Roman "Muttersohn"

Martin Walser will kein Aufklärer mehr sein

Mit der Gesellschaft sei er fertig: Der Schriftsteller Martin Walser zelebriert die Ur-Lesung aus seinem neuen Roman "Muttersohn" in Schussenried.

Hier also. Walser-Land. Sehr grün. Es riecht nach Heu und Leberkäs (aber das fantasieren wir wahrscheinlich nur). Es ist heiß. Ein blauer Himmel spannt sich dem Abend entgegen, an dem im Kloster, an das sich Bad Schussenried seit Jahrhunderten schmiegt, ein neues Evangelium verkündet wird. Das hat sich die Achttausend-Seelen-Gemeinde in Oberschwaben redlich verdient. Gott muss einen besonders guten Tag gehabt haben, als er die Stadt zwischen Wald und Wiesen an einem Hügel befestigt hat.

Martin Walser gibt hier die „Ur-Lesung“ aus seinem neuen Roman „Muttersohn“ – im Bibliothekssaal, einer Perle des Rokoko, dem Ort, an dem alles anfing mit Anton Percy Schlugen, dem Zentrum von Walsers 22. Roman. Hier, unter der Orgel, zwischen den blassblauen Schränken mit den aufgemalten Büchern, inmitten eines gar putzigen Puttenspiels, zwischen porzellanenen Heiligen, die allesamt Bücher vor sich her tragen und sich freundlich grüßen, unter Franz Georgs Hermanns Himmelsgemälde mit dem tollen Getümmel aus Geistes- und Leidensgeschichte, Paradies, Philosophie, Kunst und Klostergeschichte, hier hat Anton Percy Schlugen nämlich seine erste Rede gehalten.

Psychiatrische Anstalt und Glaubenszentrum

Schlugen, der neue Jesus, zu dessen Zeugung kein Mann nötig war (was mit unbefleckter Empfängnis – wie hier in Walser-Land noch jeder weiß – nichts zu tun hat), der reine Tor, der Fürst der Freundlichkeit, der hellste Held, den der Mittelstandskatastrophiker Martin Walser jemals hervorgebracht hat. Hier ist Scherblingen, so heißt Schussenried in „Muttersohn“. Kloster und Nervenklinik, psychiatrische Anstalt und Glaubenszentrum.

Der Moderator Wolfgang Herles hält sich nicht allzu lange damit auf, das tolle Getümmel des Romans aufzudröseln, der sich um den Widerstreit von Wissen und Glauben, um Mütter und die Macht, Mystik und Magie des gesprochenen Wortes, um Irrsinn und Normalsinn, um eine seltsame Motorradgang und eine noch seltsamere Akademie für Unvollendete und noch ein halbes Dutzend anderer Haupt- und Nebenthemen dreht.

Herles fragt einfach los, und Walser sitzt da mit den legendär zugewachsenen Augen im Sommeranzug und guckt zum Himmel. Der ist dank Hermanns Deckenfresko herrlich voll. Man mag sich die Pein gar nicht vorstellen, Walser würde jedes Mal, wenn er nach Fragen aufstöhnend gen Decke blickt, bloß Weiß sehen und nicht das Lamm, das Buch der Sieben Siegel, das Paradies, Golgatha, Diogenes in der Tonne und den Lokalheiligen Abt Caspar Mohr.

Altersweise? Altersmilde?

Dann liest Walser. Fast eine Stunde steht er da, ein 84-Jähriger, der gerade den schwerelosesten 500-Seiter seines Lebens hingehauen hat. Alle Viertelstunde läutet die Klosterglocke. Dann sitzt er wieder auf dem Sofa, blickt um Himmel und weicht den Fragen aus. Altersweise? Was ist denn das? Altersmilde?

Gott bewahre. Wie er denn nun zum Glauben komme, er sei doch mal ein Aufklärer gewesen. Ein Aufklärer? Er, Walser? Muss ein Missverständnis sein. Und wie er denn stehe zur Kirche? An was er denn eigentlich selbst glaube, katholisch imprägniert wie er sei? „Jetzt kommen Sie mir nicht mit der Kirche.“ Kirche sei Gesellschaft. Und mit der Gesellschaft sei er fertig.

Er sehne sich nach einer Zeit zurück, in der Literatur und Religion, Literatur und Glaube, Literatur und Mystik noch in eins gingen. Und mit „Muttersohn“ hat er den Versuch gemacht, die Sphären wieder zusammenzubringen. In Norddeutschland, sagt er, sei er mit diesem Glaubensding sowieso erledigt. Das käme im Diskurs nicht vor. Denen da im Norden könne er mit dem nicht kommen. Er müsse sich jetzt auf eine Region begrenzen, seufzt er: Auf Walser-Land. Es ist fast zum Mitleidkriegen.

Der Autor ist nicht verantwortlich

„Verstehscht“. Sagt Martin Walser. Immer wieder. Und „Woischt“. Er duzt Herles immer mal wieder. Er nimmt aber nicht ernst, was er fragt. Dass er da erst den Percy fragen muss, antwortet Walser gern. Denn der hat den Roman sozusagen diktiert. Er sei jedenfalls nicht verantwortlich für Anton Percy Schlugen. Ein Autor sei überhaupt nie verantwortlich für das, was er schreibe. Und schon gar nicht dafür, was es bewirkt, anrichtet im Leser. „Jeder liest doch sein Buch, nicht mein Buch“, sagt er.

Eine helle Nacht senkt sich über Scherblingen. Es wird nicht Walsers letzte Ur-Lesung gewesen sein. Seine Synapsen sind auf Schreiben programmiert, sagt Walser, wie beim Sportler auf Laufen. Marathon, wirft Herles noch ein, ist mit 84 aber schwierig. Deswegen, sagt Walser, „schreib ich ja“.