Letzter Potter-Film

Für Kinder und Eltern geht eine Ära vorbei

Der achte und definitiv letzte Harry-Potter-Film läuft am kommenden Donnerstag in den deutschen Kinos an. Selbst der erwachsene Zuschauer altert mit den Protagonisten mit, die Kinder wachsen mit ihnen heran. Ein Vater hadert mit dem Älterwerden.

Ein bisschen traurig ist das schon. Harry Potter ist mir entwachsen. Sechs der sieben Filme sah ich gemeinsam mit Linus. Wir bangten. Wir debattierten. Jetzt, wenn der achte und letzte Film anläuft, ist mein Sohn fast 18 und alleine verreist. Er will sein eigenes Leben haben. Ich fürchte, „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 2“ wird aus mehreren Gründen eine freudlose Angelegenheit. Am meisten fehlt mir der Mit-Seher. Er hatte mich schließlich ins Kino gelockt.

Die Jahre mit den Harry-Potter-Filmen zählen in unserem Leben doppelt. Sie erinnern an das eigene Älterwerden und an das Erwachsenwerden der Kinder. Das Jahrzehnt ab 2001, als „Harry Potter und der Stein der Weisen“ anlief, wird einmal nach Terrorattacken benannt werden, nach dem Siegeszug des Internets, doch eigentlich sind es die Jahre mit Harry. Wir wohnten mit im Ligusterweg, zogen gemeinsam nach Hogwarts. Wir erlebten die Bedrohung durch den dunklen Lord.

Das Kuriose: Vieles, was die Gesellschaft umtrieb, schien auch im Kino während der acht Filme auf. Das Virtuelle. Der Allgegenwartsanspruch des Computers, verkörpert durch Spezialeffekte. Die Sehnsucht nach Altem, Vergangenem. Die Furcht vor dem Untergang der Welt, wie wir sie kennen. 2001 standen Harry, Ron und Hermine leibhaftig vor uns auf der Leinwand. Linus war aufgeregt. Wir hatten die Bücher gelesen, immer abends. Nun stellten sich echte Bilder zu den Fantasien ein. Der dreiköpfige Hund Fluffy erschreckte das Kind. Bei der „Kammer des Schreckens“ schwärmte Linus ein Jahr später von der gewaltigen Schlange.

Wir altern mit den Filmen mit

Es ist ein Glück, das Erwachsenwerden Harry Potters im Fluss der Zeit mitzuerleben. Die Kinder im Kino altern natürlich. Im Jahresabstand begleiteten uns die Darsteller. Ach, so sieht Hermine jetzt aus. Oh, Ron hat Akne-Probleme. Und Harry Muskeltraining. Francois Truffaut hat das in den Filmen mit Antoine Doinel auch getan, doch längst nicht so konsequent. Dieses Gefühl der angenehmen Zeitspanne ist unwiederbringlich vorbei. Das lange Warten auf den nächsten Teil gehört dazu. Wer sich die Filme nun hintereinander ansieht, für den sind sie historisch, nicht aktuell.

Bei „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ war ich entzückt über die Qualität des Films, das Kind eher ratlos. Wir stritten uns über Altersfreigabe im Kino und Gewaltdarstellung. Das Kind rief „Gemeinheit!“ und reklamierte die Filme für sich. Massenweise gingen Eltern mit ihren Kindern unter 12 Jahren ins Kino. Auf dem Rücken der Potter-Filme haben sich die Grenzen der für Kinder tolerablen Gewalt verschoben. Das muss man nicht gutheißen. Trotzdem haben wir seitdem keinen Film der Reihe so oft gesehen wie den „Gefangenen von Askaban“.

Der große Potter-Moment in unserer Familie war der Übergang vom Vorlesen zum Selberlesen. Es muss 2005 gewesen sein. Und dann noch mal 2009. Immer bei „Harry Potter und der Feuerkelch“ gab ich auf, klappte im ersten Drittel das Buch zu und sang das Lied „Wie es weiter geht, musst Du selbst heraus finden“. O Wunder, es funktionierte. Beide Kinder lasen. Es ging dabei nicht bloß um den Plot. Die Verabredung war: Filme schauen wir nur, wenn das Buch gelesen ist.

Harry Potter ordnet das richtige Leben

Harry Potter förderte Ordnungssinn im richtigen Leben und ein bisschen auch Fügsamkeit und Vernunft. Man kann bis heute beim Abendessen mit Hermine argumentieren und wird zumindest angehört. Wunderlich ist allenfalls, dass die Jungen wegen Hermine, diesem Musterstrebermädchen, nicht verärgert waren.

