Hamburger Schreibreform

Erst wenn ich mit der Hand schreibe, bin ich

"Was für ein Blödsinn": Die Schriftsteller Sibylle Lewitscharoff, Jan Koneffke und Burkhard Spinnen über den Hamburger Plan, nur noch Druckschrift zu lehren.

Foto: Welt Online

Sibylle Lewitscharoff : Was für ein Blödsinn! Nur noch das Schreiben in Druckbuchstaben an Schulen zu lehren, ist eine bodenlose Idiotie. Eine Idiotie, die davon ausgeht, dass die Schüler handschriftlich künftig nicht mehr zu bewältigen haben werden, als einzelne Buchstaben in vorgeformte Formularkästchen zu füllen. Die Schulen müssten genau das gegenteilige Programm verfolgen: mehr abschreiben lassen in schöner, gut leserlicher, flüssiger Schrift.

Gerade weil heute so viel nur noch über Tastatur geschrieben wird, müsste die Schule dagegenhalten. Aus einem einfachen Grund: Was mittels eines Stifts in vermittelten Zügen niedergeschrieben wird, legt eine ungleich intensivere körperliche Spur, die sich im Gedächtnis einlagern kann, als Wörter und Sätze, die nur durch eine flüchtige Berührung der Tastatur entstehen. Texte werden durch die Handschrift regelrecht inkorporiert.

Jahrelang habe ich das Abschreiben von Texten, die mir bedeutsam erschienen, ausgiebig praktiziert – sogar während des Studiums, als das Kopieren sich längst durchgesetzt hatte, habe ich Passagen und Zitate, die ich verwenden wollte, immer noch per Hand abgeschrieben. Von Franz Kafka gar, meinem großen Liebling, habe ich ganze Erzählungen abgeschrieben, um dem Geheimnis dieser wunderbaren Texte näher zu sein.

Abschreiben ist intensiver als Lesen

Und das geschah durchaus zu meinem Vorteil: Über die rechte Hand sind auf habhafte Weise Texte in mich eingegangen, die mich mit komplexeren Satzstrukturen und entlegeneren Wörtern vertraut machten, als die, die im studentischen Jargon zu hören waren. Abschreiben ist intensiver als Lesen. Um einen längeren Text abzuschreiben, dazu gehört aber unbedingt eine flüssige Handschrift und nicht nur das öde Druckbuchstabengemurkse.

Vergessen wir nicht den Stolz, der sich entwickelt, wenn wir allmählich über eine schöne Handschrift verfügen, der wir im Geheimen gar zutrauen, dass sie in ihren Schleifen und Strichen und Punkten und Zügen etwas über die Essenz unseres Charakters mitteilt. In einer gut leserlichen Handschrift steckt sogar eine gehörige Portion Taktgefühl: Ein anderer, für den das zu lesen vielleicht bestimmt ist, soll damit ja keine Mühe haben, sondern vergnügt unseren Schriftzügen folgen.

Jan Koneffke : Das Gegenteil von gut ist bekanntlich gut gemeint. Man wolle es den Kindern leichter machen, wenn sie an Hamburgs Schulen in Zukunft nur noch die Druckschrift erlernen – Schreib- und Druckschrift, meint der Schulbehördensprecher, lägen ja arg „weit voneinander“. Doch dass es der Schule lediglich um technische Vorteile und die vorbeugende Vermeidung individueller Schriftstile geht, ist als Bildungsziel zumindest zweifelhaft.

„Verschiedenes ist gut“, wusste Hölderlin, und in meiner Erinnerung ist genau dies die Erfahrung, die ich als Kind bei Verwendung von Druck- und Schreibschrift machte. Der Vorzug, beide Schriften erlernt zu haben, bestand nämlich darin, auf spielerische Weise von der einen zur anderen wechseln zu können. Die eine, die Druckschrift, war die offizielle Schrift, die Schrift der Bücher in der elterlichen Bibliothek, der verstreuten Zeitungsseiten auf dem Sofa, der Haltestellen- und Bahnhofsschilder, des weißen Schriftzugs auf grünem Grund: Polizei.

In meinen Augen gehörte diese Schrift zur Welt der Erwachsenen. Folglich nutzte ich sie bei „offiziellen“ Anlässen. In Druckschrift trug ich, mit knappen neun Jahren, in meinen Kalender ein: „Hajo Drees als Vorarbeiter abgesetzt“, denn dieser Kalender gehörte „in Wirklichkeit“ einem Baustellenleiter meines Namens (selbstredend betrachtete ich mich als Chef). Zwei Wochen später und wiederum in Druckschrift schrieb ich in den Kalender: „Hajo Drees als Vorarbeiter wieder angesetzt.“ Anscheinend hatte ich mich mit dem Nachbarskind in der Zwischenzeit ausgesöhnt.

Die Schreibschrift hingegen war die individuelle, private Schrift. Sie gehörte unmittelbar zu mir. Ich benutzte sie, wenn ich Briefe an Großeltern oder Tanten schrieb, Wunschzettel oder ein Geburtstagsgedicht für meine Mutter.

