Buchmessen-Gastland

Peking hat Angst vor der Freiheit

China ist das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse und hat sich bisher als nicht besonders souverän im Umgang mit andersdenkenden Schriftstellern erwiesen. Gilt das auch für die Gesellschaft und die Politik der Volksrepublik? Die meisten Experten glauben das. Ein Literaturbericht.

Nutzt die Chance der Weltbank weise“, lautet eine Inschrift, die der amerikanische Journalisten Peter Hessler auf einer Ming-Festung an der Chinesischen Mauer“ entdeckte: „Helft, dass das Bergland der Armut entkommt.“ Hessler kommentiert: „Dazu geschaffen, die Barbaren fernzuhalten, diente die große Mauer jetzt dazu, die Weltbank willkommen zu heißen.“

Ausgerechnet das Symbol der Abschottung dient hier der Propagierung einer Öffnung Chinas. Ist das nun Ironie der Geschichte oder nur ein Propagandaslogan?

Je stärker China am Welthandel teilnimmt, desto stärker partizipiert es auch am kommunikativen Weltverkehr, weil eine moderne Warenproduktion ohne stetigen Informationsaustausch zwischen Anbieter und Käufer nicht möglich wäre. Je wichtiger die Rolle Chinas wird, desto interessanter wird es zudem, und desto höher steigt der Wert ungefilterter Informationen.

Das gilt auch für Chinas Literatur: Der Konformitätsdruck, der auf ihr lastet, steigert nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage den Marktwert von Dissidenten und erhöht deren Publikationschancen im Ausland. Schon im Vorfeld von Chinas Auftritt auf der Buchmesse zeigt sich, dass jeder Versuch, Abweichler wie Liao Yiwu („Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“. S. Fischer. 22,95 €) von dem einen Podium fernzuhalten, ihnen dadurch viele andere eröffnet.

Der Preis des Erfolges

So könnte man sagen, die Freiheit sei hier der Preis des Erfolges. Vor dieser Freiheit scheinen sich in China nicht nur Parteikader zu fürchten. „Chinas Angst vor der Freiheit“, die der Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer analysiert, reicht weit zurück, aber seine Diagnose deckt sich mit den Einsichten, die Mark Leonard bei seinen Begegnungen mit Chinas heutigen „Entscheidungsträgern“ in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gewonnen hat.

In „Was denkt China?“ zitiert Leonard den chinesischen Politologen Pan Wei, der sich skeptisch über die Chancen einer Demokratisierung äußert. Das Beispiel der Sowjetunion habe gezeigt, „dass die Demokratisierung zum Zusammenbruch eines Landes führen“ könne. Für die chinesische Elite bedeute Demokratie „Chaos“.

Er sei nicht für ein „System, in dem verschiedene Interessengruppen zu einem politischen Kampf ermutigt werden, in dem jede Gruppe versucht, sich die Macht zu sichern. In China würden die Verlierer dieses System niemals akzeptieren.“

Chinas Traumata

Pan Wei übersieht geflissentlich, dass es in der Demokratie um zeitlich begrenzte und kontrollierte Macht geht, doch in seinen Vorbehalten spiegeln sich die Lehren aus Chinas Geschichte, zu denen nicht zuletzt die traumatische Erfahrung des organisierten Chaos der Kulturrevolution zählt.

Zudem kann man bei Hessler lesen, wie Chinas Beamte auf die zeitliche Begrenzung von Verwaltungsstellen reagierten: „Sie greifen zu, solange sie können.“

Angst vor Chaos und Zerfall prägen auch Chinas restriktive Minderheitenpolitik. Autonomiebestrebungen der Tibeter, Konflikte zwischen Han-Chinesen und muslimischen Uiguren schürten Ängste, China könnte das Schicksal des zerfallenen Jugoslawiens teilen.

Vielvölkerrepublik

Klemens Ludwig hält solche Befürchtungen in seinem Buch über den „Vielvölkerstaat China“ schon aufgrund der Mehrheitsverhältnisse für unbegründet: „Im chinesischen Staatsverband stellen dagegen die über 91 Prozent Han über alle ideologischen Unterschiede hinweg die staatliche Einheit nicht infrage.“

Ist Chinas Angst vor dem Chaos der Freiheit also nur eine Schutzbehauptung um ihre Macht besorgter Parteikader? Schmidt-Glintzer greift in seiner Studie weit in die Vergangenheit zurück: „Seit der Zeit der Teilstaaten, vor 2500 Jahren, wurde in China das Bild eines friedlichen Lebens auf beschränktem Territorium gepflegt.“ Als Beleg dient ihm das berühmte 80. Kapitel des „Daodejing“, wo es heißt: „Ein kleines Land! Ein Volk gering an Zahl! / Und gäb es dort Geräte zehnfach, hundertfach / Von Wirkung – mach, dass man sie nicht gebracht! / Mach, dass das Volk ernst nimmt den Tod / Und nicht auswandert in die Ferne!“

Nun ist China alles andere als klein, ist seine Bevölkerung alles andere als gering an Zahl. Sie stellt Geräte millionenfach her, nutzt deren Wirkungen und wandert mehr oder weniger freiwillig auch in die Ferne aus.

