Deutsche Oper in Berlin

Bei Evita donnern Gefühle lautstark von der Bühne

Beim Gastspiel von Andrew Lloyd Webbers "Evita" in der Deutschen Oper zeigt sich eine ausdrucksstarke, hervorragend aufeinander abgestimmte Truppe. Neben Verstärkergewalt gibt es auch musikalische Milde und ruhigen Wohlklang.

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Ein Meisterwerk der musiktheatralischen Cleverness. Andrew Lloyd Webbers "Evita", zu Gast in der Deutschen Oper, ist ein singendes, klingendes Lehrstück dafür, wie man Erfolge heranackert, die verlässlich in Triumphe münden. So auch in Berlin. Am Ende stand Bewunderung für eine unermüdlich ausdrucksstarke, hervorragend aufeinander abgestimmte Truppe, die das ihr aufgegebene Stück glänzend zu verkaufen verstand.

Anfangs glaubte man, seinen Ohren nicht trauen zu können, derart lautstark donnert es von der Bühne nieder. An jedem Singhals schien mehr als nur ein Verstärker zu hängen. Die Lautsprecher zu Seiten der Bühne brüllten sich annähernd heiser. Gegen diese Lautstärke schien auf seinen Höhepunkten selbst Richard Wagner ein Opernflüsterer zu sein. Das Olympiastadion war offenbar vorübergehendin der Bismarckstrasse eingekehrt. Allmählich aber gewöhnte man sich an das Getöse, das erst am traurigen Schluss das piano entdeckte: die musikalische Milde, den ruhigen Wohlklang.

Bis dahin aber hatte sich Evita auf den argentinischen Thron hinauf geschmettert. Sie war aufgestiegen an die Seite Perons, des argentinischen Präsidenten und hatte sich ins Herz ihres Volkes hineingelebt und gesungen. So jedenfalls wollen es Lloyd Webber und sein Librettist Tim Rice. Mit sicherer Hand und raffinierter Kunstfertigkeit haben sie sich einer politischen Legende bemächtigt und sie schier in die Heiligkeit hineingestuft. Eine Heilige aber war Evita zweifellos nicht. Das wissen natürlich auch die Autoren des Musicals.

Bei ihnen ist Evita eine vielfarbig daherschimmernde Dame, die das Volk, vielleicht aber auch sich selbst, zu blenden versteht. Sie sieht sich vergöttert und hilft dabei kräftig nach. Sie gehörte nicht zur feinen argentinischen Gesellschaft, weder am Anfang noch am Ende ihres kurzen Lebens. Evita wurde nur 33 Jahre alt.

Zwei Jahre nach ihrem Tode sah sich Peron vom Militär gestürzt und aus dem Lande getrieben. Aber 1973 wurde er von den Argentiniern zum Präsidenten gewählt. Geschichten gibt es, die schreien geradezu danach, vertont zu werden. Lloyd Webber hat das nicht nur gewittert, er hat es getan. Die Welt hat seitdem nicht aufgehört, um Argentiniens Evita zu weinen und ihren Tod auf den Bühnen der Welt zu besingen.

In Berlin ist Abigail Jaye das pseudo-politische Luxusgeschöpf und leiht ihr die durchschlagende Stimme: dies Geschenk des Verstärkers. Sie ist und singt elegant, dramatisch zupackend und ist bezaubernd anzusehen. Ihr feinster Mit- oder richtiger gesagt Gegenspieler ist Mark Powell als Ché. Er besitzt eine sehr lebendige, nüancenreiche Stimme, die dramatisch durchzuschlagen versteht.

Er kurvt immerfort durch die Aufführung, man weiss nicht recht warum, er hat im Stück eigentlich nichts zu suchen. Aber er macht es interessant. Er stiftet dem rasanten Stück ein wenig Unheimlichkeit und pseudo-historische Rasanz. Das Publikum zeigt sich zuhöchst beeindruckt. Es umjubelt am Ende Evita, als habe sie höchstpersönlich die Hauptrolle gespielt.