Wagner-Festspiele

Bayreuth feiert in diesem Jahr still und leise

Auch wenn die Bundeskanzlerin kommt: Ohne großen Pomp eröffnen die 100. Bayreuther Festspiele. An Programm und Betrieb ändert sich nichts.

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Der 100. Geburtstag. Das wäre doch ein Grund zum Feiern. Bei einem Menschen allemal. Für eine ebenso alte Institution bedeutet das Centennium noch mehr: Würde, Erfolg, eine lange Existenz, Anerkanntsein. Man hat es geschafft. 25 Jahre sind noch jugendlich, 50 gereift, 75 ehrwürdig und 100 eigentlich unangreifbar.

Die Bayreuther Festspiele finden zum 100. Mal statt. Zwar wurden sie schon 1876 in einer oberfränkischen Kleinstadt in einer eigens entworfenen Opernscheune von einem durchaus wirkungsbewussten, aber auch ein wenig größenwahnsinnigen Komponisten (Richard Wagner) und einem wahrscheinlich noch wahnsinnigeren königlichen Finanzier (Ludwig II. von Bayern) gegründet.

Finanzielle und politische Krisen sowie zwei Weltkriege haben sie freilich immer wieder ausfallen lassen. Doch auch der künstlerische und ideologische Neuanfang, der seit 1951 ohne Unterbrechung abgehaltenen Festspiele jährt sich nun schon zum 60. Mal.

Die Hälfte aller Opernhäuser weltweit spielen in Deutschland

Die Bayreuther Festspiele, Urmutter aller Musikfestivals, sind seit ihren Anfängen Deutschlands wichtigster Beitrag zum weltweiten Kulturjahr – neben der Berlinale, der nur alle fünf Jahre stattfindenden Kasseler Documenta sowie der Frankfurter Buchmesse.

Und sie sind auch mit stets im Geschehen auf und hinter der Bühne sich spiegelndem Wilhelminismus, Nationalismus, Nationalsozialismus, Demokratie und Wiedervereinigung ein Abbild dieses Landes gewesen. Im politischen Willen wie im kulturellen Understatement.

Man hat hierzulande überreiche kulturelle Schätze: Die Hälfte aller Opernhäuser weltweit stehen und spielen in Deutschland, aber man nimmt das gelassen als gegeben hin. Wer einmal den inszenierten Pomp einer Opernsaisoneröffnung in New York oder Mailand erlebt hat, der kann über den eher albern verdrucksten Einmarsch deutscher Politiker und Stars in der oberfränkischen Bratwurstprovinz nur schmunzeln.

In Bayreuth rollt die übliche Repertoirewalze

Die Salzburger Festspiele, die glamouröse, vielen Komponisten ein Haus bietende Konkurrenz im nahen Österreich, haben vergangene Saison sogar ihren 90. Geburtstag mit einem Marketing-Kraftakt samt Ausstellung zelebriert.

Nichts davon in Bayreuth. Da herrscht in diesem Jahr Wagner-Business as usual. Es gibt eine Neuinszenierung von „Tannhäuser“, dirigiert von Thomas Hengelbrock, der aus der Alten Musik kommt und vielleicht für ein paar neue Klänge im Sängerkrieg auf der Wartburg sorgen wird.

Ansonsten rollt die übliche Repertoirewalze. Wagner-Fans aus aller Welt langt das. Ein paar unüblich politische Töne verspricht höchstens noch das Gastspiel des Israelischen Kammerorchesters, das am 26.Juli bei einem Konzert in der Bayreuther Stadthalle auch Wagners „Siegfried-Idyll“ aufführen wird.

Der einst von den Nazis vereinnahmte, freilich selbst auch antisemitische Komponist ist in Israel nach wie vor nicht spielbar; weshalb der Auftritt naturgemäß dort zu größeren Diskussionen führte als bisher hierzulande.

Die Bundeskanzlerin wird wieder kommen

Der „Ring des Nibelungen“ hat dieses Jahr Pause, der kommt erst im Jahre 2013 wieder, womöglich inszeniert von Frank Castorf; was man aber erst glauben sollte, wenn wirklich ein Vertrag unterschrieben ist. Dann feiert man aber richtig – den 200. Geburtstag Richard Wagners.

Dann soll auch die erweiterte Villa Wahnfried, Wagners Wohnhaus, mit einer neuen Dauerausstellung eröffnet werden; eine unabhängige Historikerkommission soll zudem bis dahin die Verstrickungen der nach wie vor auf dem Grünen Hügel herrschenden Familie während der Nazizeit lückenlos beleuchtet haben.

Es sind zwar Festspiele in Bayreuth, aber begangen wird deren Jubiläum also nicht. Ihre Existenz, ihr wiederholter Neustart scheint schon Feier genug. Die Bundeskanzlerin wird wieder kommen (anders als viele ihrer Vorgänger) und sich einen Abend nicht um die Euro-Krise und den Griechenlandbankrott kümmern.

Auch das wird man Angela Merkel neuerlich vorhalten. Dabei sind die Bayreuther Festspiele eine der wenigen kulturellen Institutionen, die im föderalen Deutschland direkt vom Bund gefördert werden.

Zu einem Drittel beteiligt sich zudem der Freistaat Bayern an den ungedeckten Kosten. Das letzte Drittel teilen sich die Stadt Bayreuth, der Bezirk Oberfranken und die „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“.

In absoluten Zahlen heißt das, dass der Bund etwa 2,3 Millionen Euro an Steuergeldern für das Spektakel bereithält. Eine lächerliche Summe für ein Festival mit dieser Ausstrahlung, das zudem immerhin 60 Prozent seiner Ausgaben aus eigener Kraft erwirtschaftet.

Regisseure, Sänger und Dirigenten beklagen sich zunehmend

Und doch geht es auch den Bayreuther Festspielen wie vielen Institutionen in diesem Land. Man schüttet lieber flächendeckend die Gieskanne aus, statt punktuell Exzellenz üppiger zu düngen. Das ist weniger angreifbar, jeder kriegt was, und alle freuen sich. Sicher, Italien, das Mutterland der Gattung, hat nur noch zwölf einigermaßen regelmäßig spielende Opernhäuser, England hat fünf, das kleine Österreich sieben.

Doch an Bedeutung weltweit kann es mit der Mailänder Scala, dem Royal Opera House Covent Garden und der Wiener Staatsoper – neben dem Sonderfall Bayreuth – höchstens die nach wie vor monarchisch gepflegte und regierte und am höchsten subventionierte Bayerische Staatsoper aufnehmen.

In Bayreuth aber wird es nicht mehr lange so billig weitergehen. Regisseure, Sänger und Dirigenten beklagen sich zunehmend über die kurzen und komplizierten Probenbedingungen. Nirgendwo sonst müssen täglich Inszenierungen dieser Dimensionen premierenfertig gemacht werden.

Für Wolfgang Wagner, der den Laden bis 2008 eisern zusammenhielt, hat man solches noch möglich gemacht. Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner, seinen Töchtern als neuen Intendantinnen, gesteht man es nicht mehr zu.

Es wird über Kartenkontingente, Förderkreise und Probebühnen debattiert. Aber am Betriebssystem Bayreuth ändert sich bisher nichts. Bis es kollabiert? Vielleicht hält man sich auch deshalb dieses Jahr mit dem Feiern lieber klug zurück.