Abhörskandal

Brutalität gehört zum Wesen britischer Zeitungen

Das skandalträchtige Ende von "News of the World" verändert die Medien Englands – aber nicht deren Grundwert: Provokation.

Säße man an diesem Wochenende in London und nicht irgendwo in Deutschland, sähe die Szenerie so aus: Ein dicker Batzen Papier läge auf dem Tisch vor einem, je nach Einstellung, Herkunft und Tageslaune wären es "Times", "Guardian" oder "Telegraph", "Mail" und "Mirror". Außer, dass man beim Umblättern nicht nach dem Kaffee, sondern nach Tee oder einem Glas mildem Ale griffe, wäre der Unterschied nicht wesentlich, sollte man denken. Zumal es die "News of the World" nicht mehr gibt. Es ist das erste Wochenende ohne die Zeitung, nach 168 Jahren ist der Inbegriff des traditionsreichen Boulevardblatts englischer Art verschwunden, und damit der reißerische Ton, die klotzigen Aussagen und die Recherchemethoden schnüffelnder Hunde.

Von "ungeahnter Aggressivität" und "brutaler Skrupellosigkeit" auf der "Insel der Menschenjäger" war in der vergangenen Woche in der deutschen Presse zu lesen. Die Botschaft: "News of the World" war eine publizistische Ausnahmeerscheinung - ein Auswuchs der englischen Gesellschaft, der deren Grundwert von unbedingter Fairness pervertiert und das Idealbild des Gentleman gebrochen hatte, wie man ihn aus England kannte, ob er sich nun in der Gestalt eines Oxfordprofessors zeigte oder in der eines Lastwagenfahrers aus Birmingham.

Die Bilder aus London passten: Die schreienden Headlines – Schauspieleraffären, Kindesmissbrauch, Nazipornographie – waren am Sonntag, als die letzte Ausgabe erschien, ersetzt durch ein triefendes "Thank you and Goodbye", man verabschiedete sich traurig, aber stolz von seinen siebeneinhalb Millionen treuen Lesern , zwar seien Telefonate abgehört worden, ein grässliches Fehlverhalten, für das man sich entschuldige, der Erlös der Sonderausgabe gehe an Wohltätigkeitsorganisationen.

Aggressivität, Brutalität und Instinktgetriebenheit

Am Montag sahen die Redaktionsräume nachlässig leergeräumt aus wie nach einem nicht ganz geglückten Überfall. Die frühere Herausgeberin Rebekah Brooks , die am Freitag von ihrem Chefposten von "News International" zurückgetreten ist und lange Jahre die Boulevardszene von "Sun", "Mirror" und "Mail" prägte, wirkte am Freitag, in düstergrauem Wetter aufgenommen, wie ein Opfer ihrer eigenen journalistischen Praxis. Eine trügerische Ruhe nach wütendem Sturm schien über der Insel zu liegen.

Trotzdem: Die Aggressivität, Brutalität und Instinktgetriebenheit, die mit den enthüllten Abhörskandalen ins Illegale kippte, stecken nicht allein hinter "News of the World". Sie gehören zum Wesen des englischen Journalismus: Sie entspringen einer Angriffslust, die unserer aufgeklärt-reflektierten Haltung entgegensteht, Englands Debatten aber bestimmt – vom linksliberalen "Guardian" und "Independent" bis in die Editorials der altehrwürdigen "Times" hinein, mit ihrem Emblem einer Uhr zwischen dem offenen Buch der Vergangenheit und dem geschlossenen der Zukunft.

"You cannot hope to bribe or twist, thank God, the British journalist – but, seeing what the man will do unbribed, there's no occasion to", schrieb der Dichter, Kritiker und Heine-Übersetzer Humbert Wolfe in seinem Epigramm "The British Journalist" in den zwanziger Jahren. Den britischen Journalisten schmieren zu wollen, könne man vergessen, das sei auch gar nicht nötig, bedenke man, wozu er ohne Bestechungsversuche fähig sei.

Der Hang zur journalistischen Frivolität und halblegalen Hemmungslosigkeit bei der Jagd nach Geschichten – bedeutet das nun, die Schreibtradition und das journalistische Selbstverständnis seien geprägt von zwielichtig bis verschlagenen Männern, die sich auf ihre Opfer stürzen wie etwas blassgesichtigere Vertreter der Paparazzi aus Fellinis "La Dolce Vita", impulsiv, gierig und voyeuristisch?