Keine Vorbereitung aufs Leben

In der Frühzeit der Pubertät, in der ich nun beinahe täglich Gedichte schrieb (allerdings an andere weibliche Wesen als die Mutter), entwickelte ich eine Kunstschrift aus der Kombination beider Schriftarten. Diese Kunstschrift sah wahrlich erwachsen aus und war dermaßen krakelig, dass sie nur einem echten Dichter gehören konnte. Gleichzeitig verbarg sie den Inhalt, für den ich mich irgendwie schämte, vor allen fremden Augen. Ihr Nachteil, unleserlich zu sein, wurde so zu ihrem größten Vorzug – ich kannte meine Gedichte ohnehin auswendig.

Nein, ich fürchte die Hamburger Schulpolitik macht es den Kindern keineswegs leichter. Sie verhindert nicht nur den spielerischen Wechsel von einer Schriftart zur anderen, der umso interessanter ist, als beide „weit voneinander“ liegen. Sie verhindert auch die bessere Vorbereitung auf eine Gesellschaft, die komplex und vielgestaltig ist, und ihren Mitgliedern Neugier, Phantasie und intellektuelle Flexibilität abverlangt.

Ginge es nur um die Schreibschrift, könnte man den lautstarken Protest gegen ihre faktische Abschaffung an Hamburgs Schulen vielleicht als übertrieben abtun. Doch leider ist der Beschluss symptomatisch für eine „Bildungspolitik“, die auf Bildung allergisch reagiert.

Burkhard Spinnen : Man möchte heulen. Es soll das Schulfach „Schreibschrift“ gestrichen werden. Folglich geht sie dahin, die individuelle Handschrift; und wahrscheinlich verschwindet mit ihr gleich die ganze Kultur. Aber Vorsicht. Die lautstarke Trauer über das Verschwinden von diesem und jenem ist oft ein Zeichen dafür, dass zu kurz gedacht wurde. Also seien wir einen Moment ganz nüchtern.

Wenn auf den Schulen nur noch Druckschrift gelehrt wird, so ist das eine Reaktion darauf, dass das Hand-Schreiben längst im Schwinden begriffen ist. Im digitalen Zeitalter regiert die nicht-handschriftliche Kommunikation. Schrift ist heute Druckschrift. Früher stand nur in jedem x-ten Haushalt eine Schreibmaschine, heute hat jeder eine in der Tasche, natürlich mit eingebautem Postamt. Die Tastatur ist längst der Normalfall; viele Kinder können damit umgehen, bevor sie schreiben lernen.

Und seien wir ehrlich: Dieses „Maschine“-Schreiben hat uns eine Kommunikation ermöglicht, von der wir freiwillig nicht mehr lassen werden. Ein Mensch, den man von Handy und Netz trennt, fühlt sich heute umgehend isoliert. Und bei der Menge von Nachrichten, die wir austauschen, ist die langsame und nicht immer gut lesbare Handschrift nur ein Klotz am Bein. Nachricht an das Schulkind: „Bitte um zwei Uhr dem Klempner öffnen.“ Einen Zettel schreiben? Sicherer ist das per SMS.

Mittlerweile kann Handschriftliches bereits Ausweis eines gewissen Autismus sein. Wenn ich selbst solche Briefe bekomme, dann auffallend oft von Menschen, die (vorsichtig formuliert) in ihrer etwas eigenen Welt leben. Und wenn ich ihre Botschaften nicht entziffern kann, so ist das wahrscheinlich auch besser so.

Der individuelle Brief geht verloren

Was also verlieren wir tatsächlich, wenn wir die Handschrift verlieren. Meine Antwort lautet: den Brief. Nein, selbstverständlich werden weiterhin Briefe geschrieben, millionenfach, sie heißen jetzt nur Email. Ich meine hingegen den Brief, der uns ganz und gar und also auch in seiner materialen Erscheinungsform als Ausdruck des Schreibers galt.

Solche Briefe haben wir an bestimmten Stellen gesammelt, für die Öffentlichkeit in Museen und Archiven, für uns selbst vielleicht in kleinen Schachteln unter der Wäsche. Und die Handschrift hielten wir für eine Quelle der Informationen über das, was der Schreiber „hinter“ seinen Zeilen war. Durch seine Handschrift war auch seine Hand anwesend und damit ein physiognomischer Ausdruck seines Wesens. In Handschriften haben wir gelesen wie in Gesichtern.

Doch das geht zu Ende. In der modernen Kommunikation bewegt sich die Handschrift wie ein Pferdewagen in der rush hour. Wer glaubt, mit seinem gestriegelten Schimmel Eindruck zu machen, macht sich lächerlich, wenn er nicht vorher totgefahren wird. Man muss sich also umstellen.

Längst gibt es Tausende von digitalen Angeboten, die Maschinenschrift zu individualisieren, wenn man das denn will: Signets, Smileys, Emoticons. Doch auch das sind nur Zwischenstufen auf dem Weg hin zu einer Vermittlung von Individualität auf nur noch fotografischem Wege. Was wir früher aus der Handschrift lasen, lesen wir heute gleich aus den Gesichtern, die uns millionenfach aus dem Netz ansehen.

Ob wir aus ihnen klüger werden als aus der Handschrift, lasse ich allerdings dahingestellt. Denn im Zeitalter von Photoshop gilt: Ein Bild lügt mehr als tausend Worte.