Kunstausstellung

Joel Sternfeld – Ein Pionier der Farbfotografie

Joel Sternfeld gehört zu jenen Fotografen, die Amerikas Alltag entdecken. Eine Begegnung in Essen, wo sein Werk im Folkwang Museum gezeigt wird

Nein, sagt Joel Sternfeld und schüttelt energisch den Kopf mit den schwarzen Locken. Eine Retrospektive sei das auf keinen Fall. Wem ein Museum eine Retrospektive ausrichte, der sei alt und fertig mit seiner Arbeit. „Das aber“, sagt er und lächelt unter buschigen Brauen, „bin ich noch lange nicht.“

Es ist ein langer Tag gewesen. Bis gerade noch hat Sternfeld seine Fotos an die Wände des Essener Museum Folkwang gehängt. Ute Eskildsen, die Doyenne der deutschen Fotoszene und im Folkwang Direktorin der angesehensten Fotografischen Sammlung in Deutschland, half bei den Entscheidungen.

Farbfotografie– Sternfeld, Eggleston, Shore

Ein Infekt hat Joel Sternfeld gepackt, aber seine Termine will er trotz Bauchschmerzen wahrnehmen. Eins zu eins allerdings, erklärt er sofort, dürfe nicht gedruckt werden, was er sagt: „Und fotografieren lasse ich mich auch nicht. Grundsätzlich.

Das habe ich noch nie zugelassen. Weil es nicht um mich geht, sondern um meine Bilder.“ Und außerdem, fügt er hinzu, bevor er sich setzt, sehe er schrecklich aus: „Kein frisches Hemd und nicht einmal rasiert." Sternfeld ist eine Legende, ist der Mann, der neben seinen Kollegen William Eggleston und Stephen Shore die Farbfotografie zu einer Zeit durchgesetzt hat, als jedenfalls in der Kunstwelt niemand etwas von ihr wissen wollte.

Lange genug hatte es gedauert, bis sich Museen in den Siebzigern überhaupt trauten, endlich Fotos zu zeigen. Dafür aber mussten sie unbedingt schwarzweiß sein, mit Licht und Schatten spielen, Formen betonen, verfremden – und bloß nicht nur abbilden.

Sie wollen ihr Land zeigen, wie es ist

Farbfotografie, für welche die Industrie erst nach dem Krieg handliches Filmmaterial entwickelt hatte, galt als Handwerk für Werbung und Magazine oder als Hobby für Amateure. Deren Schnappschüssen aus Kleinbildkameras wurde keinerlei künstlerischer Wert beigemessen.

Irgendwann aber machte sich eine Handvoll Fotografen aus den USA auf, ihr Land zu erkunden. Eine soziale Topografie wollten sie aufnehmen; herausfinden, wie sich eine Gesellschaft in Landschaften, Städten und Gesichtern widerspiegelte.

Ihnen ging es nicht mehr um die inszenierten Wirklichkeiten der Studios, nicht um die unantastbare Erhabenheit von monumentalen Landschaften, mit denen Ansel Adams , Paul Strand oder Alfred Stieglitz den Mythos USA zementiert hatten. Sie wollten ihr Land zeigen, wie es war – im Bewusstsein, dass ein Foto nicht die Wirklichkeit ist, sondern bestenfalls ein Bild von ihr.

Sternfeld kopierte Kollegen Eggleston

Also fuhr auch Sternfeld durchs Land und fotografierte – zunächst ohne großes Konzept, wie er lachend gesteht. Die Ernüchterung sei gekommen, als er die Ausbeute bei einem Treffen seinem Kollegen Eggleston zeigte. Der nämlich hatte alles, was Sternfeld interessierte, auch schon aufgenommen: die Parkplätze vor Einkaufszentren und die trostlosen Motels, die allgegenwärtigen Fernsehgeräte und die schrecklichen Architekturen, zu denen Menschen fähig sind.

Tausende kleinformatiger Farbfotos mit eigenem Stil und eigener Poesie zeigte Eggleston dem fünf Jahre Jüngeren, als sie sich 1974 auf Vermittlung des legendären MoMA-Fotokurators John Szarkowski trafen. Alles, was danach folgen würde, erkannte Sternfeld damals, würden nur schlechte Kopien des Besseren sein. Deshalb packte er seine Aufnahmen wieder weg und begann etwas Eigenes.

In Essen sind sechzig dieser frühen Aufnahmen nun zum ersten Mal zu sehen. Zu Hause in New York, sagt Sternfeld, hätten die Negative und Dias in einer Gefriertruhe unter der Arbeitsfläche in der Küche gelegen: „Obendrauf habe ich jahrelang Zwiebeln und Paprika gehackt.“

Konzeptuelle Serien bringen Ruhm

Viele Bilder habe er selbst bei den Vorbereitungen für die Folkwang-Ausstellung zum ersten Mal seit dem Entstehen wieder gesehen. Der begleitende Bildband, den der Göttinger Druckereibesitzer und -besessene Gerhard Steidl dazu gemeinsam mit ihm erarbeitet hat, gibt sie ausführlich wieder: ein Ehepaar im türkisfarbenen Cadillac, ein Geschäftsmann am Flughafen, Jugendliche auf der Straße.

