Staatsoper Berlin

Jürgen Flimm – solide, mutlose Entscheidung

Der derzeitige Leiter der Salzburger Festspiele wird 2010 die Staatsoper Unter den Linden in Berlin leiten. Jürgen Flimm ist mit 67 Jahren ein erfahrener Kulturmanager. Aber ein Aufbruch sieht anders aus. Dabei stehen die Staatsoper und die anderen beiden Berliner Häuser vor großen Aufgaben.

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Es hatte etwas Trauriges, Versteinertes. Man fühlte sich – vor der FDJ-blauen Kulissenwand im Berliner Roten Rathaus – an die letzten Tage der DDR erinnert. Unsicher und angespannt traten der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und sein Staatssekretär André Schmitz vor die Presse, um zu verkünden, dass Jürgen Flimm ab 2010 die Staatoper Unter den Linden als Intendant übernimmt, die dann umgebaut wird und übergangsweise im Schillertheater residierent. Was keine wirkliche Überraschung war – nicht nur, weil eine Mitarbeiterin dessen Namensschild schon aufgestellt hatte, als er noch gar nicht im Saal war.

Neben den beiden Politikern, die sich diese Personalie professionell, aber knapp schönredeten, saßen Flimm und dessen „Freund“ Daniel Barenboim, letzterer jetlag-sediert vom Flughafen eingetroffen nach seinem New Yorker „Tristan“-Marathon.

Jürgen Flimm ist 67 Jahre alt, Barenboim 66. Wenn Flimm seinen Fünf-Jahres-Vertrag erfüllt hat, wird er 74 sein. So präsentiert sich also die Zukunft der Berliner Opern. Über die Stiftung und deren abwesenden Direktor wollte schon gar keiner mehr reden, und Wowereit wies jede Fusionsspekulation zwischen Deutscher und Lindenoper mal wieder weit von sich.

Dabei sieht es gar nicht gut aus. Nicht einmal in der Weihnachtszeit sind die Häuser voll, Vesselina Kasarova sorgt als „Italienerin in Algier“ an der Lindenoper genauso wenig für Ausverkauft-Schildchen wie der „Rosenkavalier“ an der Deutschen Oper, der eben nur zu 40 Prozent ausgelastet war (von der Komischen Oper ganz zu schweigen).

Die Staatskapelle sitzt im Januar ganze neunmal im Opernorchestergraben, das Puccini-Jahr feiert man mit zwei ausgelatschten „Toscas“ an beiden großen Häusern. Für die nächste Spielzeit verspricht die Lindenoper, die Berliner Doublettenparade mit „Simon Boccanegra“ und einer noch regisseurlosen „Fledermaus“ zu bereichern.

Vielleicht ist es unter solchen Umständen nachvollziehbar, dass man sich lieber auf das gut Abgehangene und Solide verlässt, statt einen Aufbruch zu wagen. Jürgen Flimm, der alte Zirkusdirektor, wird sicher hübsch trommeln und ein Feuerwerk von „Kreationen“ für das Schillertheater-Exil entfesseln, so wie er es ziemlich folgenlos auch bei der Ruhrtriennale entfacht hat. Ein Morgen des Musiktheaters müsste anders aussehen.

Aber ein solches wird wohl zurzeit in Berlin am allerwenigsten gemacht. Hier geht es ums nackte Überleben, und dafür ist Jürgen Flimm, den man in Salzburg bei den Festspielen nicht mehr haben wollte (er sieht das natürlich anders), wohl der richtige Sozi-Mann.

So einen hätte augenblicklich die Deutsche Oper freilich nötiger gehabt, wo die vom Pech verfolgte Kirsten Harms jetzt auch noch die „Carmen“-Absage des schwerkranken Jürgen Gosch verkünden musste. Jürgen Flimm aber will schon mal einen Seniorenstammtisch mit Claus Peymann gründen.