Tischgespräch

Gunter Gabriel, Chicka-Boom und kein Saumagen

Er rebellierte gegen den Boss, war pleite und schaffte das Comeback: Gunter Gabriel, der deutsche Johnny Cash, hat Probleme mit dem Saumagen.

Es war wohl ein Fehler, Gunter Gabriel ausgerechnet in die Kurpfalz-Weinstuben einzuladen. Denn erstens bestellt er beim Hereinkommen ein alkoholfreies Weizenbier , was dem auf seine Weinkarte zu Recht stolzen Wirt Rainer Schulz eine schmerzhafte Grimasse übers Gesicht treibt.

Zweitens stellt sich später heraus, dass dem Sänger, der mit „Deutschland ist…“ ein schönes Loblied auf das typisch Deutsche geschrieben hat, Saumagen, die typisch deutsche Spezialität des Hauses, nicht so richtig schmeckt. (Ich verkneife mir also den Vorschlag, eine neue Version des patriotischen Schlagers mit dem Titel „Deutschland isst...“ aufzunehmen. So eine kulinarische Reise durchs Vaterland: „Deutschland isst Currywurst mit Pommes, Matjes mit Pellkartoffeln, Maultaschen“ und so weiter.)

Und drittens hat Gabriel aus dem Renaissance-Theater, wo er zurzeit die Hauptrolle in einem Stück über Johnny Cash spielt, eine Art Tross oder Entourage mitgebracht: seine Freundin, seinen Keyboarder, seinen Bodyguard, seinen Autohändler und einen befreundeten Fabrikanten aus dem Süddeutschen, die letzten beiden mitsamt Ehefrauen.

Seinen Blackberry legt Gabriel gleich auf den Tisch: „Der Volker“ – das ist Volker Kühn, der Autor des Stücks „Hello, I’m Johnny Cash“, das nach einer erfolgreichen Saison in Berlin mit Gabriel nach Hamburg und Köln weiterzieht – „ruft gleich an, er will noch vorbeischauen, und der Ilja Richter auch. Das macht dir nichts aus, oder?“ Was soll man sagen? Natürlich nicht, aber in der dezent altmodischen Atmosphäre des Lokals wirkt unsere lärmende, lustige Gesellschaft ein bisschen deplatziert. Andererseits gibt es das „Big Eden“ nicht mehr.

Ein originales Stück West-Berlin

Die Kurpfalz-Weinstuben sind ein originales Stück West-Berlin etwas abseits vom Kurfürstendamm. Man muss sie kennen, um sie zu finden, versteckt auf dem Hinterhof hinter einer Toreinfahrt. Das Interieur suggeriert mit dunkel gebeiztem Holz rustikale Gemütlichkeit, die Speisekarte ebenfalls: Neben Saumagen in verschiedenen Varianten gibt es Blut- und Leberwurst und Kohlrouladen, aber auch französische Merguez-Würste oder Cassoulet und zum Abschluss einen herrlich aromatischen englischen Stilton mit Portwein.

Cees Nooteboom hat in seinem Roman „Allerseelen“ beschrieben, wie Rainer Schulz aus dem „Aufsagen der Speisen ein kleines Theaterstück“ macht, „das mit Ironie aufgeführt“ wird. Der gelernte Hotelkaufmann Schulz, inzwischen 72 Jahre alt, hat das im Dritten Reich gegründete Lokal 1975 übernommen, als man in Berlin noch Lambrusco aus Literflaschen trank, Chianti „Tschianti“ aussprach und einen trockenen Riesling mit einem „Boah, is det ’n saueret Zeuch“ ablehnte.

Zu wenig Geld, zu viel Bier

Das war die Zeit, als Gunter Gabriel seine ersten Hits hatte: „Er ist ein Kerl“, „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“, „Intercity-Linie Nummer Vier“. Sie waren eine Offenbarung: deutsche Countrymusik, bei der es nicht um Pferdehalfter an der Wand oder Cowboys in der Prärie ging, sondern um Trucker und Fabrikarbeiter, kaputte Ehen, zu wenig Geld und zu viel Bier. So viel Wirklichkeit hatte es in der deutschen Hitparade nie gegeben.

Als dann 1982 „Deutschland ist…“ herauskam, war das moderner Patriotismus im Sinne des „Modells Deutschland“ von Willy Brandt: „Schwarz wie die Kohle im Revier, rot wie die Lippen der Mädchen hier, gold wie der Weizen und das Bier…“ So ging der Refrain.

