50 Jahre Mauerbau

Perverser Traum von der begrünten Hightech-Mauer

ARD und ZDF erinnern mit Dokumentationen und Spielfilmen an den Mauerbau 1961. Wie sähe die Grenze aus, wenn das SED-Regime 1989 nicht zusammengebrochen wäre?

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht – jedenfalls galt das in der SED-Diktatur. Vor allem: Ruhe an der Grenze. Vor einem halben Jahrhundert flüchteten täglich zwischen 1000 und 2000 DDR-Bürger über die noch offene innerstädtische Sektorengrenze aus Ost- nach West-Berlin. Jeden Tag ein großes Dorf, pro Woche eine Kleinstadt. Nichts konnte die Fluchtwelle stoppen – nichts außer einer Absperrung der Grenze.

Der westdeutsche Geheimdienst BND schickte ein streng geheimes Fernschreiben an das Bundeskanzleramt. Darin warnte der Dienst vor einer bevorstehenden „Abriegelung der Berliner Sektorengrenze“, zu der auch die „Unterbrechung des S- und U-Bahnverkehrs“ gehören würde. Es war nicht der erste, aber der bis dahin konkreteste Hinweis, dass die DDR das Schlupfloch in die Freiheit stopfen wollte.

Die ARD eröffnet den Reigen der Sendungen zum Jahrestag des Mauerbaus: Insgesamt drei relevante Neuproduktionen bieten die öffentlich-rechtlichen Anstalten dem Publikum an, dazu eine Reihe von Wiederholungen älterer Filme in ihren Haupt- und den inzwischen unübersichtlich vielen Nebenprogrammen.

"Geheimsache Mauer"

Den Auftakt bildet die 90-minütige Dokumentation „Geheimsache Mauer. Die Geschichte einer deutschen Grenze“ von Christoph Weinert und Jürgen Ast. Die beiden Filmemacher nehmen die gesamte Existenz der Berliner Mauer in den Blick, von 1961 bis 1989. Ja, sie starten gleich mit einer irritierenden, kontrafaktischen Spekulation: Wie sähe die Mauer wohl aus, wenn das SED-Regime 1989 nicht zusammengebrochen wäre?

Pläne dafür gab es, ausgearbeitet wurde das Konzept einer „Mauer 2000“ von den DDR-Grenztruppen seit 1983. An die Stelle von Beton und Stacheldraht sollte eine unüberwindliche, immergrüne Dornenhecke treten, statt Minen und Schießbefehl sollten Bewegungssensoren und Betäubungswaffen jeden Fluchtversuch unmöglich machen.

Die Anfangssequenz der Dokumentation zeigt, wie ein Fluchtversuch über diese innerstädtische Grenze am 50. Jahrestag des Mauerbaus vielleicht gescheitert wäre.

Leider reichte der Mut von Weinert und Ast nicht, um die ganzen 90 Minuten mit so irritierenden Ideen zu bestreiten. So ist ihr Film eine durchaus gelungene, mit manchem interessanten Detail und einigen bislang unbekannten Bildern gewürzte Dokumentation geworden, die solide und sehenswert ist. Überraschen allerdings kann der Film selten.

Die fiktive Zuspitzung der historischen Realität ist ein probates Mittel, um dem Zuschauer die Brisanz vergangener Wirklichkeit vor Augen zu führen. Perfekt vorgeführt hat das Florian Henckel von Donnersmarck in seinem Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“.

Zwar gibt es keinerlei Beleg, dass auch ein Stasi-Offizier innerlich die Seiten gewechselt hätte, doch gut erfunden und noch besser gespielt vermittelt der Oscar-gekrönte Film einen Eindruck von den Methoden der sozialistischen Diktatur.

"Der Mauerschütze"

Diese Idee versuchen Drehbuchautor Hermann Kirchmann und Regisseur Jan Ruzicla auf das Thema innerdeutsche Grenze zu übertragen. Ihr Fernsehfilm „Der Mauerschütze“ läuft am 3. August 2011 ebenfalls im Ersten. Die Ausgangssituation ist ebenso fiktiv wie beim „Leben der Anderen“: Ein erfolgreicher Arzt wird von seinem jungen Patienten, der Krebs im Endstadium hat, dazu gebracht, das eigene Leben zu bilanzieren.