Berühmt wurde Sternfeld damit nicht. Der Ruhm kam erst mit jenen konzeptuellen Serien, die in Essen ebenfalls in Auszügen gezeigt werden – denn natürlich ist die dortige Ausstellung eine Retrospektive, auch wenn der Künstler das anders sehen will. Diesen Serien gingen jeweils ausführliche Recherchen voraus, und keine entstand für eine Museumspräsentation. Wie jeder große Fotograf denkt auch Joel Sternfeld in Büchern.

Er wählt seine Motive danach aus, wie sie sich auf Einzel- oder Doppelseiten gut darstellen lassen und sich zu einem Gesamtbild fügen. Geschichten sollten diese Bilder fortan erzählen, hatte sich Sternfeld vorgenommen. Es sollte nicht mehr um isolierte Momentaufnahmen gehen, sondern um visuelle Short Stories, die sich in einem Bild verdichten. Fünf Jahre lang fuhr er ab 1978 mit einem VW-Bus durchs Land, auf dessen Dach er eine Plattform hatte bauen lassen. Von dort aus gelangen ihm mit einer 8x10-Zoll-Kamera eine Tiefenschärfe, die kein Detail ausließ:

Durchbruch mit "American Prospects"

Weder die Mutter, die in einer kahlen Neubausiedlung hinter dem halb ausgeladenen Möbelwagen ihr Kind stillt, noch den Straßenkreuzer, den eine Blitzflut in Rancho Mirage in ein riesiges Erdloch gespült hat oder den Feuerwehrmann, der gelassen einen Kürbis kauft, während einige Meter weiter das Dach eines Hauses in hellen Flammen steht.

1987 wurde dieses Motiv zum Titelbild von Sternfelds Buch „American Prospects“, mit dem ihm der Durchbruch gelang. Dass es sich um eine Löschübung handelte, erfährt der Betrachter nicht. Die Geschichte, die das Foto in seinem Kopf auslöst, muss nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen.

Das ist auch das Prinzip des Projektes „Hart Island“, für das Sternfeld die Friedhofsinsel fotografierte, auf der New York seine Armen, aber auch Tausende von totgeborenen Säuglingen beerdigt, oder des 1996 erschienenen Bildbandes „On This Site“ („Tatorte“). Sternfeld fotografierte einen mächtigen Apfelbaum im Central Park in traumhaftem Sonnenlicht.

Die Geschichte hinter dem Bild

Dass dort, nur wenige Meter hinter dem Metropolitan Museum of Art, 1986 eine junge Frau ermordet aufgefunden worden war, verrät nur der Bildtext. Auch der Aufnahme des banalen Highway74 bei Crescent in Oklahoma sieht man nicht an, dass hier Karen Silkwood, Arbeiterin in einer Plutoniumfabrik, von der Straße abgedrängt und getötet wurde, als sie 1974 einem Mitarbeiter der „New York Times“ Unterlagen über die amerikanische Atomindustrie übergeben wollte.

Und das idyllische grüne Holzhaus am Flussufer in Niagara Falls steht auf einem zugeschütteten Flussbett, das ein Chemiekonzern mit Dioxinabfällen vergiftet hatte. Auch davon ist auf dem Foto selbst nichts zu erkennen. Das ist die zweite großeeistung von Joel Sternfeld: Auch wenn er virtuos mit der Fotografie umgeht, misstraut er ihr doch ständig – und das zu recht: Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild – und nichts sonst.

Die Erstausgaben dieser Bücher kosten längst Hunderte von Euros. „Und wenn ich es Ihnen signiere“, sagt Sternfeld grinsend, „dann sind Sie ein richtig reicher Mann. Vielleicht können wir dafür dann ja das Interview beenden. Just kidding.“ Aus den Büchern eine Ausstellung zu machen, erklärt Joel Sternfeld zum Schluss, sei nicht einfach. Zwar hätten sie in dieser Größe eine viel stärkere Körperlichkeit und suggestive Kraft.

Der kamerascheue Fotograf

Die Aufnahmen, die er ab 2000 in New York von der stillgelegten Hochbahntrasse „High Line“ machte und die mit dazu beitrugen, das aus ihr eine Parkanlage wurde, ziehen den Betrachter regelrecht in sich hinein. Das Konzeptuelle und Serielle seiner Bücher aber, bedauert der Fotograf, ließe sich so nicht reproduzieren.

Und dann stimmt er doch noch zu, sich fotografieren zu lassen. Aus großer Distanz allerdings, erst, nachdem er sich umgezogen und rasiert hat – und außerdem und mit zwei Museumsscheiben zwischen sich und dem Fotografen. „Das ist das erste Foto von mir, das es seit vielen Jahren gibt“, sagt er zum Abschied. Und dann verschwindet er wieder in seiner Ausstellung, um die letzten Bilder aufzuhängen.

Museum Folkwang, Essen, bis 23. Oktober.
Katalog: Steidl Verlag, 38 Euro