Konzert in Berlin

Ringo Starr trommelt und singt im Tempodrom

Einmal Beatle, immer Beatle: Ringo Starr, der ewige Schlagzeuger, wagt sich ganz nach vorne, bewegt sich dabei etwas unbeholfen und singt. Bei den Beatles hätte er das nie gedurft.

Seit 48 Jahren singt er weltberühmte Lieder. Aber es wirkt immer noch wie eine Amtsanmaßung, wenn sich Ringo Starr, der ewige Schlagzeuger, hervorwagt und ein Lied anstimmt. Er hält das Mikrofon wie einen Knüppel in der Faust, die Arme schwenkt er unbeholfen in der Luft und tritt dabei im Takt von einem Bein aufs andere. „It Don’t Come Easy“ singt er. Ringo hat es selbst verfasst vor 40 Jahren, als ihm klar wurde, dass es die Beatles nur noch einzeln geben würde und nie mehr als Band, die mehr war als die Summe ihrer Teile. Er trägt „Honey Don’t“ vor, seinen Quotentitel vom Album „Beatles For Sale“ von 1964. Und dann macht er kehrt und eilt vom Bühnenrand zurück zu seinem Schemel, wo er glücklich über seinen Musikanten thront und hinter seinen Trommeln. Unverzüglich macht sich Ringo an die Arbeit, die ihm für sein Leben zugewiesen wurde.

Er besucht mit seiner All Starr Band das Tempodrom. Seit 1989 reist der Beatle mit dem offenen Ensemble um die Welt. Gitarre spielt diesmal Rick Derringer, der untersetzte Sänger der McCoys, die ebenfalls verschwanden als die Sechziger vorüber waren. Ihre Hymne, „Hang On Sloopy“, wird heute von Ringo Star begleitet. Der Song hatte 1965 „Yesterday“ vom ersten Platz der Hitparaden in Amerika verdrängt. So wurden Bands wie die McCoys zu Fußnoten im Werk der Beatles. „Jeder ist ein Starr“, sagt Ringo über sein Projekt. Soweit die Botschaft: Jeder, der mit ihm die Bühne teilt, hat zwar die Beatles überlebt und eigene Bands, trägt aber schwer an seinem Erbe.

Aber auch der Ringosimus „Botschaft? Welche Botschaft? Ich bin doch kein Postamt“ ist in die Geschichte eingegangen. Ringo war der Simpel, der den Takt für Paul McCartney und John Lennon hielt und für das heimliche Genie George Harrison. Im Film „A Hard Day’s Night“ machen sich die Kollegen unablässig über ihrem traurigen Trommler und sein winziges Schlagzeug lustig. Als es ihm zuviel wird, flüchtet er - um reumütig zurückzukehren. So sah Ringos Rolle aus: Die Beatles ließen sich in Indien erleuchten, er fuhr an den Strand. Die Beatles stritten um die Künste, er ging in den Pub. Aber sie schickten ihm auch Ansichtskarten hinterher von Bildern königlicher Militärtrommler und Grüßen wie: „Du bist der beste Schlagzeuger der Welt. Wahrhaftig.“

1962 hatte er den unbegabteren Pete Best ersetzt. Die Anhänger hatten zunächst mit „Pete Forever – Ringo Never!“ protestiert wie Fußballfans und ihn dann umso inniger ins kollektive Herz geschlossen. Innerhalb der Band wurde ihm ein Gesangsbeitrag pro Album eingeräumt. Bevor die Beatles 1966 den Konzertbetrieb einstellten, sang er die ihm zugedachten Songs vom Schlagzeug aus. So hält er es auch mit der All Starr Band im Tempodrom. Er schmettert „Boy“ und treibt sich mit den Stöcken und Pedalen freudestrahlend vor sich her. Er intoniert „I Wanna Be Your Man“, das Lennon und McCartney für so leicht befanden, dass sie es ihm überließen und den Rolling Stones verkauften. Und man wundert sich, dass Ringo seit jeher als Schlagzeuger geringgeschätzt wird. Auch seine Kapelle der verdienten Veteranen führt er durch die Stücke, im geschmackvollen, beherzten Backbeat. Viele haben mitgewirkt an der Legende vom begrenzten Drummer: Irre wie Keith Moon, der spielte wie das Tier der Muppet Show und früh verstarb. Das Wettrüsten der Siebzigerjahre, als das Schlagzeug aussah wie eine Gefechtsstellung. Muhammad Ali, der die Beatles 1964 traf und anschließend verkündete: „Mein Hund spielt besser Schlagzeug als der Gnom da mit der dicken Nase.“

Ringo Starr hat ja auch selber dazu beigetragen, und man ahnt, wodurch. Wie er da auf der Bühne sitzt, an seinem alten Ludwig-Schlagzeug und die Gassenhauer seiner Gäste schmucklos abfedert: die „Broken Wings“ von Richard Page und Mr. Mister oder „Dream Waver“ von Gary Wright. Als Edgar Winter sein Bravourstück „Frankenstein“ aufführt, an allen Instrumenten, die er findet, gönnt sich Ringo eine Pause. Und als sich Rick Derringer minutenlang an der Gitarre krümmt, sitzt Ringo höflich zwischen seinen Becken wie ein weiser Rabe. 71 Jahre ist er alt und in der Popkultur von heute eine vollkommen unglaubliche Figur: Er tritt nach vorn und präsentiert ein neues Lied, „The Other Side Of Liverpool“, es handelt von der Herkunft Ringo Starrs. Vom lungenkranken Scheidungskind einer verarmten Arbeiterfamilie, das im Trommeln seinen Trost fand. Er wollte nie mehr, wurde aber berühmt und reich darüber und zur guten Seele und zum Stoiker der Rockmusik.

Sein Bühnenbild zeigt Lilienblüten über einem Sonnenblumenfeld und einen aufgeblasenen Seestern. „Yellow Submarine“ singt er, von jener „anderen großen Band“, in der früher tätig war, wie er erklärt. 3000 Menschen stimmen ein und schunkeln vor sich hin. Dann knödelt er das Lied, das seine Lebensrolle festschreibt für die Ewigkeit: „With A Little Help From My Friends“, mit freundlicher Unterstützung gönnerhafter Musiker, die weniger genügsam sind als er. Er reckt die Finger in die Luft zum Friedenszeichen, und wo er schon mal dabei ist, spielt die All Starr Band „Give Peace A Chance“. Das Lied, das Yoko Ono und John Lennon 1969 im Hotelbett sangen, ohne Rücksicht auf die Beatles und auf ihren Schlagzeuger.