Yoko Onos neue CD

Auf diese Plastic Ono Band wäre Lennon neidisch

Ein bisschen Frieden: Für ihre neue CD "Between My Head And The Sky" hat John Lennons Witwe Yoko Ono die 1975 aufgelöste Plastic Ono Band zurück ins Leben gerufen. Auch der gemeinsame Sohn Sean spielt mit. Herausgekommen ist dabei eine Musik, auf die John Lennon neidisch gewesen wäre.

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Seit 1969, als die Beatles auseinander liefen, muss sich Yoko Ono von Musikfreunden verwünschen lassen. Seit John Lennon sie der Welt als Witwe hinterließ, vor 29 Jahren, wird daran erinnert, dass die Beatles gern in Indien waren. Manchen Hindu überlebt die eigene Witwe nur um Stunden.

Während Yoko Ono also 40 Jahre lang vom Pop verachtet wurde, feierte der Kunstbetrieb sie umso mehr. Zuletzt erhielt sie bei der Biennale in Venedig einen Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk. Vor einem Jahr rühmte die Bielefelder Kunsthalle ihr bildendes Schaffen. Überschrieben war die Rückschau mit „Between The Sky And My Head“.

„Between My Head And The Sky“, heißt Yoko Onos neue Platte. Kurzerhand kehrt sie den künstlerischen Leitgedanken um. Weil sie als Sängerin verkehrt gesehen wird? Weil das Musikgeschäft sie missversteht? Weil Kunst vom Himmel fällt, während Musik im Kopf entsteht?

Man weiß es nicht. Man weiß auch nicht, warum die 76-Jährige die Plastic Ono Band wieder belebt, John Lennons Band. Zwar lehrt die Popgeschichte, dass niemand verschwindet, auch nicht durch den Tod, und dass Comebacks die Regel sind. Die Wiederkehr der Plastic Ono Band wirkt dennoch irritierend.

1966 traf John Lennon auf die sieben Jahre ältere Japanerin. Bei einer Londoner Ausstellung ermunterte die Künstlerin den Beatle, mit dem Hammer einen Nagel einzuschlagen. Lennon wurde Teil eines interaktiven Kunstwerks, und drei Jahre später wurde Yoko Ono seine Frau.

Die Hochzeit fand in Gibraltar statt. Anschließend erschien „The Ballad Of John And Yoko“, eine Single, mit der Lennon seine neue Liaison verteidigte. Das Paar stieg wieder öffentlich in ein Hotelbett für den Weltfrieden.

Nach Amsterdam und Wien landeten sie in Montreal. Am 1. Juni 1969 trafen die Geräte und Gehilfen für „Give Peace A Chance“ ein. Unter Plastic Ono Band wurde die Aufnahme veröffentlicht. Die gleichnamige Band flog im September nach Toronto. Eric Clapton war dabei, der deutsche Grafiker Klaus Voormann spielte Bass.

Im Flugzeug wurde eine Art Repertoire erarbeitet. Beim Festival spielte die Gruppe Klassiker des Rock’n’Roll und Rhythm & Blues sowie den „Yer Blues“ von den Beatles. Das Programm beschloss das zwölfminütige „John, John (Let’s Hope For Peace)“ von Yoko Ono, die in einem Bettbezug auftrat.

Der offenen Band gehörten später auch George Harrison und Ringo Starr vorübergehend an, nur Paul McCartney nie. „John Lennon Plastic Ono Band“ hieß 1970 Lennons erstes Soloalbum. Es wurde flankiert von „Yoko Ono Plastic Ono Band“, auf dem sich seine Frau zur Komponistin aufschwang.

Anschließend wurde ein wüster Mitschnitt aus New York veröffentlicht. Unter dem Bandnamen erschienen 1973 noch John Lennons „Mind Games“ und „Feeling The Space“ von Yoko Ono. Anlässlich des Resümees „Shaved Fish“ wurde die Gruppe 1975 offiziell für aufgelöst erklärt. Die Menschheit nahm die Nachricht ungerührt zur Kenntnis und beweinte weiterhin die Beatles.

Yoko Ono hatte es nie leicht im Zeitalter der Pop-Demokratie. Sie stammte aus dem kaisernahen Bürgertum von Tokio, aus einer Bankiersfamilie, die sie an der Universität studieren ließ, Piano und Philosophie. Während der Fünfzigerjahre, in New York, vertiefte sie ihre Gesangskünste.

