Norwegens Nationaldichter

Breivik könnte auch eine Figur von Knut Hamsun sein

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Tilman Krause

Den lesenden Massakristen Anders Behring Breivik könnte auch der norwegischen Literaturnobelpreisträger Knut Hamsun erfunden haben. Dieser war Hitler-Anhänger.

Wir wissen nicht, welches Verhältnis der Massakrist von Oslo zum umstrittenen Nationaldichter seines Landes hat. Zu seinen hauptsächlichen Gewährsmännern zählt er, ausweislich seines Netzmanifestes, nicht.

Doch ist kaum vorstellbar, dass Anders Behring Breivik, der ja nicht nur ein Massenmörder, sondern auch ein Leser ist, mit Knut Hamsun nicht vertraut sein sollte. Mit Hamsun, dem Fall, aber auch mit Hamsun, dem bedeutenden Schriftsteller.

Hamsun und Breivik waren Einzelgänger

Hamsun als Fall, das meint den überzeugten Nazi, der Hitler noch 1945 ins Grab nachrief: „Er war eine reformatorische Gestalt von höchstem Rang.“

Hamsun als literarisches Ereignis ist aber auch nicht ohne. Bereits vor aller ideologischer Verfestigung zeugt Knut Hamsuns zivilisationsskeptisches Frühwerk von tiefer Faszination durch Verbrechen, Gewalt und jenes Ausleben sadistischer Fantasien, das Menschen, die sich über die Alltagswelt erhaben dünken und sich in ihrem einzelgängerischen Wahn als dreinschlagende Retter imaginieren, gern genehmigen.

Und Einzelgänger sind oder waren sie ja alle: der 32-jährige Breivik, der beziehungslos am Rande der norwegischen Hauptstadt lebt, bevor er auszieht, sein Land von der sozialdemokratischen, multikulturellen, islamischen „Gefahr“ zu erlösen, aber auch der arm und asozial dahinvegetierende Jungdichter von 1890, der mit 30 Jahren die ersten Proben seiner beachtlichen Kunst vorlegt, und eben nicht zuletzt auch die Helden dieser epochemachenden Romane „Hunger“ und „Mysterien“.

Clowns, Scharlatane, selbsternannte Erlöser

Sie irren als Fremde durch Norwegen, halb Clown und Scharlatan, doch halb auch schon als selbsternannte Erlöser, in jedem Falle aber Fundamentaloppositionelle, die sich sämtlichen ihrer Affekte überlassen.

Dieses „heute brüderlich, morgen betrügerisch“ (Brigitte Kronauer) ist vielen Hamsun-Lesern aufgefallen. Kenner der Fin-de-siècle-Literatur ordnen das Werk Hamsuns nicht ohne Grund dem europäischen Ästhetizismus, seinem Nietzscheanismus und Ichkult, zu.

Man kann auch heute noch gut die Irritation der Zeitgenossen von Hamsuns Anfängen nachvollziehen, die hier Figuren kennenlernten, die nicht nur übergangslos von humanen zu antihumanen Empfindungen wechseln, sondern die darüber hinaus auch immer wieder – wie Johan Nilsen Nagel in „Mysterien“ – ihre Sehnsucht nach der „lebenden und flammenden Tat“ artikulieren.

Protagonisten, die es genießen, Angst zu verbreiten

Zu ihren Genüssen gehört es ganz ausdrücklich, den Mitmenschen Angst zu machen und sich „an ihrer Verwirrung erbarmungslos zu weiden“, wie nun wiederum der Ich-Erzähler aus „Hunger“ bekennt. Wer hier an den jubilierenden Amokläufer Breivik in der Ferienkolonie denkt, dem sei gesagt: Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen dem genialischen Dichter Hamsun und seinem gewaltbereiten Leser.

Die destruktiven Regungen, so schockierend offen sie auch benannt werden, bleiben beim frühen Hamsun eingehegt, sei es, dass der Autor diejenigen, die sie empfinden, sterben lässt, sei es, dass sie nur als Tagtraum ausgelebt werden – und dann werden sie eben auch als etwas Komisches vorgeführt, das Tragische bricht sich erst beim Greis Bahn, der seine aggressiven Schübe nicht mehr ausbalancieren kann.

Übrigens weist die Geschichte des Anders Behring Breivik noch weiter zurück, gleichsam in die Morgenröte der Moderne. Schon Robert François Damiens, der 1757 einen Anschlag auf Ludwig XV. verübte, empfand sich als Ritter der guten Tat, dazu auserwählt, Frankreich aus den Händen eines Unwürdigen zu befreien.

Der Herzog von Croy, damit beauftragt, seine Beweggründe auszuforschen, schrieb: „Die wichtigste Ursache, die den Elenden angetrieben hat, war sein übermäßiger und verzehrender Hochmut, der ihn glauben ließ, er müsse sich für das allgemeine Wohl und die Ordnung im Staate opfern.“