Schwedischer Popstar

Robyn macht keinen Mädchenpop mehr

Mit ihren drei neuen Alben "Body Talk Pt.1-3" will die schwedische Sängerin Robyn endlich ihr Image als Retortenstar loswerden.

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Robyn ist müde. Die vorherige Nacht habe sie nicht so gut geschlafen, sagt sie, im Hotel in München sei es viel zu heiß gewesen. Jetzt sieht sie aus, wie ein Kuscheltier aus den Neunzigerjahren: große Augen und überblonde Strubbel-Haare. Die 31-jährige Schwedin sitzt im Konferenzraum ihrer Berliner Plattenfirma - ein verwaschenes, grünes Jeanshemd über dem Blümchenkleid, ungeschminkt, mit dunklem Haaransatz und klobigen schwarzen Stiefeln an den Beinen - und macht einen erstklassig derangierten Eindruck. Vor ihr liegen zwei Telefone, der Laptop ist aufgeklappt: "Ich muss noch schnell eine Mail fertig schreiben."

Robyn hat viel zu tun: Sie muss das neue Album "Body Talk Pt. 1" bewerben, die Tour vorbereiten und gleichzeitig die nächsten beiden Alben "Body Talk Pt. 2" und "Pt. 3" fertigstellen, die sie bis Ende des Jahres veröffentlichen will. Seit ihrem Ausstieg aus dem Genre des vorgefertigten Mädchen-Pops lebt sie das Karrieremodell der Ein-Popstar-Firma: "Ich möchte für alles selbst die Verantwortung haben und jede Entscheidung absegnen."

Schon mit sechzehn Jahren wurde Robyn auf internationale Bühnen geschickt. Man schrieb ihr süßlichen R'n'B-Pop wie "Show Me Love" und "Do You Know (What It Takes)", die ihr vor allem in Amerika Erfolg brachten. Das war Mitte der Neunziger. Dann hatte sie keine Lust mehr, das ferngesteuerte Püppchen zu sein und kaufte sich 2005, nach drei veröffentlichten Alben, aus ihrem Vertrag heraus.

Die eigene Plattenfirma

Sie gründete mit Konichiwa Bitches ihre eigene Plattenfirma, suchte sich die Produzenten selbst aus und schaffte spätestens mit der aktuellen Platte etwas sehr Ungewöhnliches: Sie verwandelte sich vom Retortenstar zur ernst genommenen Pop-Künstlerin. Trotz Nummer-Eins-Hit in Großbritannien, Tour mit Madonna und Zusammenarbeit mit Britney Spears ist Robyn heute der Liebling aller alternativen Musikmagazine.

"Wenn man nur meine frühen Sachen kennt, kann ich gut verstehen, dass man mich uncool findet. Aber ich würde niemals so tun, als gebe es meine ersten Alben nicht. Ich habe früh die Möglichkeit bekommen, Musik zu meinem Beruf zu machen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht das mache, was ich möchte, also habe ich es geändert. Ich hoffe, dass die Leute auch meine neuen Stücke zu hören bekommen", sagt sie und lächelt.

Robyns Image ist schwer zu bestimmen. Manchmal ist sie die Popprinzessin, deren Songs sich nur unwesentlich von Britney Spears unterscheiden. Dann ist sie das abgeklärte, leicht gelangweilte Mädchen aus dem Club, das man besser nicht von der Seite anspricht. Und zwischendurch singt sie unglamouröse Balladen im schwedischen Fernsehen - die Kamera zoomt dann ihre Augen heran, und in ihrem Blick scheint sich aller Liebesschmerz der Welt zu sammeln.

"Ich bin einfach nicht diszipliniert genug und etwas zu schluderig, um an einem festen Image zu arbeiten", sagt Robyn. Dann hält sie inne und konkretisiert. "Nein, natürlich bin ich nicht wirklich schluderig. Ich bewundere Künstler mit persönlicher Ausstrahlung, die ihren eigenen Stil finden, etwas, in dem sie wirklich gut sind, ohne sich zu wiederholen. Aber es ist kein Ausdruck von Schwäche, verschiedene Dinge auszuprobieren. Ich versuche, meine verschiedenen Seiten einander anzunähern."

