Retro

Zwei sind scharf auf Jungs – und finden Adonis

Mit seinem zweiten Film hält Xavier Dolan, was er mit dem Cannes-prämierten Debüt versprach: "Herzensbrecher" ist ein wunderbarer Dreiecksfilm.

Foto: koolfilm

Eine Geschichte, wie sie das Kino liebt: Da kommt quasi aus dem Nichts ein gerade mal volljähriger junger Mann, präsentiert seinen ersten, stark autobiografischen Film und gewinnt damit in Cannes nicht nur einen Haufen Preise, sondern auch die Herzen der Zuschauer. Und dann, gerade einmal ein Jahr später, liefert er den zweiten Streich und anstatt sich zu verrennen oder zu enttäuschen, begeistert er erneut alle. Die Rede ist von Xavier Dolan, inzwischen 22-jähriges Wunderkind aus Kanada, der nach „I Killed My Mother“ mit dem bezaubernden Nachfolger „Herzensbrecher“ die hochgesteckten Erwartungen übertrifft.

Francis (gespielt von Multitalent Dolan, der auch für Drehbuch, Schnitt und Kostüme verantwortlich ist) und Mary (Monia Chokri) sind beste Freunde mit einem sehr ähnlichen Sinn für Ironie, Ästhetik – und Jungs. Ihre innige Freundschaft wird auf die Probe gestellt, als sie auf einer Party Nicolas (Niels Schneider) begegnen, einem blond gelockten Adonis, in den sich beide verknallen.

Sie buhlen um seine Gunst, mit Geschenken und Komplimenten, und der junge Narziss sonnt sich unverhohlen in der doppelten Aufmerksamkeit, füttert mit kleinen Gesten ihr Verlangen, ohne wirklich auf die Avancen einzugehen. Als bei einem gemeinsamen Ausflug aus Sticheleien schließlich Handgreiflichkeiten werden, greift Nicolas nicht ein, sondern schaut dem Spektakel genüsslich zu.

Dabei ist es weniger die Handlung, die begeistert, als die Form. Dolan hat, wie seine Protagonisten, ein Faible für den Stil der 50er und 60er, filmisch und popkulturell. „Herzensbrecher“ ist retro, ohne dabei altmodisch zu wirken. Die Hipsterfreunde tragen Vintageklamotten, der Soundtrack ist gespickt mit Songs von Dalida und Renée Martel.

Dolans prägnantestes Stilmittel sind Szenen von oft banaler Alltäglichkeit, die durch Zeitlupe und den Einsatz musikalischer Motive überhöht werden. So ungewöhnlich sie formal scheinen, neu sind auch sie freilich nicht. Mit ganz ähnlichem Effekt hat auch schon Wong Kar Wai in „In the Mood for Love“ gearbeitet. Und ja, wenn Dolan seine Protagonisten direkt in die Kamera sprechen lässt, erinnert das an Godard.

Aber sei’s drum. Da ist endlich wieder einer, der sich was traut, mit einem unbedingten Stilwillen. Und einer, der seine Neurosen und seinen Herzschmerz mit jugendlicher Grandezza und Übertreibung in Bilder verwandelt, die zum Sterben schön sind.