Deutsche Oper

US-Tanztheater Alvin Ailey begeistert Berlin

Mit einem furiosen Auftritt in Berlin hat das legendäre US-Tanztheater Alvin Ailey seine erste Deutschlandtour seit sechs Jahren gestartet.

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Tanztheater Alvin Ailey begeistert Berlin

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Ein Jubel ohnegleichen, die ganze Vorstellung hindurch. Die amerikanische Kolonie Berlins scheint sich um den Herrn Botschafter versammelt zu haben. Das Gastspiel der berühmten Truppe in der Deutschen Oper an der Bismarckstraße scheint ein Familienereignis, wie zum Bravo-Kreischen geschaffen. Das Schöne: Die Vorstellung ist den Jubel auch wert, den sie quasi ohne Pause hervorruft. Allerdings nicht von Anfang..

Der gehört zunächst einmal Judith Jamison, der Erbin und Nachfolgerin Aileys, des 1989 verstorbenen, auf dem Choreographen-Thron. Sie war schon immer eine glänzende Tanzerzieherin, eine ebenso bedeutsame Choreografin war sie nie. Für die getanzten "Love Stories", dem Eröffnungsstück des Programms, fehlt ihr trotz zweier Assistenten, sichtlich die choreografische Inspiration. Die Körper, die sie bewegt, sind ideal, wahre Sportplatz-Beauties, die nicht mit Muskeln knausern, aber mit ihnen wenig zu sagen wissen.

Sie turnen bald wohlgefällig, bald leidenschaftlich bewegt über die nackte Bühne, aber zu verkünden haben sie wenig. Außer der schönen Tatsache, dass es dieses prachtvolle Ensemble immer noch gibt. Die Tanzkunst fängt allerdings bekanntermaßen erst im 2. Stock an. Diese bewegt sich sehr ansehnlich und liebevoll im Parterre. Zu künden hat sie wenig, weder von Liebe, noch von Stories. Der Tanz beschäftigt wohlgefällig das Auge. Das ist schon alles. Aber es ist nicht genug.

Erst nach der ersten Pause wendet sich das Blatt, und der Abend wird kunstreich und interessant. Sein zweiter Teil gehört dem neuen Chef der Compagnie: Robert Battle, einem waschechten, durchaus originellen Choreografen. Es darf bei ihm sogar gelacht werden. Kanji Segawa tanzt ein herausfordernd angekichertes Solo: ein Gespräch mit dem eigenen plauderlustigen Körper wie am Telefon. Arme, Beine, Schultern, Gelenke antworten ohne Umschweife oder Verzögerung auf die von der Komponistin Sheila Chandra geheimnisvoll vorgetragenen Fragen. Sie lassen immer aufs Neue den Tänzer sich winden, mit den beredten Füßen nach Antworten fahnden. Das Ganze währt nur drei Minuten, aber sie sind vorzüglich. Und dabei bleibt es im Folgenden: "The Hunt" heißt Battles viertelstündiges Folgestück. Es sprengt den Hörern zunächst einmal die Ohren. Dafür sorgen "Les Tambours de Bronx", ein Perkussions-Ensemble, das wahrhaft draufzuhauen versteht.

Sechs Männer haben sich der musikalischen Herausforderung zu stellen, alle halb nackt, in schwarze, knallrot gefütterte Hosenröcke gewandet. Sportsleute sind sie sichtlich alle, wenn auch auf körperlich-vergeistigte Art. Worauf sind sie aus? Weswegen belauern sie sich? Es setzt immer neue Attacken innerhalb der Gemeinsamkeit. Das viertelstündige Stück gewinnt mit jedem Schritt an Unheimlichkeit. Es stampft das Tanzwohlbehagen zu Boden. Es gibt sich bedrohlich, durchweg athletisch, faszinierend und unheimlich zugleich. Bravo! Die Ailey-Nachfolge ist, Glück muss man haben, auf einen originellen, kraftvollen Choreographen gestoßen.

Danach folgt der tänzerische Abgesang, eingeleitet von einer fünfminütigen Filmsequenz, in der Ailey selbst über die Entstehung seiner "Relevations" spricht, seines Wunder- und Meisterwerks von einst, vor einem halben Jahrhundert aus der Taufe gehoben, aber frisch wie am ersten Tag, wenn auch nicht mehr so aufwühlend.

Auch die Ewigkeit, das Donnerwort, donnert mit den Jahren ein bisschen leiser, wenn sich derart viele neue künstlerische Eindrücke und Erkenntnisse in der Zwischenzeit eingebürgert haben. Natürlich wird "Revelations" ein Lieblingsstück des Publikums bleiben. Es erntete standing ovations. Es brachte das junge Publikum buchstäblich aus Rand und Band. Gut so - damit ist die Zukunft von Robert Battle gesichert. Er ist es, der in Zukunft auf Alvin Aileys American Dance Theater neugierig macht.

Deutsche Oper, Bismarckstraße 35, 10627 Berlin. Tel.: (030) 34384343.

Tourstationen: Berlin, Deutsche Oper (12.-17. Juli 2011); Zürich, Theater 11 (19.- 31. Juli 2011); Köln, Philharmonie (2.- 14.August 2011); Frankfurt, Alte Oper (16.- 21. August 2011); Hamburg, Staatsoper (23.- 28. August 2011)