Konzert in Berliner Columbiahalle

Snoop Dogg ist die menschgewordene Entspannung

Er lässt lange auf sich warte, so lange, dass die Stimmung zu kippen droht. Doch dann kommt der mittlerweile 39-jährige Rapper Snoop Dogg und ist in der Columbiahalle voll da. Mit Klassikern und Songs seines neues Albums sorgt er für die perfekte Mischung aus Wacholderschnaps, Saft und Gras.

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Das Publikum in der Berliner Columbiahalle am Dienstagabend hat keine Lust mehr. Hier und da wurde in den letzten drei Stunden schon nervös getuschelt, dann wird es richtig laut. Die Leute Buhen und Pfeifen und wenden sich von der Bühne ab – dabei hat Snoop Dogg, der an diesem Abend vor den 2.300 Zuschauern auftreten soll, noch nicht einen Song gespielt. Er hat um 22 Uhr 30 nicht einmal die Bühne betreten.

Zwar bollern die dumpfen Beats von HipHop-Klassikern als Aufwärmmusik schon durch die Halle, von Snoop ist aber immer noch weit und breit nichts zu sehen. Das Pfeifen wird lauter. Da muss jetzt was passieren. Und dann geht die Enttäuschung und Empörung urplötzlich in den wuchtigen Trommelschlägen und choralen Endzeitgesängen von Orffs „Carmina Burana“ unter. Drei Damen in Jogginganzügen positionieren sich auf der Bühne, verschränken die Arme vor der Brust und schütteln sich im Takt. „Do you like to smoke weed?“, näselt es aus dem Off. Raucht ihr gerne Gras? An diesem Dienstagabend scheinen in Berlin viele Leute gerne zu kiffen. Das hört und sieht man, vor allem riecht man das auch.

Die Verspätung ist längst vergessen, als Snoop mit Sonnenbrille und Cornrows, jenen dicht am Schädel geflochtenen Zöpfchen, und die Bühne betritt. Irgendwie scheint an seinem hageren Körper alles zu baumeln und zu schlackern – die Arme, das graue Sweatshirt, die Baggyjeans. Snoop Dogg, mittlerweile 39, ist die menschgewordene Entspannung. Das Zuspätkommen, die Haltung, der Jointverbrauch, das anwesend Abwesende – bei ihm passt das alles ganz wunderbar zusammen.

Wacholderschnaps mit Saft und Gras

Entgegen der Vermutung, ein Künstler bewerbe auf Tour stets seine neueste Platte, spielt Snoop an diesem Abend ganz bewusst einen Großteil an Songs aus den ersten Jahren seiner Karriere. Der Grund: als sein Debüt „Doggystyle“ 1993 erschien, saß Snoop gerade im Gefängnis und konnte den Rummel um die Platte nur aus dem Knast mitverfolgen. Acht Jahre später ist „Doggystyle“ ein Klassiker. Ein Album, voll von melodiösen G-Funk-Beats und fiesen Gangstergeschichten. Ein Album, auf dem Wacholderschnaps mit Saft gemischt wird, Unmengen an Gras geraucht und Frauen verbraucht werden – ein Manifest des Gangsterrap.

Unter den wachsamen Blicken seiner beiden Security-Schränke, die sich kaum merklich hinter den Boxentürmen am linken und rechten Rand der Bühne positioniert haben und nur hin und wieder hervorlinsen, bringt Snoop einen Klassiker nach dem anderen: Er grinst, swingt und slangt sich im Marihuana-Modus durch seine Diskografie. „Gin & Juice“, „Kush“ und „Next Episode“. Das Konzert ist ein Gipfeltreffen des Gangsterrap - gemeinsam mit seinen Kollegen Kurupt , W.C., Daz Dillinger und Lady Of Rage näselt Snoop allerlei Schweinereien und Halblegales über sein diamantbesetztes Mikrofon hinweg in Richtung Publikum. Zu „Regulate“ kommt dann auch Warren G auf die Bühne der Columbiahalle und komplettiert das Westcoast-Symposion.

Die schönsten Mädchen on Berlin

Zu den mittlerweile recht spärlich bekleideten Damen gesellt sich ein Hund in Jogginganzug, massiver Goldkette und blau-weiß geblümten Kopftuch. Der Hund hat die wilden HipHop-Gesten bestens verinnerlicht, tanzt mit den Mädchen eng und faltet seine Hände, als dem im letzten Jahr verstorbenen Sänger und Cousin von Snoop, Nate Dogg, gedacht wird. Das ist komisch und rührend zugleich.

Nach einer knappen Stunde, in der das Konzert etwas zu sehr in die Rapretrospektive abzudriften droht, packt der Doggfather im letzten Drittel noch einmal die großen Hits aus. Zu „Beautiful" und der neuen Single „Wet“ im David Guetta-Remix tanzen sogar die schweren Jungs auf der Tribüne, während er die Bootsy Collins-Anleihe „Sensual Seduction“ dann den Damen widmet – und die schönsten Mädchen wohnen an diesem Abend, natürlich, in Berlin.

„What’s My Name?“, „Drop It Like It’s Hot“, dann noch schnell eine Variation des hymnischen Steam-Klassikers „Na, Na, Hey, Hey, Kiss Him Goodbye“. Und als sei es das Stichwort gewesen, verschwindet Snoop Dogg von der Bühne – ohne großen Knall, ohne Zugabe und ohne meckerndes und murrendes Publikum. Auf so einen Snoop Dogg wie den am Dienstagabend in der Columbiahalle wartet man dann doch gerne mal ein bisschen.