Roman "Muttersohn"

Public Listening mit Martin Walser am Wannsee

| Lesedauer: 4 Minuten
Elmar Krekeler

Martin Walser hat seinen neuen Roman "Muttersohn" im Studio des Literarischen Colloquiums in Berlin-Wannsee vorgestellt. Der Autor sang seinen Text über die Hauptfigur Percy, die man einfach lieben muss.

Percy hätte übers Wasser gehen können, das hätte ihm einiges abgekürzt. Anton Percy Schlugen - der könnte so was. Der ist schließlich ein „Engel ohne Flügel“, der „ist geleitet“, der ist das Jesusähnlichste, was die deutsche Literatur in Jahrzehnten zuwege gebracht hat. Ein Luftgänger und die Hauptfigur von Martin Walser neuem Roman. „Muttersohn“ heißt der. Aus dem will der 84-jährige lesen im Literarischen Colloquium (LCB) am Wannsee. Und von der Landseite, deswegen beginnt man Percy schnell schwer zu beneiden, ist die LCB-Villa heute eher schlecht zu erreichen. Man muss lange Schlange stehen. Deutlich mehr Leute als bei der „Muttersohn“-Urlesung in Bad Schussenried, immerhin in Walsers Herzland Oberschwaben, stehen an. In Schussenried hatte Walser noch damit kokettiert, dass er Angst habe, mit seinem barocken, katholischen Roman in den glaubenskalten, protestantischen Norden zu gehen. Das mit dem Glauben, um den sich in „Muttersohn“ beinahe alles dreht, würde im Norden keiner kapieren. Er müsse, hat er da gesagt, sich wohl jetzt mit einer Region zufrieden geben, seinem katholischen Herzland halt. Nichts da.

Public Listening

Es ist ein ähnlich schöner Abend wie im Kloster Schussenried, an dem Ort, wo „Muttersohn“ zu großen Teilen spielt. Am Himmel lösen sich die letzten Wolken auf ins Blau. Es ist warm. Ist ja selten geworden. Man steht gern an. Umringt von grantelnden älteren Damen, die bangen, ob sie noch einen Platz bekommen drinnen. Sie müssen nicht bangen. Die Literatur sitzt im Saal, ein Großteil des Publikums sitzt draußen auf Stufen, auf Stühlen, an Tischen, mit Weißwein und Weißbier. Walser spricht zum Volk aus dem Lautsprecher - Public Listening.

Die Leute schauen auf den See hinaus, während er redet und liest. Ein Schiff gleitet vorbei. Hin und wieder schlägt eine Glocke an. Und Walser erzählt Geschichten. Über Peter Suhrkamp und wie er versucht hat ihn einzuschüchtern, weil ihm eine Szene in „Ehen in Philippsburg“ nicht gefallen hat. Über seine Mutter und ihre große Lebensangst. Wie er in seiner Jugend unter der Angstglocke der Mutter anfing Karl May zu lesen, weil er wusste, dass es bei Winnetou immer gut ausging. Wie ihm Percy unter die Feder kam und er ihm dann folgen musste in eine Helligkeit und Leichtigkeit, wie sie noch nie war in Walsers Werk. Dass er das Gesellschaftliche hinter sich hat, genug hat davon, seine Figuren leiden zu lassen. „Verschtehscht“, sagt er immer wieder. Die Literaturkritik wird gezauselt, aber nicht sehr. Dass er zumindest für die Dauer dieses Romans die früher mal vereinten Sphären Literatur und Religion zusammen habe bringen wollen, sagt er. Dass er das Jesus-Buch des Papstes gelesen hat, gibt er zu Protokoll. „Eine Art Parallelunternehmen“ zu seinem Roman. Die Leute lachen.

Ein ziemlich deutscher Roman

Und dann liest er. Er singt seinen Text. „Man wird doch noch Psalmodieren dürfen“, sagt sein Percy mal. Walser liest das Best-of-Percy. Seine Bergpredigten, sein Auftritt in der Talk-Show. Seine Liebesbriefe.

Walser liebt seinen Percy. Vermutlich wie sich selbst. Was schon sehr viel wäre. Man muss Percy aber auch lieben. Er ist ein großer Liebender, dieser Muttersohn, der soviel von Walser hat und soviel von dem, was Walser gerne hätte. Und er passt perfekt. Percy, der Muttersohn, der Liebende, der neue Jesus ist die Verkörperung eines mitfühlenden, weitherzigen, warmherzigen christlichen Westens, ist die helle Seite, die Gegenfigur von Anders Behring Breivik, jenes mörderischen Muttersöhnchens aus Oslo, das nichts ist als die Verkörperung der hassenden, engherzigen, wahnsinnigen Verdrehung aller westlicher, christlicher Werte.

Es wird schnell kühl. Die Gläser werden zusammen geräumt. Walser ist noch gut im Schwung. Und dann verrät er noch, dass in seinem ganz neuen Roman vom Barocken keine Spur mehr sein wird. Keine Deckengemälde. Aber immer noch viel Glaube wird sein. Eine Theologin ist die Hauptfigur, eine protestantische. Und sie wohnt in Berlin. In Zehlendorf. Um die Ecke also. Man geht, und man wundert sich wie leicht. Man könnte übers Wasser gehen. Und das mit einem ziemlich deutschen Roman im Kopf. Seltsam.