Journalist zu werden – vor allem: für eine Zeitung zu schreiben – ist in England eine Charakterentscheidung, die in frühen Jahren getroffen wird: Die meisten der einflussreichen Schreiber waren in Oxford oder Cambridge. Wer sich mit Anfang oder Mitte Zwanzig in einer der großen Zeitungen durchsetzt, hat in den Universitätstutorials in Literaturwissenschaft, Philosophie oder Altphilologie keine Seminararbeiten geschrieben, sondern wöchentliche Essays, in denen neben einer Klarheit der Argumente der rhetorische Stil bewertet wird, genau wie in den Debattierklubs.

Führende Politiker des Landes haben entweder, wie etwa im Fall des Premiers David Cameron, für die Kommunikationsabteilung ihrer Partei gearbeitet oder, wie Londons konservativer Bürgermeister Boris Johnson, der lange das einflussreiche Magazin "The Spectator" herausgab, sich einen Namen als Kommentator gemacht. Erst einmal macht man schreibend auf sich aufmerksam, dann tritt man als gewandter Rhetoriker in die Politik. Die Nähe von journalistischer und politischer Sphäre ist – auch wenn es seit dieser Woche so scheint – nicht einfach in unsauberen Verstrickungen begründet, sondern ist eine ideelle.

Zu den politischen Diskussionen, dem Gelächter und Gebrüll, wie es mittwochs während der Prime Minister's Question Time auf den grünen Bänken des Unterhauses ertönt, gehört das Erwähnen von Zeitungsartikeln oder Radiobeiträgen wie das Aufzeigen einer Stoßrichtung. Wahrscheinlich enthielte eine Ausgabe der "Times" mehr nützliche Sätze als die Werke des Thukydides, soll der Liberalökonom Richard Cobden Ende des neunzehnten Jahrhunderts gesagt haben, in einer Zeit also, in der das Empire auf seinem Höhepunkt war und die Beschlüsse Londons und die Berichte darüber am nächsten Tag die halbe Welt betrafen.

Macht und Aura längst verloren

Sicher: Die Zeitung hat diese weitstrahlende Macht und Aura längst verloren, genau wie England seine Kolonien. Trotzdem gibt es die Stimmen der beständigen Provokation: Den Moderator Ed Stourton etwa, der einen Politiker im Interview im "Today Programme" im Radio Four der BBC unterbricht und dreimal beharrlich zurechtweist, er habe seine Frage noch nicht beantwortet, den aggressiv-grimmigen Jeremy Paxman aus der Fernsehsendung "Newsnight" oder den exzentrisch-beißenden Kommentator Rod Liddle vom "Spectator". Alles Journalisten, die Englands Debatten prägen, ohne sie zu "machen", "anzustoßen" oder "weiterzudrehen", wie es bei uns heißt, sondern aus dem Impuls der gebildeten Provoziererei heraus.

Vor einigen Monaten, im Frühling, konnte man in Londoner Clubs zwischen schweren Sesseln und plüschigen Vorhängen noch Szenen beobachten, in denen einer der wichtigsten BBC-Moderatoren mit einem der einflussreichsten Kabinettsmitglieder scherzte und später noch auf eine Zigarette in den verregneten Garten trat, sie kannten sich noch aus Oxford.

Egal, wie man das Elitäre bewertet, hier manifestiert sich ein Drang zum Individualismus, zu dem eben eine Unabhängigkeit und Rücksichtslosigkeit im Durchsetzen von Ideen gehört: Jedes politische, ökonomische, kulturelle Problem wird am nächsten Tag im Schreiben zu einem eigenen; die englische Rhetorik kann gar keinen distanzierten Ton annehmen oder sich im bedenkenträgerisch abwägenden Sowohl-als-Auch verlieren, weil hinter ihr immer eine persönliche, individuelle Frage steht.

Natürlich: Dieser Typus des Individualismus wird sich verändern, genau wie sich die Welt verändert hat, seit die "News of the World" vor 168 Jahren zum ersten Mal erschien. Bevor man aber wohlmeinend das Ende jenes in orwellartiges Schnüfflertum pervertierten Journalismus feiert, sollte man genau hinsehen, was man an der Aggressivität denn eigentlich hat. Säße man nämlich jetzt in London, "Times", "Guardian" oder "Telegraph" auf dem Tisch, läse man, zwischen den Zeilen, eine Absicht heraus: Die Welt nicht zu beschreiben, sondern sie auseinanderzunehmen.