Und darin gibt es einen dunklen Fleck: Als junger Mann hatte er sich, um einen Medizinstudienplatz zu ergattern, als Grenzsoldat verpflichtet und einen Flüchtling erschossen. Der Arzt macht sich auf den Weg zur Witwe seines Opfers, um sich zu erklären und zu entschuldigen.

Keiner der Täter, die den Tod von annähernd tausend Menschen an der innerdeutschen Grenze verursacht haben , hat je einen solchen Versuch unternommen. Doch für einen Spielfilm ist das eine legitime Annahme. Allerdings reicherten Kirchmann und Ruzicka die spannende, gut ausgedachte Konstellation mit unnötig viel Herzschmerz an.

Schon dass der krebskranke Junge mit zur nichtsahnenden Witwe fährt, wirkt aufgesetzt – dass er sich in deren Tochter verliebt, die erst nach dem Tod ihres Vaters an der Grenze geboren wurde, ist endgültig zu dick.

Da zudem Benno Führmann, der Hauptdarsteller, zwar ein guter Schauspieler ist, aber eben kein Ulrich Mühe, versinkt die Produktion zunehmend in Klischees. Immerhin, das versöhnt mit diesem gut gemeinten Film, ersparen Drehbuchautor und Regisseur dem Publikum ein Happy End.

"Geheimakte Mauerbau"

Manchmal kann auch ein vergleichsweise geringer Etat für eine Produktion zum Vorteil werden. Für das ZDF hat der Dokumentarfilmer Jörg Müllner für den 9. August 2011 einen 45 Minuten kurzen Film gedreht, der sich ganz auf die Monate vor und nach dem Mauerbau konzentriert.

Historiker streiten zur Zeit darüber, wie die Verantwortlichkeiten der Hauptakteure Walter Ulbricht , Nikita Chruschtschow und auch John F. Kennedy zu beurteilen ist. Müllner entscheidet sich in dieser Situation eindeutig zugunsten der Deutung, dass Nikita Chruschtschow der Hauptverantwortliche für den Mauerbau sei.

Das kann man so sehen, muss man aber nicht. In jedem Fall macht Müllner aus dieser Grundkonstellation mit Hilfe erstmals ausgewerteter Akten aus Moskau und teilweise noch nie zuvor gezeigten Fotos beispielsweise von dem West-Berliner Michael-Rainer Ernst und dem US-Soldaten James E. Cornwall eine intensive Dokumentation, der man den vergleichsweise kleinen Etat nicht anmerkt.

Da es ein halbes Jahrhundert später naturgemäß nicht mehr allzu viele direkt Beteiligte gibt, sind einige von Müllners Interviewpartnern schon verschiedentlich zu sehen gewesen, zum Beispiel der Grenztruppen-Offizier Heinz Schäfer.

Bemerkenswert ist jedoch, dass in „Geheimakte Mauerbau“ auch zwei desertierte Grenzpolizisten berichten, die noch nie zuvor öffentlich über ihre Flucht geredet haben. Einen dritten Mann, Gerd Sommerlatte, kann man auch schon in der ersten ARD-Dokumentation sehen.

Er floh, wurde aber von der Stasi aus West-Berlin entführt und in einem Schauprozess verurteilt. Die beiden anderen Zeitzeugen, Traugott Renz und Bernhard Hopp, sprechen in Müllners Film zum ersten Mal. In ihren Erzählungen wird die Absurdität des Grenzregimes deutlicher als in allen Filmausschnitten, Spielszenen oder Dokumenten.

Es sind die vielleicht eindruckvollsten Sequenzen der drei Neuproduktionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zum 50. Jahrestag des Mauerbaus.

Übrigens ist das Thema mit diesem Jubiläum noch nicht erledigt. Denn vor allem in Moskau gibt es noch zahlreiche, bisher unzugängliche Akten, vor allem aus KPdSU- und Militärbeständen.

Stefan Karner, einer der Experten in Müllners Film, bringt die Lage mit einem Vergleich mit einer Matroschka auf den Punkt: „Wir haben die erste russische Puppe aufgemacht, vielleicht auch die zweite und die dritte – aber wir wissen nicht, wie viele Puppen noch darin stecken und was im Kern ist.“

"Geheimsache Mauer“ am Dienstag, den 2. August 2011 um 22.45 Uhr in der ARD; "Der Mauerschütze“ am 3. August 2011 um 20.15 Uhr in der ARD und "Geheimakte Mauerbau“ am 9. August 2011 um 20.15 Uhr im ZDF