Gleichzeitig klappte die „Erst Buch, dann Film“-Regel nur bei Harry Potter. Nicht etwa bei „Der Herr der Ringe“. Jeder Versuch, als Vorschau auf die Filme auf die drei Bände hinzuweisen, scheiterte. Die Potter-Welt aber hat die Leser zu Zuschauern gemacht und umgekehrt. Es ist ein Bilderkosmos, der seine eigenen Regeln schafft. Zaubersprüche taugen auch im Schwimmbad oder wenn Eltern zu den Hausaufgaben drängen. „Expelliarmus!“ wurde bei uns ständig gerufen. Die Potter-Filme wischen mit ihrer Bilderwucht die Idee fort, dass sich die Autorin klug im Gemischtwarenladen für Mythen bedient. Die Räuberin wird beraubt.

Bei „Harry Potter und der Orden des Phönix“ wurden unsere Schuldebatten schon heftiger. Linus, nun 14, rechnete ungern. Die Frage nach dem Sinn der Mathematik stand hartnäckig im Raum. Ich regte mich auf, dass in Hogwarts nie die binomischen Formeln gelehrt werden. Warum lernen die Schüler dort Runen lesen, aber kein Französisch? „Verteidigung gegen die dunklen Künste“ taugt nicht zur Herzensbildung. Wir versuchten, unseren Kindern beizubringen, dass Heranwachsende ohne Mathematik und Sprachen unzureichend ausgebildet seien. Wir wurden nicht gehört. Woher Ron eigentlich schreiben kann, war uns allen unklar.

Harry Potter zeigte eine heile Schulwelt. Erwachsene sind stärker darauf reingefallen als Kinder. Vielleicht lassen sich die heftigen Schuldebatten in Deutschland darauf zurück führen, dass in Hogwarts das Lehren und Lernen so ganz anders aussah. Es musste nicht bei Elternabenden über Handyverbote bei Klassenreisen gestritten werden, es gab einfach keine Elektronik. Auch Stundenausfall ist bei magischen Lehrern nicht so das große Ding. Im Zweifelsfall kommt immer Professor Snape herein und macht den bei Harry überhaupt nicht beliebten Zaubertrank-Unterricht. Aber: Es fällt keine Stunde aus. Dieser Umstand hat Eltern angestachelt. Echte Schuldirektoren und Bildungsminister müssten eigentlich fortwährend wie Severus Snape Hasstiraden über Potter ablassen.

Hermine googelt nicht. Harry beantwortet keine Mails. Ron ist nicht bei Facebook. Während die digitale Welt um das Kino herum schier explodierte, war es in Hogwarts ruhig. Alles ist mit Tradition begründet. Der erste Kind-Computer wurde bei uns angeschafft, als Harry auf der Leinwand lernte, mit Hilfe von Flohpulver zu reisen. Der Potter-Zyklus ist kein Eskapismus, sondern ein Heilpflaster, das die Schmerzen der rasanten Veränderung linderte. Niemand, auch kein Erwachsener, der noch mit Tafel und Kreide lernte, käme auf die Idee, wieder mit Feder und Tinte zu schreiben, doch es ist gut, wenn man weiß, wie das aussieht und wie das Kratzen sich anhört.

Der letzte Teil ohne Mit-Gucker

In den Filmen bleibt die gängige Popkultur, alles da draußen, außen vor. Britney Spears kommt nicht bis Hufflepuff. Im „Feuerkelch“-Film tritt beim Schulball die Band Weird Sisters auf. Es singt Jarvis Cocker von Pulp, es spielen Musiker von Radiohead. An meinen Kindern ging diese Form von Nerd-Wissen komplett vorbei. Die Filme können sich in ihrer selbst geschaffenen Welt ausruhen, sich im schottischen Hochland selbst genügen. Das jeweils technisch Mögliche ist den Werken eingeschrieben, in dem sie immer fantastischere, weitere, rasantere Computerbilder zeigen. Die Entwicklung der Außenwelt steckt im Innern. Das hat viel zur Akzeptanz und Glaubwürdigkeit beigetragen. Wer heute in „Transformers 3“ stürmt, hat auch Harry Potter miterlebt.

Ab nächster Woche brennt Hogwarts. Es wird gekämpft. Gesiegt. Gestorben. Severus Snape hat seinen großen Auftritt. Die Harry-Welt zerfällt und geht im Sieg des Guten unter. Aus den Kindern sind Erwachsene geworden, die in den Schulgängen wie Fremdgänger wirken. Wie die Figuren sich im Leben schlagen, interessiert nicht mehr. Dass mein Sohn, der damals fiebernd wissen wollte, wo der Stein der Weisen liegt, nun in Portugal am Strand sitzt, ist beruhigend. Er mag sich den Film wohl irgendwann ansehen. Und ich? Ach, bin doch froh, dass es vorbei ist.