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Sommermädels ade – Wenn das "Gehirn die Tage hat"

Die "Sommermädchen" müssen wegen schlechter Quoten nun zusammengekürzt schon am Nachmittag zicken. Schlecht genug war das Konzept!

Foto: obs / obs/DPA

Gehörten Sie etwa am Donnerstagabend auch zu diesen Menschen, die sich verwundert die Augen rieben, weil ProSieben kurzfristig sein Programm geändert hat? Ja? Dann Glückwunsch zu Ihrem individuellen Geschmack! Der breiten Masse dürfte es nämlich nicht weiter aufgefallen sein, dass die berüchtigten "Sommermädchen" nach nur zwei Folgen aus der Primetime verschwunden sind.

Die verbliebenen acht Kandidatinnen müssen nun unter Ausschluss der Öffentlichkeit um den Sieg kämpfen – in erster Linie, weil sie es in den vergangenen beiden Wochen ohnehin schon getan haben.

Gerade einmal 7,7 Prozent in der Zielgruppe erreichte der künstlich aufgebauschte Zimtzickenkrieg vor einer wenig malerischen Betonklotzkulisse irgendwo an der spanischen Küste. Bei solch schwachen Quoten bleibt nur das Nachmittagsprogramm am Freitag. Zusammengedampft auf jeweils eine Stunde werden dort die verbleibenden Folgen nun in den kommenden Wochen versendet.

An den Protagonistinnen liegt es nicht. Angelique, Chantal, Ronja oder Sally sind nicht schlechter als das übrige Reality-Personal, das im Privatfernsehen die Nachmittagsschienen und bei RTL 2 sogar auch die Abende mit seinem radebrechenden Deutsch und seiner aus Ignoranz geborenen Egozentrik verstopft.

Sie sagen "Isch", wo "ich" gemeint ist, ihre Stimmlage ist gelangweilt monoton, die Grammatik Glückssache und ihre Lieblingsbeschäftigung ist es, sich selbstvergessen im Spiegel zu betrachten – ohne dabei vom kalten Grauen gepackt zu werden. Immerhin das ist eine Leistung!

Auch die zur Schau getragene gegenseitige Geringschätzung, neudeutsch: das Dissen, kommt bei den "Sommermädchen" nicht zu kurz. Wenn Sally über Annika sagt, ihr Gehirn habe die Tage, dabei aber selber aussieht, als sei das Schädeldeckenkissen leck, ist das genau jene Mischung aus bildungsferner Sprache und asozialer Selbstüberhöhung, die Reality-Fernsehen einst zum Erfolgskonzept werden ließ.

Gleichzeitig bergen solcherlei Stilblüten genügend Trashfaktor, damit auch der ein oder andere Akademiker sich an der kollektiven Dummheit der Menschheit aufgeilen kann.

Selbst die Spielchen, die die Produktionsfirma mit den Kandidatinnen spielt, weil es auf die Dauer uninteressant wäre, ihnen dabei zuzuhören, wie sie ihren Wortschatz klein halten, sind nicht weniger voyeuristisch und schadenfroh als in vergleichbaren Formaten: Nicht genug, dass die jungen Frauen sich auf offener Terrasse gegenseitig aus- und mit den Klamotten der jeweils anderen wieder anziehen müssen.

Nein, sie müssen sich auch noch mit verbundenen Augen Lippenstift auftragen und den Lidstrich ziehen – und das, während in ungefähr zehn Metern Entfernung ein Hubschrauber schwebt. Wer jemals im Rotorenwind eines Helikopters stand, weiß, was mit Kleidungsstücken passiert, die man auch nur eine Zehntelsekunde nicht fest im Griff hat. Entsprechend sahen die Delinquentinnen nach dem Erniedrigungsritual auch aus: Gerupfte Hühner, die trotzdem glücklich grinsen.

Erst, wenn sie aus der Puste kommen, vergeht ihnen das Lachen. In Zweierteams müssen die Mädels auf einem Tandem eine Bergstraße hochradeln. Als Spiel auf den ersten Blick eigentlich unverfänglich. So ein bisschen Bewegung schadet ja schließlich niemandem.

Weit gefehlt: Auch hier schafft es die Produktion, die Kandidatinnen vorzuführen. Die Kameras sind exakt so an den Lenkern befestigt, dass der Brustbereich der Vorderfrau den gesamten Bildschirm einnimmt. Welch Zufall!

Wenn es aber nicht am Konzept oder den Kandidatinnen liegt, warum sind die "Sommermädchen" denn dann so grandios gescheitert? Vielleicht liegt es ja an den Moderatoren: Giovanni Zarrella und seine Frau Jana Ina wirken an ihrem Job so interessiert wie die meisten Oberstudienräte am Nachmittagsunterricht.

Wobei: Pflichtschuldiges Herunterbeten von spärlich beschrifteten Moderationskarten kann auch nicht der Grund für das mangelnde Interesse der Zuschauer sein. Bei der ersten Staffel der "Sommermädchen" im Jahr 2009 waren schließlich Steven Gätjen und Charlotte Engelhardt am Werk. Und damals waren die Quoten immerhin nur knapp und nicht wie diesmal meilenweit unter dem Senderschnitt.

Nachdem alle möglichen Sündenböcke entschuldigt sind, bleibt nur ein möglicher Schluss übrig: Das Scheitern der "Sommermädchen" ist schlicht der perfekte Beweis dafür, dass Fernsehen nicht kalkulierbar ist, und dass selbst das idiotensicherste Konzept scheitern kann, wenn ein Überangebot an idiotensicheren Konzepten zu einer fahrlässigen Übersättigung an vorsätzlichem Stumpfsinn führt.

Zeichnen sich sämtliche Formate durch unterirdische Qualität aus, sind die Opfer rein zufällig. Insofern können sich die Verantwortlichen beruhigt zurücklehnen und eine dritte Staffel für 2014 in Auftrag geben. Vielleicht klappt’s ja dann. Schließlich ist Programmplanung – genau wie die Grammatik der Mädels – Glückssache.