"Nichts zu verzollen"

Ein cholerischer Belgier gegen die Camembertfresser

| Lesedauer: 4 Minuten

Der französische Regisseur und Komiker Dany Boon übt sich in "Nichts zu verzollen" wieder einmal aufs Köstlichste im Spielen mit Vorurteilen.

Es gibt Grenzen, wo richtig, was los ist. Beispielsweise diejenige zwischen den USA und Mexiko, die von "Im Zeichen des Bösen“ bis "No Country for Old Men“ die Kulisse für so manches düstere Drama lieferte. Und es gibt Grenzen, bei denen man sich fragt, warum es sie überhaupt gibt.

Beispielsweise die zwischen Frankreich und Belgien, die vielleicht eines Tages ganz verschwinden wird, wenn sich Belgien auflöst und die Franzosen ihre armen wallonischen Verwandten zwangsweise annektieren müssen, weil diese alleine gar nicht lebensfähig sind.

Aber auch diese Grenze war einmal ein Ort, an dem leidenschaftlichste nationale Wallungen aufeinanderprallten und deren Bewacher notfalls scharf schossen - auf Drogenschmuggler oder auch nur auf aufmüpfige Grenzgänger aus dem anderen Land.

Eine Komödie à la "Willkommen bei den Sch‘tis“

Das erfährt man aus der Komödie "Nichts zu verzollen“ von Dany Boon. Der hatte 2009 als Regisseur und Hauptdarsteller mit "Willkommen bei den Sch‘tis“ einen europaweiten Erfolg gelandet, und wie jener Film ist auch der neue mit dem dick aufgetragenen Lokalkolorit seiner nordfranzösischen Heimat gefärbt.

Wie Willkommen bei den Sch‘tis“ ist "Nichts zu verzollen“ eine Farce über Vorurteile - damals ging es um den herablassenden Blick der Süd- auf die Nordfranzosen, diesmal geht es um die Minderwertigkeitsgefühle der französischsprachigen Belgier gegenüber dem großen Nachbarn im Süden.

Ein sympathisches Arschloch

Diese Komplexe kompensiert der belgische Zöllner Ruben (Benoît Poelvoorde, den man hierzulande am ehesten aus "Mann beißt Hund“ kennt) mit einem ausgeprägten Franzosenhass.

Im kleinen Grenzverkehr gibt für ihn reichlich Gelegenheit seine vom Vater ererbte und schon an den kleinen Sohn weitergegebene Abneigung gegen die "Camenbertfresser“ auszuleben - nicht nur, indem er flüchtigen französischen Drogenschmugglern in den Rücken schießt ("Ich empfand so etwas wie Wollust dabei“, gesteht er dem Priester im Beichtstuhl), sondern auch indem er harmlose Bürger, die zum Tanken nach Belgien kommen, nackt in seiner Wache strammstehen lässt.

Dieses rassistische Arschloch, das Poelvoorde mit Charisma eines dauerexplosiven Cholerikers spielt, ist einem von Anfang an sympathisch.

Der Zoll spielt Schicksal

Der Zoll spielt hier auf die gleiche Weise Schicksal, wie es die Post in "Willkommen bei den Ch‘tis“ tat: Seine mächtige Bürokratie zwingt die beiden höchst unterschiedlichen Protagonisten zur Kooperation.

Ausgerechnet Ruben muss Anfang der Neunzigerjahre, als die vollständige Abschaffung der Grenzkontrollen dank dem Schengener Abkommen immer näher rückt, zusammen mit dem französischen Zöllner Mathias (Dany Boon) die erste gemeinsame franco-belgische Zollbrigade bilden, die künftig Schmuggler mit ganz neuen Methoden jagen soll.

Das ist auch nötig, denn die alten Gewissheiten geraten überall ins Wanken: Eine ganz verhängnisvolle Lady-Macbeth-Rolle spielt dabei die französische Ehefrau eines belgischen Wirts, die ihren Ehemann dazu drängt, ihre finanziellen Probleme durch eine "Breaking Bad“-artige Hinwendung zu Schwerstkriminalität zu lösen.

Handys und Humor aus ferner Vergangenheit

Gegen solche Heimtücke hilft es den Zöllnern wenig, dass zu ihrer Ausrüstung eines der ersten ziegelsteingroßen Mobiltelefone gehört, für dessen Gebühren allein schon ein Großteil ihres Etats draufgeht.

Daran und am Auftauchen der ersten Bürocomputer, die noch an den Rändern gelochtes Papier bedrucken, und an den wie Cindy Lauper aussehenden Frauen, die Silvester 1992 in den Straßen tanzen, merkt der Zuschauer, dass er sich in einem historischen Kostümfilm befindet.

Aus einer fernen Vergangenheit scheint auch der Humor zu stammen. Er erinnert an die amoklaufende Grimassenkomik von Louis de Funés, aber auch an die Kleinkriege, die einst Don Camillo und Peppone ausfochten.

Er ist oft sehr körperlich, weicht auch dem guten alten Rektalwitz nicht aus und lässt Stereotypen aufeinanderprallen, die es so scharf konturiert längst nicht mehr gibt. Man mag den engstirnigen Fiesling Ruben auch so gerne, weil er auf eine verquere Art Nostalgie nach einem Europa weckt, das noch nicht ganz so sehr in eine grenzüberschreitende Einheitssoße getunkt war, wie das von heute.