Komödie

Der Eismann, der gern ein Fischstäbchen wäre

In "Arschkalt" muss ein frustrierter Tiefkühllieferant lernen, was Teamarbeit ist. Dabei beginnt er selbst aufzutauen.

Man kann es nicht anders sagen: Dieser Mann ist wirklich cool. Das ist allerdings nicht unbedingt als Kompliment zu verstehen. Es handelt sich bei dieser unterkühlten Lebenshaltung nämlich unübersehbar um eine professionelle Deformation.

Rainer Berg (Herbert Knaup) arbeitet schon so lange im Tiefkühlsektor, dass er selbst zu einem schockgefrosteten Eismann geworden ist. Er zieht die eisige Monotonie des Seewetterberichts jeglicher Unterhaltung mit den Mitmenschen vor. Und die Kunden behandelt er so, als seien sie Fischstäbchen.

Obwohl er die eigentlich ganz gut findet. Die Stäbchen, nicht die Kunden. „Manchmal wünschte ich mir, ich wäre ein Fischstäbchen“, hört man Berg referieren. „Früher oder später würde man in der Pfanne landen, aber bis dahin hätte ich wenigstens meine Ruhe.“

Ohnehin verfügt dieser Mann über ein ausgesprochen schlüssiges Welterklärungskonzept. „Im Leben ist alles eine Frage der richtigen Temperatur“, glaubt Berg. Er hat sich für deutlich unter Null entschieden, seitdem er den väterlichen Kühlmittel-Betrieb in die Pleite geführt hat und sich nun als Tiefkühllieferant in der norddeutsche Ebene verdingen muss.

Bergs frostige Lebensweisheiten aus dem Off, die mit Mikroskop-Bildern aus den Tiefen eines Eiskristalls illustriert werden, verleihen „Arschkalt“ eine überaus sinnfällige Struktur. Denn Regisseur und Autor André Erkau will hier nicht bloß eine launige Komödie aus dem Bofrost-Milieu vorlegen. Obwohl das auf der Oberfläche natürlich recht gut gelingt.

Dem zynischen Eigenbrötler Berg stellt Erkau einen naiv-trotteligen Beifahrer zur Seite, der mit seinem munteren Sprechdurchfall das genaue Gegenteil des maulfaulen Eisbergs ist. Herbert Knaup als Berg und Johannes Allmayer (der Zwangsneurotiker aus „Vincent will meer“) als sein Beifahrer Tobias funktionieren als unnerviges „odd couple“ prächtig.

Kein Ebenezer Scrooge

Was natürlich auch daran liegt, dass man bei der Hauptfigur von Anfang an weiß, dass sie eben kein verknöcherter Ebenezer Scrooge ist. Um seinem in einem eigentlich unbezahlbaren Altersheim lebenden Vater (Peter Franke) vorzugaukeln, dass der untergegangene Familienbetrieb weiterhin floriert, strampelt sich Berg als Dienstleistungsscherge ab. Seine Coolness ist vor diesem Hintergrund nicht als Menschenhass, sondern als Schutzmantel zu verstehen.

Das Schockfrosten, so lernt man aus einer der Ausführungen des Tiefkühlkostfahrers, ist nun mal die probateste Versicherung gegen das Verderben. Wohingegen, auch das eine philosophische TK-Weisheit, die größten Gefahren beim Auftauen drohen. Was an Berg denn auch exemplarisch vorgeführt wird – die mühsam hinter einem Chefinnen-Panzer versteckte Herzenswärme der neuen Vorgesetzten Lieke (Elke Winkens) führt zum allmählichen Dahinschmelzen des Eismanns. Das symbolische Resultat ist gewissermaßen Gefrierbrand – und ein explodierendes Aufblas-Iglo.

Kapitalismus-Klatsche

Vordergründig mag „Arschkalt“ ein wenig an ein anderes Roadmovie aus dem norddeutschen Lebensmittelsektor erinnern, an Lars Jessens „Die Schimmelreiter“, wo eine vergleichbare Personenkonstellation auf der Suche nach sich selbst übers platte Land irrt. Erkau aber geht noch ein Stück weiter, indem er mit seinem Film Probebohrungen im kalten Herz des Kapitalismus vornimmt.

Wie gut er die Absurdität der gegenwärtigen Wirtschaftswelt auszumalen vermag, hat der Regisseur schließlich schon mit seinem Erstling „Selbstgespräche“ gezeigt, für den er mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet wurde. „Arschkalt“ weist viele Parallelen zu der Callcenter-Tragödie auf. Hier wie dort versuchen die Charaktere in einer Arbeitswelt klarzukommen, die ihnen ihre Würde nimmt.

Verglichen mit „Selbstgespräche“, wo der von August Zirner gespielte Chef verzweifelt mit hohlen Motivationsfloskeln um sich warf, geht „Arschkalt“ etwas subtiler vor. Sicher – auch hier wird die eiskalte Profitmaximierungs-Strategie der Lächerlichkeit preisgegeben, indem aalglatte Managertypen dazu gezwungen werden, komplett alberne Ohrschoner zu tragen und die Einführung blödsinniger Convenience-Produkte zu fordern.

Erkau zeigt jedoch kein bizarres Rennen im Hamsterrad mehr, sondern das melancholische Treten auf der Stelle. Es ist vor diesem Hintergrund kein Zufall, dass die gute alte Welt des Kapitalismus in „Arschkalt“ nur noch als Farce wiederauferstehen kann – als Feier mit gefälschten Kunden in einer schon lange still gelegten Fabrik.

Ein Film voller Verlierer

Mit diesem Fest will Berg seinem Vater ultimativ beweisen, dass es dem nicht mehr existierenden Familienbetrieb immer noch blendend geht. Wie verweht diese Welt ist, in der der Unternehmer für seine Mitarbeiter wie ein strenger Patriarch sorgte, zeigt sich daran, dass der alte Mann den Betrug nicht bemerkt. Oder ihn nicht durchschauen will.

Auch er also ein Verlierer, wie fast alle in „Arschkalt“. Das ist aber nicht weiter schlimm. Denn die geheime Botschaft des Filmes lautet: Scheitern ist cool.