TV-Dokumentation

Warum der Vatikan Diktatoren hofierte

| Lesedauer: 6 Minuten
Miguel Zamorano

Foto: picture-alliance / Mary Evans Pi / picture-alliance / Mary Evans Pi/Mary Evans Picture Library

Der Vatikanstaat als Global Player: Seine Machtkonzentration und Stabilität sind wohl einzigartig. Welche Rolle spielten die Päpste in Weltkriegen und Revolutionen?

Der nächste Weltjugendtag steht vor der Tür. Diese Mal im katholischen Spanien. Der Vatikan erwartet zwei Millionen junge Besucher aus 170 Ländern, es soll der größte Weltjugendtag aller Zeiten werden. Diese Jugend, die auf ihrem Weg der Sinnsuche in Madrid zusammen kommen wird, bildet einen radikalen Kontrast zu der Zahl der Kirchenaustritte, die jüngst die Deutsche Bischofskonferenz verkünden musste.

Demnach haben im Laufe des Jahres 2010, vor dem Hintergrund der Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche, etwa 180.000 Menschen der jahrtausendalten Institution den Rücken gekehrt.

Beide Ereignisse – hier fromme Jugend, dort leere Kirchenhäuser – werfen einmal mehr die Frage auf: Wie viel Macht hat der Vatikan tatsächlich? Der sowjetische Diktator Josef Stalin wollte Gleiches bereits 1945 wissen. Und formulierte eine rhetorische Frage, die von Verachtung nur so triefte: "Wie viele Divisionen hat der Papst?“.

Der zweiteilige Phoenix-Dokumentarfilm „Die wahre Macht des Vatikan“ des französischen Regisseurs Jean-Michel Meurice, beschäftigt sich nun mit dem Formenwandel katholischen Machtausdrucks.

Und der Film lässt keinen Zweifel zu: In hundert Jahren haben nur neun Päpste es geschafft, die weltliche Macht des Vatikans in einem Maße zu vergrößern, das in der heutigen Zeit eigentlich ungewöhnlich sein müsste.

Denn der Vatikan gleicht einer Art von autoritärer Herrschaftsform, die dem „Monarchen“ solch eine enorme Machtfülle verleiht, wie sie kaum ein anderes autoritäres Staatsoberhaupt zugestanden bekommt. Stalin dürfte den Papst um seine Machtfülle beneidet haben.

Geistliche und spirituelle Machtressourcen

Gleichwohl: Es sind nicht die klassischen Ressourcen, aus denen der Vatikan seine Macht speist, um sich Geltung in der Welt zu verschaffen. Stalins Bemerkung ist daher nicht falsch – militärisch hat der Vatikan rein gar nichts zu bieten. Und doch dürften die Nachfolger Stalins, in ihrer Fixierung auf militärische Stärke, die geistlichen und spirituellen Machtressourcen des Vatikans vollkommen unterschätzt haben.

Dabei war es vor hundert Jahren nicht einmal sicher, dass der Vatikan mal einen eigenen Staat haben sollte, mit eigenem diplomatischen Körper und apostolischen Nuntien als Botschafter in vielen Ländern der Welt; und mit Oberhäuptern, die zwischen den verfeindeten Weltblöcken vermitteln würden.

Die Dokumentation setzt an dieser Stelle an. Papst Leo XIII. ist im Jahr 1896 ein Monarch ohne Königreich. Der junge italienische Staat hat knapp dreißig Jahre zuvor den Vatikan enteignet, und der Papst möchte mit dem neuen Staat möglichst wenig zu tun haben. Die so genannte „Römische Frage“, die sich lange Zeit um den ungeklärten staatsrechtlichen Status des Vatikans dreht, wird bis 1929 das Handeln des Vatikans bestimmen.

Papst Benedikt XV. versucht im Ersten Weltkrieg zu vermitteln, doch das Deutsche Kaiserreich traut dem römischen Kirchenoberhaupt nicht in seiner Rolle als Friedenspapst – glaubt Kaiser Wilhelm II. im Papst doch den Anführer einer katholischen Internationalen anzusehen, den die deutschen Katholiken eher als Anführer erkennen sollen als ihn, den preußischen Kaiser.

Erst die Lateranverträge 1929 zwischen dem heiligen Stuhl und dem Diktator Mussolini schaffen den Vatikan in seiner heutigen Staatsform, die bis heute gültig bleibt. Die Zusammenarbeit mit dem italienischen Regime markiert gleichzeitig den Beginn einer Serie von Kooperationen mit autoritären Staaten. Dies wird das Außenbild des Vatikans lange fatal prägen.

Beispiel Nazi-Deutschland: Der Vatikan schließt mit dem jungen Regime ein Konkordat, obwohl das Menschenbild des Nationalsozialismus mit dem des Katholizismus nicht übereinstimmen kann. Beispiel Spanien: Die spanische katholische Kirche unterstützt den Putsch des Nationalisten und Militärs Francisco Franco und biedert sich nach gewonnen Bürgerkrieg seinem neuen Regime an.

Auch mit Francos neuem Spanien unterzeichnet der Vatikan einen Staatsvertrag. Und dennoch: Die Dokumentation von Regisseur Meurice lässt Kirchenhistoriker zu Wort kommen – unter ihnen den deutschen Hubert Wolf, um die Bredouille zu erklären, in der sich die katholische Kirche gleichsam zwei Mal hintereinander befindet.

Konkordate als Schutz der Gläubigen vor dem Staat

So sind Konkordate keine Freundschaftsverträge, sondern dienen allein dem Ziel, die Gläubigen vor dem Staat zu schützen: Als Papst Pius XI. sieht, dass seinen Gläubigen in Deutschland Gefahr drohen könnte, unterzeichnet der Vatikan das Konkordat mit Nazi-Deutschland.

Gerade hier liegt die Stärke des Dokumentarfilms: Er zeigt ein genaues Bild der schwierigen Lage, welche die katholische Kirche während des Nazi-Regimes und der spanischen Diktatur Francos zu meistern hatte. Sie muss diese widrigen Situationen mancherorts auch heute noch bewältigen.

Die Kirche muss die Regierungen nehmen wie sie sind. Die Macht des Vatikans endet damit auf der letzten verlesenen Zeile einer jeden Enzyklika. Deutliche Worte sind somit die einzigen scharfen Waffen des Vatikans.

Oder auch nicht. So widrig die Lage während des Zweiten Weltkrieges gewesen sein mag – nach 1945 steigt der Vatikan zu einem zentralen, internationalen Machtfaktor im Konzert der Mächte und Blöcke auf. Einzelne Kontakte mit KPdSU-Chef Chruschtschow ermöglichen Papst Johannes XXIII., während der Kuba-Krise einen Friedensappell im offiziellen Parteiorgan der KPdSU zu veröffentlichen.

Lange vor der OSZE-Konferenz in Helsinki, als der Vatikan 1975 zum ersten Mal seit dem Wiener Kongress 1815 an einer internationalen Konferenz teilnimmt, und lange bevor Johannes Paul II. auf seinen Reisen in Polen vom sowjetischen Regime die Menschenrechte und Sozialrechte für seine Untertanen einfordert.

Der Dokumentarfilm kulminiert mit dem Begräbnis des ersten polnischen Papstes – die Staatshäupter der gesamten Welt sind zu diesem Zeitpunkt auf dem Petersplatz anwesend.