Euro-Trash und Kirmespop

Das Ergebnis ist ein ansprechendes Durcheinander. Die acht Titel auf "Bodytalk Pt. 1" changieren zwischen hervorragendem Euro-Trash, der an Ace of Base erinnert, fröhlichem Kirmespop und übermotivierten Dancehall-Imitationen. Geeint wird das Ganze durch eine großzügige Dosis Kitsch und Stilmittel, die der Dancemusik der Neunziger entliehen sind: plastikhafter Gesang, eingängige Melodien und stöckelnde Synthesizer.

Man könnte darin den Boten eines seit langem angekündigten Revivals sehen. Aber es ist mehr: Robyn steht für die Versöhnung von heutiger Clubmusik und der Blütezeit der "Bravo Hits"-Compilations. Ist das ein neues Konzept für Zeiten, in denen keine Alben mehr gekauft, sondern nur einzelne Songs heruntergeladen werden? Etwas für jeden Geschmack entwerfen, auf Tour gehen und dann schnell die nächsten Alben hinterher schicken?

"Ich weiß es nicht", sagt Robyn. "Ich habe nicht versucht, mir etwas besonders Schlaues auszudenken. Die Idee entstand aus dem Versuch heraus, einen Weg zu finden, der besser mit meinem kreativen Prozess zusammen passt. Das war eine eigennützige Entscheidung, keine kommerzielle. Ich wollte einfach auf Tour gehen und gleichzeitig schreiben und nicht immer in diesen einzelnen langen Blöcken arbeiten. Ich wollte einen neuen Arbeitsprozess finden." Ein Experiment sei es außerdem.

Mittels Ehrgeiz bei gleichzeitigem Verzicht auf Perfektion ist es Robyn gelungen, ihrem schubladenlosen Schaffen eine gewisse Coolness zu verleihen. Ihre Tanzeinlagen auf der Bühne sind - gemessen an internationalen Maßstäben - unchoreografiertes Gehampel. Manchmal bewegt sie sich so unkoordiniert, dass sie in wilden Gesten Mikrofonständer umwirft und dabei, hoppla!, ganz herrlich unbeeindruckt aussieht. Sie wirkt zwar engagiert, aber bei Madonna hat sie sich nicht viel abgeschaut.

Freiheit und Selbstständigkeit

Performen bis zur Selbstaufgabe ist ihre Sache nicht. Auffällige Bühnenoutfits mit Betonung der sekundären Geschlechtsmerkmale? Nein. Robyn verkörpert das Verlangen nach Freiheit und Selbstständigkeit, den Traum von der Befreiung aus den Fängen der bösen Industrie. Dabei erlaubt sie sich eine Künstlichkeit, die unbedingt natürlich wirkt.

Auch während des Konzerts unlängst in Berlin streckt sie die Arme wie eine Flugbegleiterin. Einige der Zuschauer wenden sich entsetzt ab und bemerken: "Das ist ja schlimmer als Roxette", um dann später doch entschieden mit dem Kopf zu nicken. Andere tanzen längst selbstvergessen und singen Textzeilen wie "I'm in the corner / watching you kiss her" mit. Robyn steht derweil mit drei Mitmusikern auf der Bühne und überspielt die technischen Schwierigkeiten. Es ist der erste Auftritt mit dem neuen Material, und eigentlich ist sie ja auch schon wieder im Studio und arbeitet an neuen Songs, unter anderem an einem Stück mit Snoop Dogg.

Robyn erzählt, dass das Album schon illegal im Internet aufgetaucht sei und ruft dann: "We gonna have a party tonight!"

Ist sie vielleicht auch das lebendige Beispiel dafür, dass Kinderstars und Castingopfer nicht zwangsläufig scheitern müssen? "Es ist großartig, wenn ich Menschen dieses Gefühl geben kann. Aber ich wollte nie ein Vorbild sein, und ich sehe meine Entscheidungen nicht als Wegweiser für alle. Jeder sollte tun, was er mag. So habe ich es auch gemacht." Solche Antworten hat sie eben auch früh gelernt.