Euro-Krise

In Italien herrscht eine Kultur der Illegalität

Im internationalen Korruptions-Ranking rangiert Italien hinter Samoa und Kuba. Zwei neue Bücher ziehen ein kritisches Resümee der Regierung Berlusconi.

Ein Spektakel, so stellt sich Italien für den Beobachter dar. Eine Show in immer grelleren Farben, mit immer schrilleren Akteuren. Auf diesen Eindruck spielt der Titel von Birgit Schönaus Porträtserie "Circus Italia" an. Die Korrespondentin der "Zeit" lebt seit Anfang der Neunzigerjahre in Rom und erforscht in kurzweiligen Reportagen den Zustand ihres Gastlandes.

Dabei liefert sie einen Einblick in die unterschiedlichsten Milieus: Sie besucht das wirtschaftlich potente Venetien, wo Bürgermeister rassistische Parolen ausgeben und gleichzeitig international agierende Firmen angesiedelt sind, ist in Mailand bei der einflussreichen Familie Moratti zu Gast, schaut sich im Erdbebengebiet von L’Acquila um, erkundet das mafiaverseuchte Kalabrien und fährt nach Florenz, wo sie Gigi Riva trifft, der als bester Torjäger der Nationalmannschaft in die Geschichte einging und dem alten italienischen Fußball nachtrauert – heute sei das Spiel ein Narkosemittel, das die tatsächlichen Probleme des Landes überdecke.

Postdemokratische Verhältnisse

Gigi Rivas Worte stimmen den Leser wehmütig – bei Leuten wie Giuliano Ferrara packt einen die Wut. Mit seinem Zynismus hat der hochintelligente Journalist, Chefredakteur der Tageszeitung „Il Foglio“, die Voraussetzungen für den Niedergang geschaffen. Hingegen steht Nichi Vendola, Präsident der Region Apulien und ein Hoffnungsträger der jüngeren Generation, für ein neues Italien, das es, zumindest in manchen Winkeln des Landes, auch zu geben scheint.

Birgit Schönau begegnet ihren Gesprächspartnern mit distanzierter Sympathie und ist eine kritische Beobachterin: Mit Umberto Eco spricht sie von postdemokratischen Verhältnissen. Dennoch spürt man immer wieder ihre Zuneigung zu Italien – und sie führt anschaulich vor, dass die Wirklichkeit oft mehr Seiten hat als eine.

Allgegenwärtig ist der Konsumkapitalismus

Auch der Engländer Paul Ginsborg, Professor für zeitgenössische europäische Geschichte in Florenz, beugt sich über seine Wahlheimat, als sei sie ein darbender Patient. „Italien retten“ überschreibt er emphatisch seinen schwungvollen Essay, in dem er die aktuelle Lage hundertfünfzig Jahre nach der Einigung mit der historischen Phase des Risorgimento konfrontiert und sich bemüht, einige der tragenden Ideen der Gründungsväter für die Gegenwart wiederzubeleben.

In einem ersten Schritt beschreibt er den Zustand der Apenninhalbinsel, und da fällt die Bilanz ähnlich erschütternd aus wie bei Schönau. Allgegenwärtiges Modell, propagiert durch das Fernsehen, sei der Konsumkapitalismus . Durch die Macht des Ministerpräsidenten Berlusconi, der neben seinen eigenen Sendern auch noch die staatlichen Programme kontrolliert und mit einem Telefonat die Absetzung einer kritischen Talkshow erreichen kann, herrsche in den Medien längst kein Pluralismus mehr. Eine populistische Handhabe demokratischer Institutionen, so Ginsborg, sei längst an der Tagesordnung und sorge kaum für Empörung.

Demokratie wird nur noch formal respektiert

Eine moralische Erneuerung, wie sie 1991/92 nach der Aktion „mani pulite“ der Mailänder Staatsanwälte notwendig gewesen wäre, habe man versäumt. Es hapert an staatsbürgerlichen Tugenden, stattdessen gilt eine Kultur der Illegalität. 2009 rutschte Italien im Transparency International-Bericht auf den 63. Platz – hinter Samoa, Kuba und Bahrein. Die Demokratie werde unter Berlusconi , so Ginsborgs bitteres Fazit, nur noch formal respektiert.

Klar und zupackend vermittelt der Historiker die Grundzüge des Risorgimento . Er argumentiert mit dem Philosophen Antonio Gramsci und bemängelt die Abkopplung der norditalienischen Intellektuellen von der Basis sowie die Installation eines zentralistischen, piemontesischen Machtapparats. Mit dem heute fast vergessenen, hochinteressanten Theoretiker der Einheitsbewegung, Carlo Cattaneo, plädiert Ginsborg für einen sanftmütigen Patriotismus.

Ein sanfter Patriotismus

Vor allem die Mittelschicht müsse sich von ihrer Passivität verabschieden. Italien verfüge durchaus über positive politische Traditionen, die schon Cattaneo stärken wollte – dazu gehört die kommunale Selbstverwaltung. Ginsborg erkennt eine sich allmählich zur Wehr setzende Zivilgesellschaft, und man möchte ihm gar zu gern Recht geben. Aber wird ein sanfter Patriotismus, wie Ginsborg ihn fordert, den populistischen Überzeugungen etwas entgegensetzen können, zumal die Opposition bisher kaum an Profil gewann?

Birgit Schönau: Circus Italia. Berlin Verlag, Berlin. 221 S., 18,90 €.

Paul Ginsborg: Italien retten. A. d. Ital. v. F. Hausmann u. R. Seuß. Wagenbach, Berlin. 142 S., 10,90 €.