Vervollkommnung durch Trinken

Gleichwohl zieht sich das Ideal einer geschlossenen Welt durch seine Geschichte hindurch. Höchst anschaulich beschreibt Jonathan D. Spence in „Die Rückkehr zum Drachenberg“ das Leben der Oberschicht in der Ming-Zeit (1368-1644), in der man sich als wohlhabender Gelehrter und Sammler seinen Hortus conclusus, seinen Gartenpavillon schuf, in dem man sich dem Studieren oder der „Vervollkommnung durch Trinken“ widmete.

Zugleich vervollkommnete der aktivere Teil der Bevölkerung an der Nordgrenze das Projekt der Großen Mauer, die die Idyllen der Ming-Zeit gleichwohl nicht vor dem Eindringen der Mandschu bewahren konnte. Leonard führt dazu aus, dass die „Mentalität der Großen Mauer“ China nicht nur an seinen Außengrenzen geprägt habe: „Alle chinesischen Städte sind von Mauern umgeben, das traditionelle chinesische Haus mit dem ummauerten Innenhof hat buchstäblich die Form einer Mauer, die ein Atrium umschließt, und das Bilderschriftzeichen für ,Land’ besteht aus einem aus vier Mauern zusammengesetzten Muster.“

Dies korrespondiert mit der konfuzianischen Lehre, die in Vielem wie eine Hausordnung für das harmonische und respektvolle Miteinander einer Großfamilie anmutet und wenig Raum für Meinungsvielfalt und Originalität lässt, die die Autorität der Älteren beleidigen könnte.

Demokratie als Religion

Er spräche über die Demokratie, „als wäre sie eine Religion, die man auf der ganzen Welt verbreiten müsse“, wirft Pan Wie Mark Leonard vor: „Aber durch Wahlen kann keines der Probleme gelöst werden, mit denen China heute konfrontiert ist.“

Das trifft sich mit Überlegungen, die Claus Leggewie und Harald Welzer in ihrem Buch „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ (S. Fischer, 19,95 €) auch über China angestellt haben: „Der Verzicht auf Demokratie erweist sich offenbar nicht als Hemmschuh der wirtschaftlichen Entwicklung, sondern als Modernisierungsbeschleuniger.“

So erscheine der „autoritäre Kapitalismus Chinas in Entwicklungsländern als attraktives Modell.“ Chinas Wirtschaftswunder lässt Welzer und Leggewie an dem Allgemeingültigkeitsanspruch des westlichen Modells zweifeln: „Anscheinend verläuft die Entwicklungsrichtung nicht vom wirtschaftlichen Erfolg zur Demokratie, sonder nur vom wirtschaftlichen Erfolg zum höheren Lebensstandard.“ Solange also das Ländle floriert, freut sich der Mensch und denkt nicht an Freiheit?

Pekings grauer Alltag

Hier lohnt es sich, wieder die Perspektive zu wechseln, denn neben anthropologisch begründeten Idyllen und globalen Perspektiven gibt es auch noch den grauen Alltag Chinas.

Den beschreibt Peter Hessler am Beispiel einer Reise, eines Dorfes und einer Fabrik und zeigt, wie Chinas Wirtschaftswunder inklusive organisierter Vorteilsnahme funktioniert – „wenn die Beamten unzufrieden sind, können sie ein Unternehmen ruinieren.“

Bei Hessler erfährt man auch, wie man Beamte zufrieden stellt, indem man die Chance der Weltbank weise nutzt. Der eingangs erwähnte Slogan an der Großen Mauer bezog sich auf ein Aufforstungsprojekt, dessen Umsetzung sich offenbar auf das massenhafte Graben von Pflanzlöchern beschränkte: „Sie machen es, damit, wenn die Oberen vorbeikommen, sie die Löcher sehen und denken, dass hier Bäume gepflanzt werden“, verrät einer der Gräber: „Aber das Geld dafür stecken die örtlichen Beamten in die Tasche.“

Wer weiß, wie dieser Chinese – vor die Wahl zwischen etwas mehr Freiheit und etwas mehr Ordnung gestellt – sich entscheiden würde?

Peter Hessler: Über Land. Begegnungen im neuen China. Aus dem Engl. von F. Griese. Berlin Verlag, Berlin. 556 S., 24 €.

Mark Leonard: Was denkt China? Aus dem Engl. von H. Dierlamm. dtv, München. 199 S., 14,90 €.

Klemens Ludwig: Vielvölkerstaat China. C.H. Beck, München. 192 S., 12,95 €.

Helwig Schmidt-Glintzer: Chinas Angst vor der Freiheit. C.H. Beck, München. 149 S., 10,95 €.

Jonathan D. Spence: Die Rückkehr zum Drachenberg. Aus dem Engl. von S. Hornfeck. Hanser, München. 287 S., 21,50 €.