Komische Oper Berlin

"Shadowland" sorgt für überraschende Momente

Dreidimensionales Kino war gestern, das gute alte Schattentheater wird wiederbelebt und läuft zu neuer Form auf. Seit Mittwoch gastiert die amerikanische Tanzkompanie "Pilobolus" mit "Shadowland" in der komischen Oper - eine bizarre Mischung aus modernem Tanz, klassischem Ballett und Kino.

Foto: REUTERS

Ein junges Mädchen schläft ein auf offener Bühne. Doch das Publikum in der ausverkauften Komischen Oper bleibt hellwach und folgt diesem Kind auf dem Weg zur Frau in seine bizarren Träume, taucht ein in ein Schattenreich unheimlicher Gestalten und fantastischer Geschichten, erlebt groteske Kreaturen und dämonische Jäger, nach Menschenfleisch gierende Köche und verliebte Zentauren. Und ist nach 75 bewegenden, Staunen machenden Minuten hingerissen von dem phantasievoll geistreichen Spektakel namens „Shadowland“, mit dem das amerikanische Pilobolus Dance Theater am Donnerstagabend in der Komischen Oper Berlin-Premiere feierte.

Seit 40 Jahren besteht das Pilobolus Tanztheater, einst als zur Kunst entschlossene Hippiekommune von Robby Barnett und einigen Gleichgesinnten in den Wäldern von Connecticut gegründet. Mit ihren gymnastischen, abstrakten, akrobatischen Bewegungskreationen feiern sie in der Tanzwelt weltweit Erfolge, sind nach eigener Rechnung bislang vor mehr als vier Millionen Menschen in 63 Ländern aufgetreten. Doch erst seit einem Auto-Werbespot, bei dem sie 2006 als allererste Schattenarbeit den neuen Hyundai aus Menschenkörpern formten und seit ihrem Auftritt bei der Oscar-Verleihung 2007, bei dem sie aus schattenhaften Menschenknäueln Bilder der damals nominierten Filme erschufen, ist Pilobolus auch außerhalb der Tanzwelt ein Begriff. Ein Auftritt bei Thomas Gottschalks „Wetten, dass..?“ sorgte dafür, dass „Shadowland“, die erste lange Bühnenproduktion, nun auch bei uns für ausverkaufte Häuser sorgt.

Vier Tänzerinnen und fünf Tänzer erzählen ohne Worte und mit außerordentlichem Körpereinsatz vor und hinter einer gewaltigen Leinwand ein gleichnishaftes Märchen von pubertären Ängsten, vom Erwachsenwerden und von der Überwindung der Furcht durch die Kraft der Phantasie. Sie bedienen sich dabei der Jahrhunderte alten Kunst des Schattenspiels. Doch sind es hier eben nicht nur zwei Hände, die Hasen, Hunde oder Elefanten als Schattenriss entstehen lassen, sondern drei, vier, fünf und mehr durchtrainierte Körper, die so kraftvoll wie geschmeidig zu immer neuen Figuren verschmelzen.

Anmutig kraftintensive Langsamkeit

Dazu braucht es nicht viel mehr als verschiedenste Lichtquellen und zwei Leinwände, eine große, die sich ein- und ausrollen lässt und eine kleinere, die man drehen kann und die dadurch immer wieder den Blick freigibt auf die durchtrainierten halbnackten Akteure, deren Silhouetten gerade noch furiose Fabelwesen formten und die nun in anmutig kraftintensiver Langsamkeit die Geschichte weiterspinnen. Die gerade noch perfekte Illusion wird immer wieder gebrochen durch die Entzauberung ihrer Entstehung. Das ist faszinierend anzusehen und sorgt immer wieder für überraschende Momente.

Steven Banks, Autor der TV-Serie „Sponge Bob“, hat die phantastische Story von der Reise ins Unterbewusste ersonnen. Der auch in Berlin durch seine mehrfachen Auftritte nicht unbekannte Singer/Songwriter David Poe, der sich zuletzt immer mehr der Ballett- und Filmmusik zugewandt hat, komponierte die atmosphärische Musik und Songs, die mal an Tom Waits, mal an die Elektroniker von Yello, mal an den Pop der 60er-Jahre erinnert. Die Inszenierung nutzt alle Möglichkeiten der Licht- und Schattenkunst. Papprequisiten lassen Häuserzeilen, Kochtöpfe oder Vogelschwärme auftauchen. Körper schmiegen sich zum unsteten Untergrund, auf dem sich diese Alice im Schattenland ihren Weg bahnt. Und je nach Entfernung von der Lichtquelle werden Menschen zu Schemen, Riesen oder Zwergen.

"Shadowland“ kehrt zurück in die Komische Oper

Die Tänzerin Molly Gawler ist das albträumende Mädchen, das von einer gigantischen Zauberhand zunächst in einen Hund geknetet wird, bei der Rückverwandlung aber den Hundekopf behält. Und von dem Magier mit geschnürtem Bündel auf Wanderschaft geschickt wird durch ein Schattenreich, in dem für Außenseiter wenig Platz zu sein scheint. Sie wird gehänselt, gejagt und ausgelacht. Sie trifft auf sabbernde Riesenköpfe und gigantische, aufblühende Gewächse. Sie fährt mit einem Cowboy über den verregneten Highway, bis er sie, ihrer überdrüssig geworden, irgendwo in der Pampa aussetzt. Sie wird von Jägern gefangen und auf dem Rummel ausgestellt wie David Lynchs Elefantenmensch. Und findet schließlich durch einen liebevollen Zentauren den Weg zum Glück, zum Erwachen und zu ihrer Sexualität. Und durch die Schatten zurück ins Licht.

Die Pilobus-Truppe hat mit „Shadowland“ eine neue Variation des Schattentheaters erfunden. Traum und Wirklichkeit verschwimmen an der durch die Leinwand gesetzten Grenze. Diese Show vermengt Varietekünste und Theaterelemente, Artistik und Tanz, Pop und Poesie zu einem hinreißenden Gesamtkunstwerk, das vortrefflich unterhält. Bereits um Voraus waren sämtliche Aufführungen in Berlin ausverkauft. Deshalb steht das nächste Berlin-Gastspiel bereits fest.

Komische Oper Behrenstr. 55-57, Mitte, Tel.: 47997477 oder 01805/570099. Bis 31. Juli 2011, Di.-Fr. 20 Uhr, Sa. 15/20 Uhr, So. 14/19 Uhr. Evt. Restkarten an der Abendkasse.

Vom 11. bis zum 22. Juli 2012 kehrt „Shadowland“ zurück in die Komische Oper. Der Vorverkauf hat jetzt schon begonnen.