Wohnungsbau

Architekt Ernst May, der Vater der Trabantenstädte

Ernst May war einer der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts, sogar die UdSSR holte ihn. Das Deutsche Architekturmuseum zeigt sein Gesamtwerk.

Allzu lange wurde es überstrahlt von der Weißenhofsiedlung in Stuttgart (Leitung: Mies van der Rohe, 1927), der Hufeisensiedlung in Berlin (Leitung: Martin Wagner, Bruno Taut, 1925-33) und der Versuchssiedlung Dessau-Törten (Walter Gropius, 1926-28).

Dabei geriet in Vergessenheit, dass Ernst May – wie Wolfgang Voigt im Ausstellungskatalog herausarbeitet – schon gleich nach seiner Berufung nach Frankfurt 1925 10.000 Wohnungen in 17 (Trabanten-) Siedlungen plante, von denen allein bis 1929 schon 2444 Wohnungen realisiert wurden.

Ernst May – als "Baudiktator" bekämpft

In ganz Deutschland gab es zu dieser Zeit kein zweites Wohnungsbauprogramm von solcher Größenordnung, das so stringent den Formenkanon des Neuen Bauens vordekliniert hätte.

Dass dies allein auf den Ideen eines einzelnen Mannes beruhte, der ob der ihm übertragenen Machtfülle in Frankfurt und wegen seiner brachialen persönlichen Durchsetzungskraft bald als "Baudiktator" bekämpft und als "Mussolini der Architektur" bejubelt wurde, gab diesem Werk eine Einheitlichkeit und propagandistische Kraft, gegen die ein Projekt wie der Weißenhof mit 21 Häusern und 63 Wohnungen nur wie "Peanuts" wirken konnte.

Erst Martin Wagner, der 1927 Stadtbaurat in Berlin wurde (und May bewunderte), hat in einer ungleich hürdenreicheren Anstrengung mit 146.000 Wohnungen bis 1931 Mays Frankfurter Pioniersiedlungen an Quantität zu übertreffen vermocht, wobei er sich organisatorisch, konzeptionell und stilistisch exakt an sein Vorbild hielt.

Von "menschenunwürdigen 'Wohnkästen'"

Den Fachleuten und prominenten Berufskollegen Mays war dessen Vorreiterrolle voll bewusst. Schon ein Jahr nach Gründung der Architekten-Internationale CIAM (Congrès Internaux de l'Architecture Moderne) beriefen sie deren zweites Treffen vom 24. bis 26.Oktober 1929 nach Frankfurt ein.

Für May zahlte sich dabei auch seine Fähigkeit zur Selbstvermarktung aus. Seine von Hans Leistikow modern designte Zeitschrift "Das neue Frankfurt", schon damals so etwas wie das Zentralorgan der Architekturmoderne, und seine programmatische Buchveröffentlichung über "Die Wohnung für das Existenzminimum" feierten mit beachtlicher Breitenwirkung "jede Neuerung als weltbeglückende Erneuerungstat", wie Mays Hamburger Kollege Fritz Schumacher säuerlich notierte.

Dass sich der Baupolitiker damit auch in Frankfurt nicht nur Freunde erwarb, dokumentiert die Ausstellung mit Bürgerbriefen, die in der Anklage gipfeln: "Es schreit ja zum Himmel, wie May das Stadtbild verschandelt durch diese menschenunwürdigen ,Wohnkästen', die allem gutem Geschmack und Ästhetik hohnsprechen". Die Deutschnationalen wünschten den Planer auf einem Wahlzettel "nach dem Lande, wo der Pfeffer wächst".

Mays Megaprojekt in der Sowjetunion

Zur neuen Bewertung der Rolle Mays tragen maßgeblich die Forschungsergebnisse bei, die Thomas Flierl, der frühere Berliner Wissenschafts- und Kultussenator, in Russland gesammelt hat.

Denn dass May mit mehr als 20 Getreuen in der Hochzeit des Stalinismus und der Kollektivierung der Landwirtschaft mit ihren Millionen Opfern in die Sowjetunion ging, um dort "die vielleicht größte Aufgabe, die je einem Architekten gestellt wurde" (May), zu übernehmen, war zwar bekannt.

Aber über Inhalt, Umfang und Realisierung dieser Aufgabe herrschte ein von May selbst nach dem Krieg tunlichst verbreitetes Dunkel. Auch Flierl kann es noch längst nicht in erwünschtem Maße aufhellen.

Chefingenieur des UdSSR-Wohnungsbaus

Völlig neu freilich ist der Nachweis, dass die "Brigade May" nicht etwa eine sekundäre Rolle spielte, sondern dass May auf dem Höhepunkt seiner Tätigkeit Chefingenieur für den gesamten Wohnungs- und Siedlungsbau der UdSSR war und ein Heer von 800 Mitarbeitern befehligte, darunter 150 ausländische Spezialisten.

