Salzburger Festspiele

Festival der falschen Töne

Die Aufführung von Stefan Zweigs Novelle "Angst" in Salzburg übernimmt leider alle sprachlichen Schlampereien des Autors.

Fußfetischisten wissen um den Reiz der unteren Extremitäten. Und in der Tat: Das Tändeln der nackten Beine scheint, gerade durch einen Voyeursschlitz betrachtet, so übel nicht: Man ahnt, was man nicht sehen kann. Dies befriedigt, weil es die Fantasie anregt. Danach geht es im Salzburger Landestheater rapide bergab. Die Festspiele, die den österreichischen, viele Jahre in Salzburg ansässigen, danach aus seiner Heimat verjagten Erfolgsschriftsteller Stefan Zweig bei Lebzeiten ignoriert hatten, wollten dem schwer Gekränkten den Liebesdienst einer postumen Uraufführung erweisen: Mit den koproduzierenden Münchner Kammerspielen bringen sie eine seiner psychologischen Novellen auf die Bühne: "Angst" von 1913.

Da Jossi Wieler, der Regisseur, ein kluger Mann ist, und auch Koen Tachelet, der dem epischen Text dramatische Form gab, einen guten Ruf genießt, waren die Erwartungen beträchtlich. Ein Blick ins Programmheft hätte sie dämpfen müssen. Denn Wieler zeigt sich darin von Zweigs "kostbarer Sprache" ebenso begeistert wie Tachelet. Doch genau die ist das Problem des Autors Zweig gewesen: der Hang zu Schwulst und Prunk, die klischeehaften Adjektive, seine oft schlampige Wortwahl.

Dennoch vermag der Erzähler Zweig bis heute in seinen Bann zu ziehen: Er hatte Sinn für theatralische Effekte, war in den Abgründen der menschlichen Seele bewandert, hat seine Figuren in der Verwirrung ihrer Gefühle verstanden. Dafür sind wir ihm dankbar, indem wir ihn immer noch lesen. In der Theaterfassung geschieht ihm grobes Unrecht: Sie übernimmt Flüchtigkeiten des Originals, falsche Konjunktive und aberwitzige Formulierungen à la "Erpressen eines Verbrechens", erhöht aus Unachtsamkeit acht Ehejahre auf zwölf. Kleinigkeiten, gewiss. Unverzeihlich indes ist die Verwandlung kommentierender Erzählpassagen in Figurenrede. Lauter gestelzte Peinlichkeiten. "Lass mich nicht länger der Züchtigung harren" würde selbst in strengsten Masochistenkammern unpassend klingen.

Spannendes böte die Ehebruchsgeschichte der Hauptperson genug: Die Anwaltsfrau Irene wird wegen ihres Seitensprungs erpresst und in den Wahn getrieben. Aber die Erpresserin ist eine vom Ehemann gedungene Schauspielerin. Die sadistische Inszenierung sollte das Geständnis der Untreue erzwingen.

Von seelischem Druck ist in Wielers Regie nichts zu spüren. Elsie de Brauws Irene wirkt wie einem Fortbildungskurs "Deutsch als Fremdsprache" entsprungen, und auch der wunderbare André Jung in der Gattenrolle agiert unter gewohntem Niveau. Es erinnert an die Jahreshauptversammlung der Fehlbesetzungen, an ein Festival der hohlen Töne. Dafür ist Stefan Zweig eigentlich zu schade.

Termine: 30., 31. Juli; 2., 3. 5., 6., 8. August; Karten: +43 662 8045 500