"Harry Potter"

Nur die Liebe kann den Tod besiegen

Die Bücher von Joane K. Rowling haben unseren Kindern wahre Werte gezeigt. In den "Harry Potter"-Romanen überdauert die Liebe den Tod.

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"Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil II" ist in der Nacht zu Freitag gleich in mehreren Ländern angelaufen.

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Wer als Kind Karl May gelesen hat, muss die "Generation Harry Potter" beneiden und bewundern. Während Karl May zwar damals unsere Einsamkeit bevölkerte, aber später auch niedrigsten literarischen Ansprüchen des Erwachsenen nicht gerecht wurde, sind die "Harry Potter"-Romane Werke, die unseren Kindern zeit ihres Lebens eine Quelle der Inspiration sein können. Es spricht für unsere Kinder, dass sie sich diese Romane, die ihnen ja nicht einfach von den Eltern vorgegeben wurden, aneigneten. Es spricht auch für die Kinder, dass die Lektüre das Primäre blieb. Die Filme waren Zugaben.

Für unsere Kinder spricht besonders, dass sie zu bedeutenden Gestaltungen des Todesbewusstseins griffen, ohne das Pubertät nicht gelingt. Eines Todesbewusstseins zudem, das einem Wandel unterworfen ist, für den Joanne K. Rowling die literarische Form fand.

Sie schildert eine Welt ohne Gott, in der mit dem Tod nicht alles vorbei ist. Die Romane sind voll von Geistern, von Kommunikation mit Toten, von Unsterblichkeitshoffnungen und Versuchen zur Unterwerfung des Todes. In magischer Verfremdung ist hier die neue Mortalitätskultur gespiegelt, von Lebensverlängerung und Sterbehilfe über die "Körperwelten" des Gunther von Hagens bis hin zu Internetfriedhöfen.

Unsere Gesellschaft stellt sich unter Verzicht auf eine religiöse Ordnungsmacht dem Tod neu, im Zeichen des Individuums, das sein Leben verlängern, über seinen Tod bestimmen und nach dem Tod weiterleben will in der Erinnerung der Hinterbliebenen.

Was das religiös bedeutet, hat Rowling im nun verfilmten Schlussteil des siebten Bandes gestaltet. Wie Jesus im Garten Gethsemane ringt Harry mit der Pflicht, für alle anderen zu sterben. Voldemort, für dessen Weltherrschaft der Tod Harrys die Voraussetzung ist, bietet während der Schlacht um Hogwarts den dort Ausharrenden an, sie zu verschonen, wenn Harry sich opfert.

Harry "kam jetzt nicht auf den Gedanken, er könnte versuchen zu fliehen, Voldemort davonzulaufen. Es war zu Ende, er wusste es, und alles was blieb, war die Sache selbst: sterben." Jesus betet: "Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!"

Nach dieser Parallelisierung aber zweigt Rowling ab. In der Bibel vereinsamt Jesus - "Da verließen ihn alle Jünger und flohen" -, weil er allein alles Leid auf sich nehmen muss, um unter Gottes Gnade den Tod zu überwinden. Harry hingegen bekommt Gesellschaft. Auf seinem Gang in den Tod begleiten ihn die Gestalten seiner liebsten Verstorbenen, seiner Mutter Lily, seine Vaters James, seine Onkels Sirius, seines Freundes Lupin. Harry spricht sie an: "'Ihr werdet bei mir bleiben?' - 'Bis ganz zum Schluss', sagte James.

In der Bibel überwindet der einsame Christus dank Gottes Gnade den Tod. Bei Rowling wird der Tod nicht überwunden, schon weil Harry dann nicht stirbt - aber die Liebe zwischen Harry und seinen Toten stärkt und bewahrt ihn im Angesicht des Todes, ja, in diesen Romanen überdauert die Liebe den Tod. Sie muss es tun, weil es hier erlöstes Ewiges Leben als Perspektive nicht gibt. Daher akzeptieren die "Guten" ihre Sterblichkeit - und ihnen verbleibt als höherer Trost, dass sie mystisch-magisch mit den Verstorbenen liebend verbunden bleiben.

Solche Kräfte hat die Liebe in der Wirklichkeit nicht. Auch sie kann die Grenze zwischen Lebenden und Toten nicht überwinden. Rowling also überschätzt die Liebe, ist aber so klug, diese Überschätzung zu gestalten, indem sie die Kraft der Liebe auf eine irreale Magie gründet.

Wir werden unsere Kinder irgendwann nicht mehr begleiten. Höchstens lässt sich hoffen, dass die Erinnerung an uns ihnen manchmal ein wenig hilft. Vielleicht auch die Erinnerung daran, dass wir sie gern betrachteten, als sie diese Romane lasen und erkundeten, was ihnen so wenig wie uns erspart bleibt: zu sterben.