: Ich glaube schon, dass die Physik eine Parallelwelt bietet. Das ist, wonach man sucht, wenn man sich für die Wissenschaft entscheidet. Für mich hatte das damit zu tun, dass ich mich im Alltag nicht immer wohl fühlte, ich wollte auch auf einem abstrakteren Level leben und arbeiten. Was der Physik aber fehlt, ist die Menschlichkeit. Die Literatur hat diese Seite.

Morgenpost Online: Sie haben zusammen mit dem Regisseur Saverio Costanzo auch das Drehbuch geschrieben. Inwiefern unterschied sich das vom Verfassen des Romans?

Giordano: Es war eine ganz andere Erfahrung, vor allem, weil ich beim Drehbuch nicht der Chef war. Ich war eher ein Zuschauer. Dadurch habe ich in gewisser Weise meine Geschichte zum ersten Mal von außen wahrgenommen, weil jemand anderes sie mir erzählt hat. Wenn man derjenige ist, der sie schreibt, behält man immer die Kontrolle und kann sich nie wirklich darin fallen lassen.

Morgenpost Online: Der Film wirkt viel dunkler und psychodramatischer als das Buch. Braucht das Kino stärkere Reize als die Literatur?

Giordano: Die Ästhetik hat sich total verändert. Der Regisseur hat dem Buch ein Horror-Moment hinzugefügt. Er spielt mit diesem Genre. Dadurch ist der Film sehr explizit geworden. Alles wirkt laut und farbenfroh, im Buch dagegen habe ich die Gefühle und Konflikte der Figuren sehr zurückgenommen und kühl dargestellt. Der Film hat das Buch zum Explodieren gebracht.

Morgenpost Online: Hat Sie diese spektakuläre Umsetzung schockiert?

Giordano: Nein, ich mag es, wenn das Kino mich überwältigt. Wäre der Film zu nah am Buch geblieben, wäre er viel zu minimalistisch geworden.

Morgenpost Online: Anders als der Roman hat der Film ja fast ein Happy End. Nach Jahrzehnten scheinen sich der isoliert lebende Mattia, der sich für den Tod seiner Schwester verantwortlich fühlt, und die magersüchtige Alice vorsichtig einander anzunähern.

Giordano: Als ich das Buch schrieb, habe ich nicht daran geglaubt, dass sie wirklich zusammenkommen. Aber der Regisseur hatte ein anderes Gefühl.

Morgenpost Online: Entwickeln sich die Figuren?

Giordano: Kaum, sie sind sehr statisch und kreisen jahrlang immer um dieselben Probleme. Ich wollte, dass das Buch eine Art Anti-Bildungsroman ist.

Morgenpost Online: Verletzungen aus der Kindheit bestimmen das Leben von Alice und Mattia, es scheint, als hätten sie keine Chance, sie zu überwinden.

Giordano: Ich würde nicht sagen, dass es keine Hoffnung für sie gibt, sie sind nur noch nicht reif dafür. Genauso wenig, wie ich reif dafür war, als ich es schrieb. Es hätte falsch geklungen.

Morgenpost Online: Isabella Rossellini , die die Mutter von Mattia spielt, gruselt sich vor ihrem eigenen Kind, das in seiner Welt gefangen scheint. Ist das ein normales Gefühl für Mütter?

Giordano: Ich glaube, es ist normaler als wir denken. Wenn die Kinder groß werden und man realisiert, dass sie ganz anders sind als man selber und auch anders als das Bild, das man von ihnen hatte, kann das einem Angst machen. Wenn Eltern versuchen, so wie ihre Kinder zu sein und in ihre Welt einzudringen, geht das meist schief.

Morgenpost Online: Im Film deutet kaum etwas darauf hin, dass die Handlung in Italien spielt. Die Charaktere wirken fast nordisch, bis auf diese überbesorgte, lamentierende Mutterfigur.

Giordano: Ja, sie ist eine typische italienische Mama. Italienische Mütter sind immer und überall präsent - und sie werden immer da sein.