Film

Als die Nazis in Babelsberg die Regie übernahmen

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Peter Zander

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Unter Goebbels wurde Babelsberg zur Ufa-Stadt und zum Instrument des Nazi-Regimes. In dieser Zeit entstand aber auch ein Klassiker der Filmgeschichte: "Münchhausen".

Hans Albers hängt in den Seilen. Buchstäblich. Er trägt ein Korsett, das mit Stahlseilen an der Atelierdecke verbunden ist, und sitzt auf einer Styropor-Kugel. Auf dem Boden liegen Sandsäcke, nur für den Fall, dass die Seile reißen sollten. Was sie auch tun. Unsanft landet der Filmstar auf dem Hosenboden. Wir befinden uns auf dem Ufa-Gelände in Babelsberg. Gedreht wird eine der berühmtesten Szenen, die je hier entstanden ist: der Ritt auf der Kanonenkugel in „Münchhausen“. Wenn der Lügenbaron durch die Lüfte saust, dabei den Hut zieht und fröhlich ins Publikum grüßt. Wochenlang hat man mit einem Double geprobt, mit Albers ist alles in einer halben Stunde im Kasten. Die kniffligste Frage ist dabei aber gar nicht, wie sich der Star auf der Kugel hält, sondern wie man den Luftritt darstellt. Einen Blue Screen gibt es damals noch nicht. Konstantin Irmen-Tschet, einer von Babelsberg genialen Spezialeffektler, kommt auf eine geniale Idee: Albers wird vor eine Leinwandtrommel gehängt, die wird seitlich abgespult und so glaubt man wirklich, Wolken ziehen vorbei.

Sensationsprojekt zum 25sten

Das wird einmal als meist zitierter Filmtrick in die Annalen eingehen. Und eine Skulptur vom Reiter auf der Kanonenkugel ziert noch heute das Gelände vom Studio Babelsberg. Die Arbeiter vor Ort aber interessieren sich bei den Dreharbeiten viel mehr für einen anderen Effekt: Münchhausen muss eine Hühnerkeule verspeisen, die Szene wird wieder und wieder gedreht, und immer mehr Arbeiter, die Beleuchter, der Stab, selbst Leute aus dem Kopierwerk sitzen drum herum und gucken gierig. Es ist ja Krieg und Fleisch längst Mangelware. 1942 wird die Ufa, seit 20 Jahren in Babelsberg ansässig, 25. Zu diesem Anlass hat der Reichspropagandaminister ein Opus der Superlative bestellt, das Hollywood Konkurrenz machen und der Welt die Überlegenheit des deutschen Films demonstrieren soll. Acht Monate dreht sich in Babelsberg, nach einjähriger Vorarbeit, alles nur um diesen einen Film. Das Budget ist auf 4,5 Millionen Reichsmark angesetzt, das Vierfache eines gewöhnlichen Films, und wird noch um zwei Millionen überschritten. 360.000 gehen allein an Albers, neben ihm spielt die Crème de la Crème des deutschen Films mit. Und Tausend Statisten. Die prächtigsten Kulissen werden dafür in den märkischen Sand gesetzt, und Hunderte von prächtigen Rokoko-Kostümen entworfen, obwohl doch allerorten Mangel herrscht. „Münchhausen“, der vierte deutsche Farbfilm, wird zum teuersten Unterhaltungsfilm des Dritten Reichs. Und in der Schlüsselszene sitzt der Star auf einer Kanone und grüßt in die Menge! Die filmische Entsprechung zu Zarah Leanders Durchhalteschlager „Davon geht die Welt nicht unter“.

Der neue Wind kommt nicht so plötzlich über Babelsberg. Schon 1927 hat Hugenbergs Scherl-Verlag die Ufa übernommen. Er hat sie damit freigekauft aus dem Parufamet-Knebelvertrag mit Hollywood, übt aber seinerseits Druck aus. Mit diesem ersten deutschen Medienkonzern will Hugenberg seine deutschnationalen Visionen umsetzen. Schon 1930 engagiert sich der größte Teil des Ufa-Aufsichtsrates für die NSDAP. Und als am 30. Januar 1933 die Nazis an die Macht kommen, bringt die Ufa nur drei Tage später das stramm nationale Epos „Morgenrot“ in die Kinos. Dem folgen kurz darauf „Flüchtlinge“ und „Hitlerjunge Quex“, die allesamt Paradebeispiele für den neuen nationalen Film sein sollen.

Doch niemand in der Ufa, in Babelsberg ahnt, welch weitreichende Konsequenzen die Machterschleichung der Nazis hat. Joseph Goebbels, zum Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda ernannt, fordert am 28. März 1933 in einer Rede im Hotel Kaiserhof, „den deutschen Film von der Wurzel aus zu reformieren“ und ihm „völkische Konturen zu geben“. Nur einen Tag später werden jüdische Mitarbeiter entlassen. Und im Juli wird eigens eine Filmkammer eingerichtet: Wer nicht arisch ist, wird nicht aufgenommen, wer nicht aufgenommen wird, kann seinen Beruf nicht mehr ausüben. Damit beginnt ein künstlerischer Aderlass, ein Massen-Exodus, von dem sich Babelsberg, das deutsche Hollywood, nie wieder erholen wird.

