Nach Utoya

Von Trier wegen Breivik im "Dogville"-Dilemma

Nachdem Anders Behring Breivik den Film "Dogville" als seinen Lieblingsfilm nannte, bereut Regisseur Lars von Trier öffentlich.

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Eine der größten Katastrophen, die wir sozialen Netzwerken verdanken, ist die Tatsache, dass wir von Menschen, die wir gar nicht so genau kennen lernen wollten, mit kaum mehr als einem Mausklick Dinge erfahren können, die wir gar nicht so genau wissen wollten.

Von sozialvernetzten Massenmördern wie Anders Behring Breivik beispielsweise. Was sie zum Beispiel am liebsten essen, steht dann mit einiger Prätention und zur Selbstcharakterisierung, Selbststilisierung da im Netz, was sie am liebsten hören, lesen, sehen. Oder vorgeben es zu tun.

Unnützes Wissen und Küchenpsychologie

Und was machen wir, haben sie ihr Unheil angerichtet, dann mit dem schönen, aber herzlich unnützen Wissen. Wir nutzen es als Basis dafür, kulturkritische Küchenpsychologie zu betreiben, Querverbindungen herzustellen. Und natürlich verantwortlich zu machen.

Schön, wenn der jeweilige Urheber sich nicht mehr wehren kann. Kafka zum Beispiel oder George Orwell, die auf der Literaturplaylist des Utoya-Attentäters ganz oben stehen. Die kann man nicht mehr anrufen und belangen für das Zeug, das möglicherweise das Gehirn eines ohnehin schon verdrehten noch weiter verdreht hat.

Kant auch nicht mehr und John Stuart Mill. Filmregisseure haben's da naturgemäß schwerer. Und so kam es wohl auch, dass Lars von Trier sich sehr beeilte, kaum war Breiviks Lieblingeliste veröffentlicht, und sich zum ersten Mal seit seiner legendären "Ich bin Nazi"-Pressekonferenz von Cannes zu Wort meldete. Und bereute.

Dogville-Schluss erinnert an Breivik-Attentat

Nicht wie Anders Behring Breivik Christ zu sein, sondern eines seiner Meisterwerke gedreht zu haben. "Dogville" nämlich. "Dogville" steht mit den Metzel-und-Sandalen-Filmen "Gladiator" und "Gladiator" an der Spitze von Breiviks Filmliste.

Und Nicole Kidman als weibliche Hauptfigur wird darin von Bewohnern eines Dorfes missbraucht. Am Ende lässt sie alle niedermetzeln. ",Dogvilles Schlussszene'", so Lars von Trier, "erinnert in sehr unangenehmer Weise an Utoya."

Vermutlich erinnert das Finale von mindestens einem halben Hundert Filmen in sehr unangenehmer Weise an Utøya. Und deswegen möchten wir doch sehr bitten, dass nicht alle Regisseure in den kommenden Tagen Abbitte leisten.

Eine Belastung für gute Filme und Bücher

So groß ist das Sommerloch nun auch wieder nicht. Die Vorlieben von Massenmördern müssen schließlich nicht unbedingt ihre wahren Vorlieben sein. Und selbst wenn sie es sind, sagen sie schlicht nichts über ihre Psyche aus.

Was für politische Analysen gilt, die Anders Behring Breivik falsch verstanden hat in seinem kranken Hirn, gilt auch für Filme, Bücher, Philosophie. Stelle sich mal einer vor, er hätte sich auf Pippi Langstrumpf berufen.