Ausstellung

Vor Ai Weiweis Häusern zittern Chinas Machthaber

Architektur als Kunst auf schwankendem Grund: Eine umfassende Retrospektive in Bregenz dringt ins Zentrum von Ai Weiweis Werk vor.

Den Anfang macht Ai Weiwei vor der steilen Treppe im Kunsthaus Bregenz. Das Foto ist keine Montage. Der chinesische Künstler war da, anderthalb Jahre ist es her, hat sich von Peter Zumthors sublimer Architektur anregen lassen, hat seine Ausstellung besprochen, die nun ohne ihn eröffnet wird. Inzwischen war der umtriebige kritische Geist über zwei Monate in Haft, und die Freiheit, die ihm die Behörden heute gewähren, ist nichts anderes als Quarantäne . Keine Interviews, kein Pass, keine Möglichkeit, Peking zu verlassen.

Yilmaz Dziewior, der junge Direktor des Bregenzer Kunsthauses, hat gleichwohl an den gemeinsamen Plänen festgehalten und zugleich engagiert den weltweiten Protest munitioniert. Und wenn der chinesische Botschafter sich doch einmal an den Bodensee verirren sollte, dann wird er zu seinem Missvergnügen den Appellworten „Free Ai Weiwei“ in großen Lettern am Dachrand des Kunsthauses begegnen.

Lebenswidersprüche einer Gesellschaft

Dabei ist die Ausstellung ganz und gar nicht dazu angetan, chinesischen Behördenzorn zu provozieren. Dass auf jedem Stockwerk die Menschenrechtsfrage neu und dringlicher gestellt würde, könnte man schwerlich sagen. Ai Weiwei, der 1993 aus den USA in seine Heimat zurückgekehrt war, hat als Bildhauer, Installationskünstler und Performer auch harte, verstörende Bilder geschaffen, Inszenierungen, die, ohne sich in rätselhaften Zeichen zu verstecken, auf die Lebenswidersprüche seiner Gesellschaft wiesen.

Hier präsentiert er sich als Architekt und mehr noch als Architektur-Impresario, und dass das spektakuläre Nationalstadion in Peking , das die Basler Herzog & de Meuron für die Olympischen Spiele 2008 bauten, nicht ohne seine künstlerische Partnerschaft und Beratung, seine Ideen, seine Vermittlung, seine kulturelle Übersetzungsleistung möglich gewesen wäre, müsste eigentlich auch die Kulturfunktionäre in der Partei mit Stolz erfüllen.

Die Konzentration der Ausstellung ist ihr eigentlicher Gewinn. Sie wiederholt nicht, was schon in den großen Retrospektiven in München und London zu sehen war, sie zeigt den Künstler und Kurator mit seinen medienübergreifenden Ansprüchen und Aktivitäten in seiner eigentlichen Rolle. Jedenfalls wird in dieser zwischen Kunst und Architektur oszillierenden Ausstellung deutlicher und rascher klar, worin sich dieses Werk so sehr unterscheidet, worauf es im Kern zielt, was es bedeutsam macht.

Ai Weiwei ist kein ausgebildeter Architekt, hat gleichwohl mit seinem Pekinger Team rund 70 Bauprojekte realisiert. In Shanghai erhielt er die Genehmigung für ein zweistöckiges Atelierhaus mit zeltartiger Dachkonstruktion, das im Herbst letzten Jahres von den Behörden bis auf die Grundmauern abgerissen worden ist. Ein Akt der Willkür, der nachträglich wie ein erster Höhepunkt der politischen Kampagne gegen den unbeugsam eigensinnigen Künstler erscheint und zugleich verstehbar macht, was Ai Weiwei am architektonischen Prozess vor allem interessiert.

Zeichen der Unabhängigkeit

Architektur ist unter solchen Bedingungen Arbeit im rechtsunsicheren Raum, Einmischung in politökonomische Machtspiele mit unvorhersehbarem Ausgang, Eingriff in einen Gesellschaftskörper, der, anders als es die harschen Vorschriften, Gesetze, Regeln und Doktrinen vermuten lassen, sich als überaus fragil und verwundbar erweist.

Vor allen anderen Künsten schärft sich so gerade die Architektur zum Instrument politischen Bewusstseins. Und wenn der Künstler Ai Weiwei auch immer wieder erfahren musste, wie er vom internationalen Kunstbetrieb vereinnahmt wird, wie seine Bilder und Formen rund geschliffen werden von der hektischen Wiederaufführung, so agiert er als Architekt und Architekturvermittler auf dem gefährlich weichen Baugrund einer Gesellschaft, die ihre dynamische Entwicklung nur erträgt, indem sie Zeichen der Unabhängigkeit zulässt, um sie wieder zu zerstören.