Ein paar Ewiggestrige meinen ja heute noch, die folgenden Jahre seien die Blütezeit der Ufa gewesen, etwas, dass es nur einmal gab und nicht wieder kommt. Immerhin: Erst unter den Nazis werden die Gemeinden Nowawes und Neubabelsberg im September 1937 endgültig zu Babelsberg vereinigt und das ganze Studiogelände in „Ufa Stadt Babelsberg“ umbenannt (Postadresse: Ufa-Str. 99-103). Doch die wahre Hochzeit, die Goldene Ära ist unwiderruflich dahin. Und erstmals wird die Filmproduktion, nicht nur in Babelsberg, sondern reichsweit, von der Politik gelenkt.

Mit der Gründung der Filmkreditbank im Juni 1933 beginnt eine schleichende Verstaatlichung der Filmindustrie, bis 1937 erwirbt die Reichsregierung 72,6 Prozent des Aktienkapitals der Ufa, bis sie im Januar 1942 per „Ufi-Gesetz“ zur neuen Ufa-Film GmbH (Ufi) wird, ein staatseigener Konzern. Auch andere Filmfirmen wie Terra, Tobis und Bavaria fallen dem Reich anheim. Ab Mitte 1942 gibt es keine privatwirtschaftliche Filmproduktion mehr. Auch Kopierwerke und Verleihfirmen werden staatlich gelenkt, die Filmkritik von einer „Filmbetrachtung“ abgelöst. „Der Name Ufa war nun total und ein Synonym für den deutschen Film“, schreibt Klaus Kreimeier 50 Jahre später in seinem Standardwerk „Die Ufa-Story“, „und so wie das Hakenkreuz als Signum für Hitler-Deutschland galt, so symbolisierte der Ufa-Rhombus alles, was mit Film und Kino im Reich und in den eroberten europäischen Ländern zusammenhing.“

Und Goebbels agiert als Konzernchef und Medienmogul, der sich bis zur Besetzung von Starlets um alles persönlich kümmert. Er sieht im Film zwar „eines der modernsten Massenbeeinflussungsmittel“, doch von den 1096 Filmen im Dritten Reich sind nur gut ein Dutzend eindeutige, perfide Propagandafilme. Überwiegend entstehen Unterhaltungsfilme, die das Volk bei Laune halten sollen, auch platte Remakes amerikanischer Erfolge. Und „Münchhausen“ soll das Sahnehäubchen für das deutsche Filmschaffen werden.

Aus Angst, es könne doch nicht gelingen, oder auch aus blanker Personalnot greift Goebbels dabei zu einer Verzweiflungstat: Erich Kästner darf das Drehbuch zu „Münchhausen“ schreiben. Kästner ist eigentlich ein verfemter Autor, bei der Bücherverbrennung 1933 hat er zusehen müssen, wie seine eigenen Werke vernichtet wurden, seither lebt er in innerer Emigration. Im Juli 1942 aber erhält der „Zersetzungsliterat“ eine widerrufbare Sondergenehmigung der Reichschriftkammer. Die wird ihm allerdings nach der letzten Klappe sofort wieder entzogen. Er darf auch nur unter dem Pseudonym Berthold Bürger schreiben (nach dem Autor des „Münchhausen“-Klassikers, Gottfried August Bürger), und dieser Name darf weder im Vorspann noch in der Presse erwähnt werden.

Bis zuletzt Unterhaltung gedreht

Dennoch ist es gerade Kästner zu verdanken, dass der Film nicht zur reinen Effekteschau verkommt, sondern zu einem stringenten Lustspiel, das wirklich anrührt. Und zumindest an einer Stelle gelingt Kästner eine systemimmanente Kritik, die von der Zensur nicht erkannt wird: Mit dem Ballon auf dem Mond gelandet, erklärt Kuchenreutter, der Diener Münchhausens: „Entweder Ihre Uhr ist kaputt oder die Zeit selber.“ Und Münchhausen, also Albers, antwortet: „Die Zeit ist kaputt.“ Der Jubiläumsfilm soll ein Monumentalepos über den größten Lügner aller Zeiten sein. Und dem verbotenen Autor gelingt da eine feine Allegorie auf Hitler, den vermeintlich größten Führer aller Zeiten, und sein Regime. Als wolle er dem Zuschauer raten: Alles Lug, alles Augenwischerei. Glaubt nicht, was ihr da seht.

Der 25. Geburtstag der Ufa datiert eigentlich auf den 17. Dezember 1942. Aber da ist das Prestigeprojekt noch nicht fertig. Die Premiere – mit Festakt und Ufa-„Betriebsappell“ – erfolgt erst am 3. März 1943 am Ufa-Palast am Zoo. Einen Monat nach der Kapitulation in Stalingrad, und zwei Wochen nach Goebbels fataler Sportpalast-Rede vom „totalen Krieg“. In diesen Tagen erleidet Berlin längst schwere Bombenangriffe, und kurz darauf wird auch das Uraufführungskino zerstört.

Die Zeit ist kaputt. Und dennoch dreht die Filmindustrie bis zuletzt seine Unterhaltungswerke, wenn auch kriegsbedingt unter immer schwierigeren Bedingungen. Das Durchhalteepos „Das Leben geht weiter“ wird 1945 von den Kriegsverlusten überholt und muss wegen des Kriegsverlaufs in die Lüneburger Heide verlegt werden. Doch in Babelsberg wird noch „Die ewige Schenke der Liebe“ mit Carl Raddatz gedreht, als die Rote Armee Berlin bereits umzingelt hat.