Ein Song für die B-Seite

Dass allerdings in Gabriels Aufzählung der Dinge, die zu Deutschland gehören, auch „Goethes Haus in Weimar, das Porzellan aus Meißen, die Fischer aus Schwerin“ gehörten, passte zwar auch zu Brandt, der in Erfurt von den DDR-Bürgern gefeiert wurde, und mehr noch zu Helmut Kohl, aber nicht zum Zeitgeist. „Die Plattengesellschaft sagte: Muss das sein mit Goethes Haus? Aber dann ließen sie’s drauf, weil der Song sowieso nur die B-Seite war von ‚Ich tanze nie mehr eng‘.“

B-Seite – ein Begriff aus einer untergegangenen, noch nicht digitalisierten Welt, so weit weg wie die ewige Kanzlerschaft Kohls, der bei seinen Berlin-Besuchen zuweilen in den Kurpfalz-Weinstuben einkehrte. „Er aß immer das Gleiche. Nicht Saumagen, sondern Leberkäse mit Spiegelei“, erinnert sich Schulz. „Die Speisekarte wollte er nie sehen, Vorschläge wollte er nicht hören. Er wusste immer genau, was er wollte.“

Rückkehr der Glaubwürdigkeit

Von Gunter Gabriel kann man das nicht sagen. Nach den ersten Erfolgen wurde sein Profil im Schlagergeschäft abgeschliffen. Der Sänger und Songschreiber wurde zur Karikatur der saufenden, traurigen, prolligen Kunstfigur, die er geschaffen hatte. Dann kam der stilechte Absturz: Alkohol, Gewalt, Steuerschulden, das Übliche halt. Vor einigen Jahren noch war Gabriel ein schlechter Witz, ein „Was macht eigentlich…?“

Seine Schulden zahlte er zurück, indem er sich auf der „Wohnzimmertournee“ für 1000 Euro pro Abend an jeden vermietete, der ihn haben wollte. Damit gewann er allerdings seine Selbstachtung zurück – und mit dem ambitionierten Album „Sohn aus dem Volk“ letztes Jahr auch die Glaubwürdigkeit bei den Kritikern.

Neulich hat der NDR einen Fünfteiler über sein Leben gedreht, nun gibt es ein Drehbuch zu einem Spielfilm auf der Basis der Wohnzimmertournee. „Obwohl solche Filme in Deutschland nicht so gut laufen. ‚Crazy Heart‘ war hierzulande ein Flop, dabei war Jeff Bridges als alternder Countrysänger fantastisch. Aber es gab für das hiesige Publikum zu wenig Action.“

Raconteur und Bühnen-Sponti

„Hello, I’m Johnny Cash“ mag da eher wie ein Rückschritt aussehen, schließlich begann Gabriel seine Karriere als „der deutsche Johnny Cash“. Er meint aber, dass ihm, dem Raconteur und Bühnen-Sponti, die Disziplin der Proben, des Auswendiglernens und der Auftritte gut getan habe. Und der Erfolg des Stückes beschert ihm ein regelmäßiges Einkommen und dadurch die Freiheit, sich um neue Projekte zu kümmern. Gabriel setzt gerade an, davon zu erzählen, da bringt Schulz das Essen.

Henryk M. Broder hat neulich den Saumagen zu einer bedrohten Spezies erklärt , die zuletzt „auf einem Wochenmarkt bei Pirmasens“ gesichtet worden sei. Aber er lebt und gedeiht in Berlin-Charlottenburg.

Gabriel bestellt dann doch Wein

Schulz erklärt das Rezept: Man nehme einen sorgfältig gereinigten Saumagen, der mit Wurstbrät, Schweinemett, Zwiebeln, gewürfeltem Schweinenacken und gewürfelten blanchierten Kartoffeln, Eiern und reichlich Majoran, Salz und Pfeffer gefüllt und gut verschlossen wird. Dann kommt der Saumagen vier Stunden bei 80 Grad in den Kessel, danach wird er in kaltem Wasser abgekühlt und anschließend anderthalb bis zwei Stunden bei mittlerer Hitze in der Röhre gebraten, in Scheiben geschnitten, und mit Sauerkraut und dunklem Brot serviert.

Dazu empfiehlt der Wirt den „Sau K.T.“, das ist der Kallstadter Saumagen Riesling Kabinett trocken des Pfälzer Spitzenweinguts Koehler-Ruprecht. Er ist frisch, leicht säuerlich, ein guter Kontrapunkt zum würzigen Fleisch. Gabriel bestellt dann doch einen Wein, „obwohl ich eigentlich keinen Alkohol trinken darf wegen der vielen Pillen, die ich nehmen muss: Blutdruck, Herzrhythmus, was weiß ich noch alles.“ Und auch, weil er, wie er selbst sagt, mit Alkohol schlecht umgehen kann.

