Konzert in Berlin

Paul Simon zündet ein Feuerwerk der Popmusik

Paul Simon ist noch weit vom Altenteil entfernt. Ein Abend in der Berliner Zitadelle bewies es. Der 69-Jährige flanierte durch vier Jahrzehnte seiner Solo-Karriere mit vielen zeitlosen Liedern und etlichen Welthits.

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Es wirkt alles zu groß an ihm, die Sonnenbrille, die Gitarre und die eigene Legende, als Paul Simon auf die Bühne eilt. Ein Bandkollege drückt entschlossen das Akkordeon, der nächste hämmert mit dem Fuß gegen die tiefe Trommel, weitere sechs Musikanten fallen stürmisch ein. „It’s every generation throws a hero up the pop charts“, singt der 69-Jährige. Das Lied ist 25 Jahre alt, „Boy In The Bubble“ heißt es. Und man hört es längst nicht mehr als Klage über die Apartheid und den Terror damals in Südafrika. Es handelt heute von Paul Simon selbst, dem kleinen Mann in seiner Mythenblase.

Er tritt unter dem Motto „Große Stars auf kleinen Bühnen“ für den Berliner Privatsender „Spreeradio“ auf. Natürlich wirkt die Bühne ganz und gar nicht winzig auf dem Hof der Spandauer Zitadelle, auf dem ehemaligen Exerzierplatz. Das gewaltige Gerüst hat eine umfangreiche Band zu tragen und vor allem einen Sänger, der von Stück zu Stück zu wachsen scheint. Jahrzehntelang spielte Paul Simon seine Klassiker auf Festwiesen herunter wie eine Musikbox. Während sich Generationskollegen wie Bob Dylan und Neil Diamond für erneute Heldentaten feiern ließen, hingen ihm die ewigen Mädchenlieder und die lästigen Geschichten an. Wie er als Schlagerjuror 1971 in Brasilien der deutschen Kandidatin Marianne Rosenberg die Gräueltaten des Dritten Reichs anlastete. Oder wie er sein Album „Graceland“ aufnahm: 1986 fuhr er nach Südafrika, brach das Kulturembargo und ließ sich von einheimischen Musikern aus seiner anhaltenden Schaffenskrise helfen. Er wurde als Kolonialherr angeprangert. „Graceland“ ging als einträglichster Sündenfall der Weltmusik in die Geschichte ein.

Als wäre nie etwas gewesen, spielt Paul Simon heiter seinen Afropop, wieder begleitet vom Bassisten Bakithi Kumalo aus Soweto und dem Kameruner Gitarristen Vincent Nguini. Songs wie „Diamonds On The Soles Of Her Shoes“ und „Gumboots“, vor sich wiegendem Savannengras. Paul Simon spielt auch „Dazzling Blue“ und „So Beautiful Or So What“, zwei neue Stücke, mit denen er triumphal an seine Pioniertaten erinnert, an den Geist von 1986. Während er zuletzt mit engagierten Musicals beschäftigt war, hatten die jungen Nachbarn in den Szenevierteln von New York den Afropop für sich entdeckt. Und zwar nicht in den Elendsvierteln von Johannesburg, sondern auf „Graceland“ von Paul Simon. Die Globalisierungskinder haben ihn rehabilitiert, Bands wie Vampire Weekend mit ihrem „Upper West Side Soweto“. Die gelassene Generation betrachtet ihn als kauzigen Überlebenden der kleingeistigen alten Popkultur.

Die neue Rolle lässt Paul Simon jünger wirken als bei seinen großen Auftritten der Neunziger- und Nullerjahre in der Berliner Waldbühne als würdevoller Veteran. Er breitet seine Arme und begrüßt die Gäste wie zur Gartenparty mit: „Hello, my friends!“ In einem neuen Song, „The Afterlife“, ruft er „Be-Bop-A-Lula!“ Kichernd übt er sich im Ausdruckstanz und trägt gegen die Abendkälte einen blauen Anglerhut.

Seine Geschichte fängt nicht mehr bei Simon & Garfunkel 1964 an und hört nicht 1990 auf. Sie reicht von Elvis Presleys „Mystery Train“ und „Wheels“, einem Gitarrenlandler aus den Fünfzigern, über die Beatles und „Here Comes The Sun“ bis hin zur Allerweltsmusik der Hipster von 2011. Dazwischen hören sich seine Hits plötzlich wie seltene Sammlerstücke an. Selbst „Still Crazy After All These Years“, das er mit 30 schrieb, als er begann, sich alt zu fühlen. Oder „The Only Living Boy In New York“, ein Sehnsuchtslied an Art Garfunkel, der ihn 1968 in der Heimatstadt zurückgelassen hatte, um den Film „Catch 22“ zu drehen. Als Paul Simon von den „Sounds Of Silence“ singt, allein mit brüchiger Stimme, bittet, dass niemand die Stille störe, dröhnt ein Hubschrauber über die immer kleiner werdende Bühne. Ohne dass sich irgendjemand um den Fluglärm schert.