Flierl weist nach, dass "heute bereits mehr als 20 Orte identifiziert werden" können, für die May in der Sowjetunion geplant und gebaut hat. Zu einer Zeit, zu der es noch angängig schien, sich auf diese Tätigkeit etwas zugute zu halten, gewichtete der Planer selbst den Umfang der "in Gemeinschaft mit russischen Kollegen unter meiner Oberleitung" ins Werk gesetzten sowjetischen Planungen in einem Zeitungsartikel mit Angaben zur geplanten Bewohnerstärke:

"Magnitogorsk 200.000 Menschen, Kusnetzk 150.000 Menschen, Leninsk 200.000 Menschen, Schtscheklowsk 135.000 Menschen, Orsk 50.000 Menschen, Karaganda 250.000 Menschen, Kaschira 100.000 Menschen, Makiewka 150.000 Menschen, Leninakan 120.000 Menschen" – so May in der "Neuesten Zeitung" vom 8.8.1932. Vordenker, Architekt, Stadt- und Gesellschaftsplaner für 1,4 Millionen Menschen zu sein – das war die Rolle, in der sich dieser Umkrempler herkömmlicher Lebensgewohnheiten in der Sowjetunion selbst sah, und die Botschaft, die er den Daheimgebliebenen vermitteln wollte.

Pläne unter Chrustschow wiederentdeckt

Man muss sich bewusst machen, in welcher kurzen Zeitspanne dieser Totalumbau entworfen und organisiert wurde. Erstreckte sich Mays bahnbrechende Arbeit für die Architekturmoderne in Frankfurt auf ganze fünf Jahre, so diejenige in der Sowjetunion auf nurmehr drei Jahre.

In wenigen Monaten wurde hier von 1930 bis 1933 der Same der planerischen Moderne bis weit über den Ural hinaus fast bis an die Grenzen Chinas tief in sowjetische Erde gesenkt.

Auch wenn die Projekte schließlich in den Strudel politischer Machtkämpfe gerieten und im Zuge der architektonischen Wende hin zum Stalinschen Neoklassismus abgebrochen wurden, haben sie bei der Wiedererweckung des modernen Städtebaus unter Chrustschow unmessbare Wirkung entfaltet – ein Kapitel, das noch der Aufarbeitung harrt.

May, Chefplaner der Neuen Heimat

Mays längster – und planerisch unproduktivster – Lebensabschnitt fällt in die Zeit, in der Europa in Krieg und Zerstörung versank. Es sind die Jahre 1933-1954, in denen er sich dieser Großmeister der Planung als Kaffeefarmer in Ostafrika niederließ.

Erst allmählich und vielleicht gar widerstrebend, aber dann doch mit Begeisterung kehrte er mit Konzepten für eine "tropische Moderne", ja ein "Neues Afrika" (Kai K. Gutschow) in sein eigentliches Berufsfeld zurück. Das im Verhältnis schmale Planungswerk dieser Jahre strahlte vor allem in den Ländern Kenia, Uganda und Tansania aus.

Den schwergewichtigen Schlussakkord setzte May danach nochmals in Deutschland. Als Chefplaner der Neuen Heimat 1954-56 und danach Freier Architekt in enger Kooperation mit diesem größten Wohnungskonzern der Welt, dominierte er den Bau von Trabantenstädten und Plattenbausiedlungen im westlichen Deutschland in einem Ausmaß, das keinem seiner Standeskollegen vergönnt war.

Seine Konzepte gelten als überholt

Zwischen 1954 und seinem Tod 1970 entstanden auf seinen Reißbrettern nach den Recherchen von Wolfgang Voigt nicht weniger als 90.000 Wohnungen. Um ein Haar hätte er diesen Einfluss sogar noch über den Eisernen Vorgang hinweg ausdehnen können, als er nämlich 1956 im Architektenwettbewerb für die Siedlung Fennpfuhl in Ostberlin mit dem ersten Preis bedacht wurde. Doch zur Realisierung kam es dann doch nicht.

Ernst Mays Städtebaukonzepte gelten vielen heute als überholt, ja als eines der größten Verhängnisse in der Geschichte städtischer Planung. Das ändert nichts daran, dass er, was vielleicht wirklich erst mit dieser Ausstellung bewusst wird, der wichtigste, einflussreichste deutsche Stadtplaner des 20. Jahrhunderts war, ein deutscher "Haussmann", wenn auch mit diametral entgegengesetzten Leitideen.

Nicht mehr die kompakte, konzentrische Stadt der Blockrandbebauung und der Wohnhöfe mit ihren Sichtachsen und Monumenten, ihren kurzen Wegen und ihrer Nutzungsmischung, sondern die in Bandstrukturen und Zeilen aufgelöste, durchgrünte und egalisierte Siedlung aus standardisierten Typen, industrieller Vorfertigung und schematischer Rastergliederung war das Leitbild, dem er maßgeblich weit über Deutschland hinaus zum Durchbruch verhalf.

Der Mensch als stapelbare Ware

Es war, gemessen an den Widerständen, die einer solchen Uminterpretation der Gesellschaft und des Menschlichen entgegenstanden, ein heroischer, demiurgischer Ansatz, der freilich auf "neue" Menschen zielte, die so nicht einmal unter der Geißel des Sowjetsystems heranreifen wollten.

