"Barney's Version"

Die Geschichte vom Mord, der vielleicht keiner war

Barney hat drei Ehefrauen verschlissen, eine eher fragwürdige Karriere gemacht – und soll gemordet haben. Ob das stimmt, will er im Film herausfinden.

Wie war das mit Barney Panofsky, an jenem Schicksalstag im Haus am See? Angeblich hat sich folgendes abgespielt: Barney erwischt seine Ehefrau mit dem bestem Freund im Bett. Die Gattin flüchtet, und Barney jagt dem Kumpel Bobby eine Kugel in den Kopf. So weit die Theorie eines Kriminalbeamten namens O'Hearne, die dieser nicht beweisen kann. Bobbys Leiche bleibt spurlos verschwunden.

„Barney's Version“ sieht allerdings ganz anders aus. Genauer: in der bewegten Lebensgeschichte eines liebenswerten Menschenfeinds, die der gleichnamige Film erzählt, spielt das Rätsel ums Ableben des drogenabhängigen Freundes keine herausragende Rolle. Gerade mal ein Hauch Thrillerhandlung steckt in der Verfilmung des Romans „Wie Barney es sieht“, auf die am ehesten das Etikett Tragikomödie passt.

Mix aus komischen und dramatischen Momenten

Zugegeben, die als Barneys Autobiographie getarnte Romanvorlage aus der Feder des Kanadiers Mordecai Richler ist bissiger, böser, bunter als der Film. Und Regisseur Richard J. Lewis verzichtet weitgehend auf die selbstsüchtige Sicht der Hauptfigur, bevorzugt die neutrale Perspektive – sodass von Barneys Version nicht wirklich mehr die Rede sein kann.

Trotzdem hat dieser Film es in sich. Der Mix aus komischen und dramatischen Momenten gerät dank Paul Giamatti nie aus dem Lot. Verblüffend, wie der rundliche, oft melancholisch blickende Titeldarsteller seinen Charakter sozusagen vier Lebensjahrzehnte lang im Griff hat, vom sarkastischen Bohemien im Rom der 70er bis zum demenzkranken Zausel auf der Bank am See.

Bei aller Begeisterung für das fantastische Make-Up: Warum die Maskenbildner des Films für einen Oscar nominiert waren, aber nicht den Schauspieler, bleibt schleierhaft. Immerhin gab's einen Golden Globe für Giamatti.

So europäisch wie viele Filme von Woody Allen

Ohnehin passt „Barney's Version“ nicht wirklich zu Hollywood. Mit seinen schillernden Charakteren wirkt die kanadische Produktion so europäisch wie viele Filme von Woody Allen. Dort wie hier ist der Protagonist übrigens Jude, mit entsprechend trocken-melancholischem Humor ausgestattet. Im Unterschied zu Allen bevorzugt Regisseur Richard J. Lewis aber einen Erzählrhythmus, der zur phlegmatischen Hauptfigur passt.

Mit Barneys beruflichem Ehrgeiz ist es nicht weit her: In Montreal leitet er eine Fernsehfirma namens „Total überflüssige Produktionen“ – eine Seifenopernwelt, die Lewis, selbst Regisseur und Produzent von „CSI“ und anderen Serien, mit Sinn für Selbstironie zeichnet.

Eine dümmliche Soap um eine Krankenschwester und einen Park Ranger sichert Barneys beträchtliches Einkommen. Doch wirklich reich macht ihn die Begegnung mit der sanften, schönen Miriam. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Dumm nur, dass der Blickwechsel auf Barneys eigener Trauung stattfindet.

Der Film wimmelt von erstklassig besetzten Figuren

Die jüdische Hochzeit mit der falschen Braut (die sich natürlich als die richtige wähnt) zählt zu den komischen Glanzpunkten des Films, nicht zuletzt, weil Barneys Vater (herrlich: Dustin Hoffman als Ex-Polizist) die steifleinerne Gesellschaft mit seinen unpassenden Bemerkungen aufmischt und seinem Sohn einen Revolver überreicht, eingewickelt in mit Davidsternen geschmücktes Papier. Ein folgenreiches Hochzeitsgeschenk.

Drei Ehefrauen verschleißt Barney auf seiner holprigen Lebensreise. Es sind starke, erstklassig besetzte Figuren. Rachelle Lefevre brilliert als unglückliches Hippiemädchen, das kurz nach der Heirat in Rom Selbstmord begeht. Minnie Driver rauscht als kapriziöse, namenlos bleibende Mrs. Panofsky Nummer zwei herein.

Rosamund Pike verkörpert mit großer Wärme Barneys Traumfrau Miriam, eine Frau mit privaten Prinzipien und beruflichen Ambitionen. Sehr komisch anzusehen: Barneys Eifersucht auf den Nachbarn Blair (Bruce Greenwood), der Miriam nach langer Berufspause einen Job anbietet.

Niedergang eines Helden ohne Gefühlsduselei

Der drahtige, unerträglich hilfsbereite Veganer erscheint so ziemlich als Gegenteil des griesgrämigen Barockmenschen Barney, der im Film selten ohne Zigarre und Whiskyglas zu sehen ist.

Leider gelingt es der Regie nicht, den Zerfall der Ehe von Miriam und Barney restlos überzeugend auf die Leinwand zu bringen. Dagegen zeichnen Lewis und Giamatti den Niedergang ihres Helden ohne Gefühlsduselei nach, aber mit großer emotionaler Kraft.

Ihr Film erzählt nicht von schuldhaftem Scheitern – und an O'Hearnes Mordthese gibt es berechtigte Zweifel –, sondern von einem Mann, der sein Leben lebt, mal recht, mal schlecht, immer nachvollziehbar. Ist Barney Panofsky einer wie wir? Darin könnte jedenfalls ein Grund liegen, warum „Barney's Version“ zum echten Kino-Erlebnis wird.