"Wer wird Millionär"

Spannend ist, ob Jauch den Kandidaten mag

Jubiläum der speziellen Art: Bei "Wer wird Millionär?" stellte Günther Jauch die 25.000. Frage. Für das Quiz ist er unverzichtbar – trotz Polit-Talk bei der ARD.

Foto: (c) RTL / Stefan Gregorowius

Es gibt einen Grund, warum Günther Jauch niemand den Rateonkel nennt, obwohl vor ihm eigentlich jeder deutsche Showmaster, der schon einmal ein Quiz moderiert hat, diesen Namen irgendwann weg hatte. An Jauch ist nichts altbacken, was diese leicht despektierliche Titulierung rechtfertigen würde. Anders als die meisten seiner Kollegen greift er nicht auf ein Standardrepertoire zurück, um mit seinen Kandidaten ins Gespräch zu kommen, sondern er reagiert auf jeden, der sich bei ihm auf den Stuhl setzt, völlig unterschiedlich. Das macht aus „Wer wird Millionär?“ mehr als ein schlichtes Frage-Antwort-Vehikel. Es ist eine höchst amüsante Sozialstudie mit spielerischem Rahmenprogramm.

Wobei die Fragen natürlich immer noch ein wesentlicher Bestandteil der Sendung sind – sogar so sehr, dass ein rundes Jubiläum gefeiert wurde. „Die wievielte Frage werde ich Ihnen gleich stellen“, wollte Jauch von seinem Kandidaten, einem dreifachen Familienvater und Schlagzeuglehrer, wissen.

Wie bei einer regulären Frage gab er vier Antwortmöglichkeiten vor (A: 10.000, B: 15.000, C: 20.000, D: 25.000), was den Mann verwirrte, da sie nicht auf seinem Display erschienen. Als er verstanden hatte, dass es sich lediglich um die Ouvertüre zur eigentlichen Frage handelte, entschied er sich prompt für die niedrigste Antwortmöglichkeit, was Jauch als Steilvorlage für einige seiner berüchtigten Grimassen diente.

Auch das ist fester Bestandteil der Show: Jauch lacht, Jauch verzweifelt, er führt in die Irre, fiebert mit und feixt wie ein Schuljunge, wenn er die Lösung kennt, sie aber noch nicht verraten darf. Er lächelt väterlich, weist oberlehrerhaft zurecht, lockt charmant auf die falsche Fährte und verwirrt mit Pokerface. Er verwickelt sein Gegenüber in Diskussionen über Fußball oder Automodelle, Vorgartenbegrünung oder Studienfinanzierungsmodelle. Er hilft, wenn er ein Ausscheiden für zu früh erachtet und gibt sich wortkarg, wenn ihm ein Kandidat unsympathisch ist – bevorzugt sind das Nesthocker, Schwafler und Jurastudenten.

Aber selbst hier kann aus einer anfänglichen Abneigung ein amüsanter Schlagabtausch werden, weil es Jauch sichtlich gefällt, in seinen Vorurteilen widerlegt zu werden.

Am spannendsten ist deswegen nicht die Frage, ob es einem Teilnehmer gelingt, den Höchstgewinn zu erzielen, denn das passiert bei „Wer wird Millionär?“ ohnehin äußerst selten ( in zwölf Jahren nur sieben Mal, die Promi-Ausgaben nicht mit eingerechnet ).

Nein, das größte Spannungsmoment ergibt sich aus der Kandidat-Moderator-Konstellation, die bisweilen sogar unerfreulich werden kann: Einen Mann, der stark nach Knoblauch roch, fertigte Jauch, damit er dem Gestank nicht länger als nötig ausgesetzt war, im Zeitraffer ab. Und eine angehende Journalistin, die sich im unteren Schwierigkeitsbereich blamiert hatte, beruhigte er, dass es zumindest für die Coupé immer noch reichen würde.

In der Jubiläums-Show gab er sich zutraulich, die entscheidende Frage war schnell vom Tisch, da der Kandidat wusste, was 11.034 Meter tief ist (Antwort: der Marianengraben). Und im Dialog mit den Kandidaten belegte Jauch seine größte Stärke: das ehrliche Interesse an Menschen.

Was ein Tierarzt für die Zahnsteinbehandlung einer Katze verlangen könne, wollte er in der Sendung zum Beispiel von einer Veterinärin wissen, die es zu ihm in die Mitte geschafft hatte. Und einer Frau, die mit ihrem Mann unwissentlich ein Haus gekauft hatte, das aus einer Zwangsvollstreckung stammte, gab er rechtliche Tipps, um an Schadensersatz für den feuchten Keller zu kommen. Selbst im Meistern von Alltagsproblemen ist er noch beruhigend geerdet.

Trotz seines neuen Jobs als ARD-Polit-Talker, den er ab Herbst auf dem jetzigen Sendeplatz von Anne Will beginnen wird, bleibt er Moderator von „Wer wird Millionär?“. Ohne ihn würde das Format wohl auch nicht lange bestehen. Selbst die Mitglieder des WDR-Rundfunkrates, die der Zweigleisigkeit zustimmen mussten, hatten mittlerweile ein Einsehen, wahrscheinlich zählen sie selbst zu den konstant sechs bis sieben Millionen Zuschauern, die pro Ausgabe einschalten.

2007, als der erste Versuch, den TV-Star zur ARD zu holen, gescheitert war, hatte Jauch die öffentlich-rechtlichen Entscheidungsträger noch als „Gremien-Gremlins“ bezeichnet. Seitdem war jedoch eine stete Annäherung zu spüren. Mit seiner Produktionsfirma „i&u TV“ verantwortete Jauch immer mehr Unterhaltungsformate für das Erste, sei es Frank Plasbergs Jahresrückblicksquiz oder Frank Elstners „Unglaubliches Quiz der Tiere“ , aber auch der zweiteilige Show-Rückblick auf 60 Jahre ARD, moderiert von Reinhold Beckmann. Jauch antichambrierte förmlich vor den „Gremlins“.

Knifflige Allgemeinbildungsfragen scheinen ihm nicht mehr zu genügen, in Zukunft sollen sie auch politisch relevant sein. Bei „Stern TV“, das eher auf Emotion, Service und Boulevard ausgelegt ist, kam diese Disziplin zu kurz. Deswegen gab Jauch die Moderation im Januar auch nach über 20 Jahren an Steffen Hallaschka ab. Produzent bleibt er allerdings.

Auf 25.000 Fragen wird er es mit seinem neuen Talk-Format wohl nicht bringen, denn im Fernsehen alt werden will er nicht, wie er einmal in einem Interview bekannte. Schwer werde solch ein Abgang sicher nicht, nach spätestens zwei Jahren sei man ohnehin vergessen, glaubt Jauch.