Wie eine solche neue Stadt strukturiert sein sollte, wird an den Plänen der Brigade May für Nischni-Tagil im Ural (1933) deutlich: "Wohnungen individuell: 41,5%; Wohnungen kollektiv: 3,75%; Speisehaus und Magazin: 3,52%; Kindergarten und Krippe: 15,4%; Schulen: 18,1%; Sportflächen: 8,93%; Wege, Rasen: 8,8%." Der Mensch im Typengehäuse wird selbst zur stapelbaren Ware. Lakonisch bilanziert der Plan: "298 Menschen pro Hektar."

Es lag in der Konsequenz dieses Denkens, dass May für die Stadt Moskau den kompletten Abriss vorsah – nur der Kreml sollte stehen bleiben. Ähnlich wollten ja auch schon Le Corbusier mit Paris (1925) und Ludwig Hilberseimer mit Berlin (1927) verfahren.

May diente sich sogar Stalin an

Ehe der Totalitarismus die politischen Schaltstellen in seine Gewalt brachte, war er auf den Zeichenkartons der Architekten schon präsent. Noch 1954, als May in Hamburg eintraf, stand er im Banne dieser Visionen. In den der Bombardierung entgangenen Straßenzügen AltAltonas wollte er nur noch "einen schon vor der Zerbombung innerlich abgestorbenen Stadtteil" sehen.

Um "einen lebendigen Stadtkörper" aus neuem Geist zu schaffen, fing er an, die übrig gebliebenen Altbauten auch noch abzureißen. Auch wenn er dann doch die selbst gesetzte Zielmarke von zwei Drittel Abriss verfehlte, ist Mays Neu-Altona heute zwar ein grüner Stadtteil, aber einer der totesten Räume der Stadt.

Dass auch May, dieser Heroe eines "sozialen" Städtebaus, nicht davor gefeit war, sich selbst Stalin persönlich anzudienen, belegt die Ausstellung mit einem jetzt erst entdeckten Dokument.

Er verlässt die Sowjetunion degradiert

Ein Jahr nach seinem Eintreffen in der UdSSR bittet der Planer den Diktator um eine persönliche "Audienz", redet ihn mit "sehr geehrter Genosse" an und unterstreicht, dass er "mit wachsender Begeisterung am Aufbau der UdSSR" mitarbeite.

In einer Sprachregelung, die an die spätere DDR erinnert, rühmt May die "einzigartigen Möglichkeiten, die dieser Augenblick von weltgeschichtlicher Bedeutung gerade auf städtebaulichem Gebiet bietet", und verlangt eine noch viel stärkere Vereinheitlichung der Planung, um Fehler des "kapitalistischen Städtebaus der alten Welt" zu vermeiden.

Drei Jahre später verlässt er, degradiert und ausgegrenzt, die Sowjetunion, von seinen russischen Kollegen entgehen wenige, wie wir jetzt erst erfahren, der Verfolgung und Ermordung.

May wollte zeitlebens die "soz. Stadt" bauen

"Es ist keine Sünde, wenn Sie zum Beispiel von Hitler einen Auftrag annehmen?" fragte der Kunsthistoriker Heinrich Klotz den amerikanischen Architekten Philip Johnson 1973. "Nein!" antwortete der Amerikaner.

"Wer mich beauftragt, kauft mich. Ich bin käuflich. Ich bin eine Hure. Ich bin ein Künstler." Und dann bekannte auch er sich dazu, Stalin "verehrt" zu haben: "Ich fand ihn wunderbar, weil ich dachte, er würde etwas bauen. Als junger Mann dachte ich, dass jeder gut sei, der baut."

May wollte zeitlebens bauen, was er schon immer für die "soz. Stadt" gehalten hatte. Walter Schwagenscheidt, einer seiner engsten Mitarbeiter der Frankfurter und russischen Jahre, hatte wohl doch nicht so unrecht, wenn er auf dem Höhepunkt der russischen Expedition selbstironisch notierte, dass "die meisten von uns viel kommunistischer sind, als die Russen selbst".

Der Architekt wollte ein Künstler sein

Heute wird derselbe May gern entschuldigend als "Wohn-Ford" (Voigt) des industrialisierten Städtebaus, als Vater der Plattenbauten und Trabantenstädte gesehen, ohne dass für seinen Nimbus damit viel gewonnen wäre.

Beide, der Kommunist und der Technokrat, sind keine Erlösungsgestalten mehr, beide Klassifizierungen verdecken, dass May vor allem eins war und seit Jugendjahren, in denen er alte Meister kopierte, sein wollte: ein Künstler.

Einer, der die Welt neu erschafft nach klaren, reinen und gnadenlos funktionalen Begriffen. Es war kein Missgeschick, nicht die Zeit und nicht die Gesellschaft, sondern das Ende der Utopien, das dieses Werk am Ende scheitern ließ.

"Neue Städte auf drei Kontinenten", Deutsches Architekturmuseum Frankfurt, bis 6.11.2011.