Deutschlandkonzert

Robert Plant sucht noch immer nach neuen Wegen

Seine Led-Zeppelin-Jahre sind vorbei, doch den Geist jener Zeit lässt Robert Plant bei dem einzigen Deutschlandkonzert seiner Band of Joy in Berlin immer wieder aufleben und überrascht dennoch durch eigenwillige Interpretationen der Songs.

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Es ist unglaublich eng vor der Bühne. Mehr als 6000 Besucher drängen sich dicht an dicht. Und eine nicht unerhebliche Zahl von Led-Zeppelin-T-Shirts über inzwischen wohlgerundeten Bäuchen deutet an, dass etliche Besucher nicht ohne nostalgische Hardrock-Erwartungen in die Spandauer Zitadelle gepilgert sind. Die scheinen im ersten Moment sogar erfüllt zu werden. Sänger Robert Plant ist am Mittwoch für das einzige Deutschlandkonzert seiner Band of Joy nach Berlin gekommen. Und der einstige Led-Zeppelin-Sänger eröffnet den sommerlichen Abend mit „Black Dog“, dem Klassiker vom 1971er-Album „Led Zeppelin IV“ (dessen eigentlicher Titel nur aus vier Symbolen bestand).

Doch schnell ist klar: hier wird nicht einer gloriosen Vergangenheit gehuldigt. Dieser „Black Dog“ kommt auf kräftigen Pfoten daher, schlurft im räudigen Countryrock-Pelz durch die Sümpfe des Mississippi. Das Stück beginnt von neuem zu leben, hat sich über die Jahre gewandelt und weiter entwickelt, ohne stehen zu bleiben. Wie Robert Plant. Der hat sich seit der Auflösung von Led Zeppelin im Jahr 1980 konsequent seiner Solokarriere gewidmet, hat ausprobiert und experimentiert, versuchte sich gar an Rockabilly und Elektropop, fand schließlich zu einem eigenen, vom Geist Led Zeppelins ebenso wie von amerikanischem Blues und Country beeinflussten Sound.

Bevor er mit Led Zeppelin berühmt wurde, sang Plant in den 60er-Jahren in einer Cover-Band namens Band of Joy. Nun hat er diesen Namen für seine aktuelle Gruppe wiederbelebt. Im vergangenen Jahr entstand das schlicht „Band of Joy“ betitelte Album. Und darauf sind erneut Coverversionen, Perlen der Country-, Folk- und Rockgeschichte, in neuen Fassungen zu hören. So schließt sich ein Kreis. Diese Band of Joy ist eine verschworene Gemeinschaft. Auf der Zitadellen-Bühne stehen versierte Countryhaudegen aus Tennessee und Texas, denen man die Liebe zur Musik noch von Ferne ansieht. Hier gibt es keine Show, keinen Bühnennebel, keine ausgefeilte Lichtregie und schon gar keine Videowände. Auch die Lautstärke ist eher dezent. Es scheint, als ob sich hier ein paar Freunde getroffen haben, um im Wohnzimmer gemeinsam ihren Lieblingsliedern zu huldigen.

Robert Plant, inzwischen 62 Jahre alt, steht in Jeans und Schlabberhemd locker in der Bühnenmitte. Er trägt noch immer die wallend blonde Mähne und mitunter bricht der routinierte Rock-Poseur durch, der breitbeinig das Mikrofonstativ schwingt. Er singt in „Down To The Sea“ vom 1993er-Soloalbum „Fate of Nations“ die Zeilen „when I get older, settling down, would you come down to the sea“. Er hat sich schon früh auseinander gesetzt mit dem Älterwerden, auch mit der Frage, wie alt ein Rockstar werden kann, ohne auf der Bühne irgendwann nur noch komisch zu wirken. Er hat seinen Weg gefunden. Er versucht nicht, eine rockige Jugendlichkeit zu bewahren. Er sieht eben aus wie ein 62-jähriger Rocksänger aussieht, aber einer, dem der Sinn nicht nach sturer Wiederholung steht, sondern der sich der Musik hingibt und nach immer neuen Wegen und Ausdrucksformen sucht.

Plant versucht freilich keineswegs, seine zwölf Led-Zeppelin-Jahre zu verleugnen. Allein acht Stücke des Abends sind Songs seiner alten Band, darunter „House Of The Holy“ und „Ramble On“. Daneben gibt es Lieder vom neuen Album wie die Los-Lobos-Ballade „Angel Dance“ oder den Richard-Thompson-Song „House of Cards“ und Titel seiner zehn Soloalben. Doch immer klingt alles im Hier und Jetzt, wird eine musikalische Brücke geschlagen von der britischen Insel nach Nordamerika. Das ist maßgeblich den außerordentlichen Musikern geschuldet, die Plant um sich vereint. Denen gibt er auch Raum für eigene Auftritte, wobei er sich dezent im Hintergrund hält, mal im Refrain mitsingt, mal die Mundharmonika bläst. Allen voran der graumähnige Buddy Miller, Country-Gitarrist und Sänger aus Nashville, der beim rauen Countrysong „Somewhere Trouble Don’t Go“ brilliert. Darrell Scott, der nicht weniger graue Multiinstrumentalist an Gitarren, Banjo, Mandoline und Pedal-Steel-Guitar, kann mit der herzerweichenden Country-Ballade „A Satisfied Mind“ glänzen. Und die gerade mit einem Grammy gekürte Sängerin Patty Griffin überzeugt und bewegt mit einem soulig-gospeligen „Ocean of Tears“. Bassist Byron House und Schlagzuger Marco Giovino komplettieren die Band, die ihrem Namen alle Ehre macht.

Robert Plants Stimme ist intensiv und eindrucksvoll. Er weiß sein grelles Organ klug einzusetzen, hält sich bewusst von höheren Oktaven fern, nicht ohne mit dem einen oder anderen Lustschrei zu überraschen. Und blättert ein kenntnisreich zusammengestelltes Songbook auf, das immer wieder durch eigenwillige Interpretationen überrascht, sei es bei der düsteren Low-Coverversion „Monkey“ mit sphärischen Pedal-Steel-Sounds oder beim folkloristisch geprägten „Misty Mountain Hop“ Led Zeppelins.

Spätestens seit „Raising Sand“, seinem 2009 mit fünf Grammys gekürten Album mit der phänomenalen Bluegrass-Geigerin und Sängerin Alison Krauss, ist Robert Plant der amerikanischen Country-Musik verfallen, die er immer wieder von Neuem auslotet und auf geniale Weise mit dem Led-Zeppelin-Erbe zu vereinen weiß. „The Song Remains The Same“ hieß Mitte der 70er-Jahre ein Led-Zeppelin-Konzertfilm. Der Song bleibt derselbe? Nach diesem großartigen Abend mit Robert Plant nicht unbedingt. Möglicherweise war es nach den Zugaben mit „Bron-Y-Aur Stomp“ und „Gallows Pole“ dem einen oder anderen Besucher etwas peinlich, wohl doch das falsche T-Shirt getragen zu haben.