Krimi

Der Sensenmann geht um im Athener Bankenviertel

Der griechische Schriftsteller Petros Markaris zeigt in "Faule Kredite", wie das Leben in der Schuldenkrise funktioniert. Es könnte auch uns treffen.

„Sehen Sie, Griechenland lebt auf Pump – sei es mit Hypotheken, Verbraucherdarlehen, Geschäfts- oder Urlaubskrediten. Die griechische Wirtschaft dreht sich einzig und allein um diese Achse. Die Banken halten über die Hälfte der Griechen in Geiselhaft.“ Was auf den ersten Blick wie ein Leitartikel klingt, ist tatsächlich Literatur, Kriminalliteratur. Ein geschasster Ex-Banker erklärt dem Leiter der Athener Mordkommission den Lauf der Dinge. Geschasst wurde er, weil er von einem Kreditnehmer ein Geschenk annahm: Zehn Prozent auf die Kaufsumme eines Kompakt-Wagens.

Der griechische Schriftsteller Petros Markaris (74) hat seinen Landsleuten schon mehrfach den Spiegel vorgehalten. Ob es sich um den Umgang mit Migranten, die Kollaboration mit den deutschen Besatzern oder die Beteiligung griechischer Freiwilliger am Massaker von Srebrenica handelte – sein zum Sarkasmus neigender Held Kostas Charitos spricht Wahrheiten aus, die seine Landsleute nicht unbedingt glücklich stimmen.

Umso erstaunlicher ist es, dass Markaris nicht nur vom letzten konservativen Kulturminister zum Präsidenten des Nationalen Buchzentrums berufen wurde, sondern seine Bücher auch Bestseller sind, nicht nur im Ausland, sondern in Griechenland selbst.

Geldleute verlieren ihren Kopf

„Faule Kredite“ heißt sein neuer Band, Auftakt einer Trilogie, die nichts Geringeres als die hellenische Schuldenkrise zum Thema hat. Der Sensenmann geht darin um im Bankensektor. Buchstäblich. Mehrere Geldleute haben ihren Kopf verloren. Zugleich heizen Plakate mit dem Slogan „Sofortige Zahlungsverweigerung. Boykottiert die Banken“ die Stimmung weiter an.

Während sich die Demonstranten vor dem Parlament abwechseln, ermittelt Kommissar Charitos zwischen bankrotten Selbstmördern, sportlichen Dopingsündern und zynischen Bankern. Markaris, als Co-Autor von Filmemacher Theo Angelopoulos, Drehbuchschreiber und „Faust“-Übersetzer lange eher als distinguierter Feingeist bekannt, hat mit seinem phlegmatisch-sanguinen Helden einen ungemein wirkungsmächtigen Volksaufklärer geschaffen.

Doch ihre eigentliche Wucht gewinnen Markaris’ „Faule Kredite“ aus der dämmernden Erkenntnis nichtgriechischer Leser, das Kaleidoskop an Boshaftigkeiten und Alltagsdramen könnte ihn selbst alsbald treffen: der Verlust von eineinhalb Monatsgehältern, Rentenkürzungen auf 450 Euro, verlängerte Lebensarbeitszeiten, unbezahlbare Ausbildungen für die Kinder, fehlendes Kleingeld für Kneipenbesuche oder gar Urlaub. Und: „Das Rauchverbot, das in allen öffentlichen Gebäuden gilt, wurde aufgrund des aktuellen Notstandes aufgehoben. Alle paffen wir die Schlote und diskutieren lautstark.“

Markaris, der in Interviews aus seiner Kritik an den hellenischen Zuständen keinen Hehl macht, hält sich als Literat mit Kritik an seinen Landsleuten zurück. Er versteht sich als Zeuge mit einem Händchen für die karikierende Übertreibung. Am Tatort eines geköpften Opfers, das die Filiale einer britischen Bank leitete, finden sich „keine Sicherheitstüren mit Überwachungskameras. Wenn das nicht der berühmte schottische Geiz ist! Wir Griechen sind durch unsere Verschwendungssucht wenigstens mit fliegenden Fahnen untergegangen. Aber wie haben diese Sparfüchse ihre Wirtschaft ruiniert?“

Mit seinem Zynismus macht Markaris, der Jahre in München und Wien gelebt hat, auch vor den Deutschen nicht halt: „Ich verstehe nicht, warum die Deutschen unsere Errungenschaften verdammen, statt sie zu übernehmen. Wäre es denn so schlimm, wenn auch sie ein vierzehntens Monatsgehalt einführen würden? Statt uns das dreizehnte zu beschneiden?“ Nein, es ist nicht der Kommissar, der das sagt, sondern sein Assistent. Und Markaris führt nur Protokoll. Vor einem halben Jahr kam sein prophetisches Buch auf Griechisch heraus. Es zeigt einmal mehr: Der wahre Soziologe ist Kriminalist.

Petros Markaris: Faule Kredite. Ein Fall für Kostas Charitos. Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger. Diogenes, Zürich. 397 S., 22,90 Euro