Johnny Cash geht ihm nicht aus dem Kopf

Über zwanzig Vorstrafen hat er im Lauf der Jahre akkumuliert, die meisten im Zusammenhang mit Alkohol. Wenige Tage nach unserem Treffen wird er sich eine weitere verdienen, wegen Trunkenheit am Steuer, Widerstand gegen die Staatsgewalt und Beamtenbeleidigung, als er einen Polizisten anraunzt: „Fettsack, geh weg von meinem Edelkörper!“ So jedenfalls steht es in der Bild-Zeitung.

Seinem massigen Körper mutet Gabriel also einiges zu. Nächstes Jahr wird er siebzig. „Mir geht nie mehr aus dem Kopf, wie Johnny Cash aussah, als ich ihn kurz vor seinem Tod besuchte“, sagt Gabriel. „Er war doch ein Baum von einem Mann gewesen, und nun brauchte er eine Gehhilfe, um in sein Studio zu gelangen. Und der Toningenieur musste am Computer einige verunglückte Vocals korrigieren. Das Alter machte ihm sichtlich zu schaffen.“

Für Einwanderer ein zärtliches Gefühl

Gabriel will fit bleiben; er hat einiges vor – den Film, ein neues Album, und die Never-Ending-Wohnzimmertour geht ja auch weiter. Er hat ein paar Songs für Peter Maffay geschrieben. „Ich habe gesagt, du brauchst ein paar astreine Statement-Songs. Mal sehen, ob ihm meine Vorschläge gefallen. Ich hoffe sehr, weil ich Maffay wirklich bewundere.“

Was „astreine Statement-Songs“ angeht, so hat Gabriel zu „Sweet Home Alabama“ einen deutschen Text geschrieben, „Mein Herz schlägt für Deutschland“. Er singt das Lied vor. Es beginnt wie ein klassischer Gabriel-Song: „Siehst du den Mond von Wanne-Eickel…“ (darauf muss man erst mal kommen), entwickelt sich aber dann zu einer Hommage an das multiethnische Deutschland, für das alle Einwanderer „ein zärtliches Gefühl“ entwickeln.

Gabriel will für seinen Text eine eigene Melodie schreiben, „damit ich nicht so viel Copyright-Kohle an die Jungs von Lynyrd Skynyrd abdrücken muss.“ Ich finde das keine gute Idee. Wenn er den Song rechtzeitig zur Fußball-EM herausbringt, könnte das zu einem Stadionkracher werden, sage ich, gerade weil alle Leute „Sweet Home Alabama“ kennen. Gabriel will darüber nachdenken.

"Ich bin ja auch ein rebellischer Mensch"

Den nur halb gegessenen Saumagen gibt Gabriel an seine Freundin ab und sinnt laut über ein anderes Projekt nach: „Man könnte Lieder von Franz Schubert aufnehmen, mit einem Johnny Cash-typischen Boom-Chicka-Boom“, meint er, und singt vor, wie er sich das vorstellt: „Boom-Chicka-Boom, die launische Forelle, vorüber wie ein Pfeil, Chicka-Boom, verstehst du?“ Die Stimme hat er. Das könnte sogar gut werden, besser noch als Achim Reichels Verrockung deutscher Balladen vor nunmehr dreißig Jahren.

Als ich ihm den Hintergrund des Gedichts erkläre, in dem der auf der Festung Hohenasperg eingesperrte Revolutionsdichter Christian Friedrich Daniel Schubart seine eigene Täuschung und Gefangennahme beschrieb, ist Gabriel erst recht begeistert. „Das passt ja. Ich bin ja auch ein rebellischer Mensch. Und dazu dann ein paar Lieder aus der ‚Winterreise‘. In ‚Mein Herz schlägt für Deutschland‘ habe ich extra ein paar Zeilen reingeschrieben, damit das nicht von Nazis gegrölt werden kann. “

Es ist spät geworden. Jedenfalls sind die Weinstuben leer, vielleicht haben wir die Gäste verschreckt. Schließlich habe ich Gabriel auch einen Blues vorgesungen: „Nobody Knows You When You’re Down and Out“. „Der Ilja“ ist woanders gelandet, wir sollen nachkommen, aber mir brummt ein wenig der Schädel. Gabriel besteht darauf, für alle zu zahlen. Dann zieht er mit seiner Truppe weiter.