Dramatiker über Utoya

"Diese dumme, brutale, monologisierende Kraft"

Die Morde auf Utoya bewegen die Welt. Der norwegische Dramatiker Jon Fosse über Rechtsextremismus und die Schwierigkeit, das Grauen zu analysieren.

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Jon Fosse, 51, ist Norwegens führender Dramatiker. Seine minimalistischen Stücke behandeln meist die Verständnisschwierigkeiten ihrer Protagonisten und werden regelmäßig auch an deutschen Bühnen aufgeführt. 2004 verfilmte Romuald Karmakar Fosses "Die Nacht singt ihre Lieder“; 2010 hatte "Tod in Theben“, seine deutschsprachige Erstaufführung bei den Salzburger Festspielen. Darin verdichtet Fosse drei Tragödien des Sophokles zu einem Stück über die Freiheit des Einzelnen.

Morgenpost Online: Es scheint, dass die Anschläge rechtsextremistisch beziehungsweise christlich-fundamentalistisch motiviert waren. Überraschenderweise galten sie nicht Zuwanderern mit einem anderen Glauben, sondern Regierungsbeamten sowie einer sozialdemokratischen Jugendorganisation.

Jon Fosse: Was passiert ist, ist natürlich unmöglich zu verstehen. Es liegt weit jenseits der Grenze dessen, was man verstehen kann. Aber der Mörder muss von der vagen Absicht getrieben gewesen sein, Norwegens Arbeiterpartei zu zerstören. Dabei waren sowohl die ältere wie die junge Generation das Ziel seines Terrors – etwa der Ministerpräsident und all die jungen Menschen, die sich in dem Lager versammelt hatten.

Zweifellos ist er überzeugt, dass die Arbeiterpartei auf irgendeine Weise für alles, was er hasst, die Verantwortung trägt – in seinem "Manifest“ nennt er es "Marxismus“, "Multikulturalismus“, "Islamismus“ etc.

Das, obwohl diese Partei weit davon entfernt ist, eine marxistische Partei zu sein; es handelt sich vielmehr um eine moderne, säkulare sozialdemokratische Partei. Es gibt zwar marxistische Parteien in Norwegen. Aber die hätten für seine Ambitionen wohl ein zu kleines Ziel abgegeben.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielen Neonazis oder überhaupt die extreme Rechte in Norwegen? Wie sehen Sie die Rolle der rechtspopulistischen "Fortschrittspartei“?

Fosse: Soweit ich sehen kann, neigen nur sehr wenige Norweger zum Rechtsextremismus. Am Wochenende mussten wir aber feststellen, dass unter diesen wenigen einige sind, die zum Schlimmsten fähig sind.

In seinen Interneteinträgen betont der Killer übrigens, dass Marxismus und Nationalsozialismus gleich schlecht seien. Letzteren nennt er in einem Atemzug mit dem Judentum! Was die Fortschrittspartei betrifft: Der Killer war dort früher Mitglied. Es wäre aber vollkommen falsch, diese Partei mit Terror dieser Art in Verbindung zu bringen.

Morgenpost Online: Richtet sich der Hass der Rechtsextremen nicht vor allem gegen Norwegens Immigranten?

Fosse: Ja, es gibt viele Einwanderer in Norwegen. Die meisten von ihnen wohnen in und um Oslo. In einigen Schulen im östlichen Teil der Stadt gibt es in den Klassen fast keine Norweger oder Europäer. Wogegen sich der Hass der extremen Rechten genau richtet, weiß ich ehrlich gesagt aber nicht.

Morgenpost Online: Auf der Facebook-Seite des Täters steht, er möge TV-Serien wie "Caprica“ und "True Blood“. Die erste handelt von christlichen Fundamentalisten, die Anschläge auf eine freiheitliche Gesellschaft planen, und die zweite von Menschen und Vampiren, die in den amerikanischen Südstaaten Seite an Seite leben.

Beide regen in komplexer Weise zum Nachdenken über Glauben, Rasse und Geschlecht an. Schockiert es Sie als Dramatiker, wie der Attentäter das missverstanden hat?

Fosse: Das ist tatsächlich merkwürdig. Schockierend aber finde ich die extreme Grausamkeit, die sich in Norwegen ereignet hat. Ich kann nicht aufhören, daran zu denken. Doch es ist sehr schwer, darüber nachzudenken oder es zu analysieren. Es ist einfach schrecklich.

Morgenpost Online: Machen Sie sich Gedanken über die Wirkung Ihrer Stücke?

Fosse: Im Allgemeinen denke ich nicht an die Folgen und Wirkungen, die meine Stücke haben könnten. Aber ich bin zuversichtlich, dass sie ein Motor der Differenzierung und des Verständnisses sind – eine entgegengesetzte Kraft zu der dummen, brutalen monologisierenden Kraft, die wir jetzt erlebt haben, und zwar in ihrer extremsten und brutalsten Form.