Nicht wenige unter den im Westen hofierten chinesischen Gegenwartskünstlern verdanken Ruf und Erfolg geschmeidigen Anpassungsleistungen an die globalen Standards. Ai Weiwei hat ihnen gegenüber stets die unverfügbare Handschrift verteidigt, den konkreten Ort künstlerischer Arbeit, das politische, wirtschaftliche und kulturelle Ambiente mit all seinen Unwägbarkeiten. Und auch für den Architekten scheinen Entwurf und Planung nicht anders sinnvoll als in der Auseinandersetzung mit den Traditionen, in der Berufung auf die Geschichte, die im Sog entfesselter Wachstumsprozesse zu versinken droht.

Dabei muss der Künstler keineswegs allemal im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen. Die Prominenz, die ihm in der wachsenden Opposition zum Partei- und Funktionärs-China zugewachsen ist, steht genau besehen im Widerspruch zum Selbstverständnis als Anreger, Anstifter, Möglichmacher. Auch in der Ausstellung tritt Ai Weiwei nicht als „Stararchitekt“ auf, blättert nicht mit Autorenstolz durchs Album seiner eigenen Bauten, sondern führt vielmehr vor, wo und mehr noch wie er an kleineren und größeren Projekten beteiligt war.

Eine Stadt in der mongolischen Wüste

Die Verbundenheit mit jüngeren Architekturbüros in aller Welt kann schon erstaunen. Mit dem Basler Büro HHF architekten hat Ai Weiwei „Five Houses“ aus einem Modulsystem entwickelt, bei dem drei unterschiedliche Raumeinheiten wie Dominosteine aus einem Stapel gezogen werden.

Für einen Galeristen und Sammler schuf er mit den Schweizern zusammen eine „Artfarm“, deren fensterlose Stahlblechhallen mit ihren gewölbten Dächern an Schuppen erinnern, wie sie auf den Feldern um Salt Point herum im Bundesstaat New York stehen. Und als an ihn der Auftrag erging, für den neuen Stadtteil Jindong der südchinesischen Stadt Jinhua den Masterplan zu erstellen, brachte er seine Freunde Herzog & de Meuron ins Spiel und sah seine Funktion im wirkungsvollen kulturellen Transfer.

Aus dem „Zentrum für Kommerz, Kultur und Unterhaltung“ ist bis heute nichts geworden. So wenig wie aus dem „Ordos 100“-Projekt, das mitten in der mongolischen Wüste eine neue Stadt vorsah. Ai Weiweis Entwurfs-Part war ein Quartier für eine offenkundig nicht ganz unvermögende Klientel.

Die Architekten suchten ihre Parzellen

100 Architekturbüros lud er ein – zur Besichtigung des Geländes, zur Wahl der Parzelle, zur Planung eines Hauses, das nicht nur utopische Skizze bleiben sollte. Dass manche von der Chance großzügig Gebrauch machten, einmal auf keine gewachsene Stadtstrukturen Rücksicht nehmen zu müssen, kann kaum überraschen. Die kühnen, steilen, zuweilen schrägen Einfälle sind ringsum an den Wänden dokumentiert.

Die hölzerne Stadt ist der eigentliche Höhepunkt der Ausstellung. Der Künstler hat die einzelnen Entwürfe nicht einfach zum Modellschreiner gegeben und sie im Maßstab umsetzen lassen. Er hat sie behutsam modifiziert und angepasst, hat sie in liebevoller Handwerkertechnik aus zahllosen Holzstücken verfugt und verleimt, hat die Vorarbeiten der Planer in eine grandiose Skulptur transformiert, dass es einem fast leid täte, wenn aus ihr doch noch eines Tages mongolische Wüstenstadtrealität würde.

Nimmt man „Moon Chest“ hinzu, die schrankartige Skulpturengruppe, die ganz oben, gleichsam im Zielraum der Ausstellung, erhaben über all den pragmatisch unpragmatischen Architekturen, mit ihren versetzten runden Einschnitten an Mondphasen denken lässt, dann ist der Künstler und Architekt, der selbstlose Kulturdolmetscher und der unbeirrbare Selbstdenker selten eindrücklicher auf der Bühne gewesen. Dass Ai Weiwei fehlt , macht die Freiheit nur umso kostbarer, für die sein Werk steht.

Kunsthaus Bregenz, bis 16. Oktober