Zunächst vermählte sie sich mit dem Komponisten Toshi Ichiyanagi, von dem sie sich nach sechs Jahren wieder trennte, ausgestattet allerdings mit nützlichen Kontakten zu John Cage und Vordenkern der Fluxus-Kunst. Die Sechzigerjahre nutzte Yoko Ono, um mit anklagenden Happenings berühmt zu werden.

Als sie 1966 ihre eigene Londoner Ausstellung eröffnete, galt sie bereits als Meisterin der weißen Leinwand und war Schöpferin des Kunstwerks „Cut Piece“: Dabei lud sie die Besucher ein, ihr Haare auszureißen und ihr die Kleidung zu zerfetzen.

1968 unterstützte sie John Lennon bei „Unfinished Music No. 1: Two Virgins“. Ein Jahr später wurden ihre jungfräulichen, unvollendeten Kompositionen fortgesetzt, während die Beatles sich untereinander immer fremder wurden. Es ist seither viel Papier vergeudet worden, um herauszuarbeiten, was Lennon in der älteren Japanerin gesucht hat.

Von der Mutter bis zum fleischgewordenen Weltgeist. Lennon stammte zwar aus einfachen Verhältnissen. Aber er war nicht ungebildet und nicht ohne Ehrgeiz. Gern ließ sich der Beatle für den Frieden ins Hotelbett setzen und zum Vortrag von „Imagine“ an den weißen Flügel. Gern war er auch Hausmann, als Sean Ono Lennon auf die Welt kam, 1975, nach der Auflösung der Plastic Ono Band. Gern überließ er seiner Gattin die Geschäfte.

Yoko Ono nennt John Lennon heute nicht nur scherzhaft „diesen Rocker“. Und womöglich wird die Plastic Ono Band allein aus Trotz wieder geboren. Ihr Sohn Sean hat bereits 1995 für ihr glänzendes Comeback gesorgt, mit seiner Gruppe Ima und dem Album „Rising“.

Vor zwei Jahren hat die Popwelt Yoko Ono mit „Yes, I’m A Witch“ erlöst vom eindimensionalen Witwendasein, als Antony Hegarty, Cat Power und Le Tigre ihre Klassiker interpretierten. Schließlich hat sie in fast 50 Schaffensjahren einiges vorweg genommen, hat schon früh experimentell gezetert und erzürnt gerappt.

Daran erinnert auch „Between My Head And The Sky“. Das Album fängt mit „Waiting For The D-Train“ an, einem fast herkömmlichen Rockstück. „Moving Mountians“ mündet in erschütterndes Geschrei. „Watching The Rain“ ist ein gerappter Wetterbericht.

Auch Jazz und Funk erklingen, esoterische Musik wie „Healing“, wobei nicht nur meditiert wird sondern auch an Auschwitz und Hiroshima erinnert. Anführer der aktuellen Plastic Ono Band ist jetzt Sean Lennon, der die Musiker aus der New Yorker Downtown-Szene rekrutiert und aus den ehemaligen Acid-Jazzern Tokios. Aufgenommen wurde in nur wenigen Tagen in New York bei Sear Sound, wo auch „Double Fantasy“ entstanden war, John Lennons Abschiedsalbum.

Wer genau hinhört, vergisst auch liebgewonnene Vorbehalte gegen Yoko Ono. Nicht nur auf die Band wäre John Lennon neidisch, sondern auch auf die vollendete Symbiose zwischen Pop, Musik und Kunst. „Between My Head And The Sky“, das Album, und „Between The Sky And My Head“, die Schau, ergänzen sich sogar.

In Bielefeld schickte die ewige Friedensbotin Leichenwagen in den öffentlichen Nahverkehr und pflanzte Wunschbäume. In der Musik verwandelt sie die Welt in einen besseren Ort. Am Ende, am Klavier, versöhnt die Witwe mit der plötzlich frohen Botschaft „I’m Alive“.

Je freundlicher sie auftritt, umso freundlicher wird sie betrachtet. Selbst von England aus, dem Mutterland der Beatles. „Yoko Ono lässt ihren verblichenen Ehemann um Längen hinter sich. Aber das war schon immer so“, schreibt das Musikblatt „Mojo“ heute. Peace.

Yoko Ono Plastic Ono Band: Between My Head And The Sky (Chimera)