Populismus

"In Holland schlägt Künstlern Hass entgegen"

In den Niederlanden soll der Kulturetat um 20 Prozent gekürzt werden. Der Münchner Theaterintendant Johan Simons protestiert dagegen. Ein Gespräch.

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In den Niederlanden hat die liberal-konservative Regierungskoalition drastische Sparpläne beschlossen: Von 2013 an soll der Kulturetat um 20 Prozent gekürzt werden, das entspricht 200 Millionen Euro. Im ganzen Land wird heftig gegen diesen Kahlschlag protestiert. Auch der Holländer Johan Simons , seit 2011 Intendant der Münchner Kammerspiele, hat mit Kollegen einen Offenen Protestbrief verfasst.

Morgenpost Online : Die niederländische Regierung will den Kulturetat um 200 Millionen Euro kürzen. Der Rechtspopulist Geert Wilders sieht in der Kultur generell ein „linkes Hobby“, ein anderer niederländischer Politiker verhöhnte ein bedrohtes Orchester jüngst als „Tröter-Truppe“. Woher kommt die ostentative Kulturfeindlichkeit?

Johan Simons : Intellektuellen und Künstlern schlägt regelrechter Hass entgegen. Es herrscht ein Klima, in dem man besser nicht sagt, dass man Künstler ist oder über 100 Bücher gelesen hat. Dass ein Wilders über den Protestmarsch gegen die Kürzungen sagen kann, daran sähe man doch, dass Künstler nichtsnutzig seien, weil sie ja sonst gar keine Zeit zum Demonstrieren hätten, das ist sehr bedenklich.

Morgenpost Online : Kann man das niederländische Fördersystem überhaupt mit dem deutschen vergleichen?

Simons : Nicht direkt. In Holland haben sich die Hoch- und die Nischenkultur in den vergangenen 20 Jahren eng miteinander verbunden. Es existiert eine sehr feine Vernetzung, es gibt viele kleine Truppen, die hervorragende Arbeit leisten. In Deutschland ist das anders, da ist die Trennung viel stärker. Und das sollen die Deutschen auch bitte so beibehalten.

Morgenpost Online : Warum?

Simons : Wenn es diese Abgrenzung nicht mehr gibt, hat der Populismus leichtes Spie l, man macht sich damit angreifbarer. Nehmen wir zum Beispiel André Rieu. Unser Kulturminister sagt: Schaut euch diesen Geiger an, der braucht überhaupt keine Subventionen. Aber sollen wir ihn vielleicht fragen, ob er mit seinem Orchester Strawinsky oder Messiaen spielt?

Morgenpost Online : Wie denken die Bürger darüber?

Simons : Bei einer Umfrage kam heraus, dass nur 30 Prozent der Holländer finden, dass Kultur unterstützenswert ist. Doch die Frage ist falsch! Ich nenne das populistische Demokratie. Wenn ich einen Politiker wähle, gehe ich davon aus, dass er utopisch denkt. Dass er auch Dinge tut, die dem Wähler nicht auf den ersten Blick gefallen.

Morgenpost Online : Sie haben zusammen mit anderen einen offenen Protestbrief verfasst, es wird lautstark protestiert, es kam sogar zu Festnahmen. Wird das Wirkung zeigen?

Simons : Die Sache ist jetzt erst mal gelaufen, die Kürzungen werden kommen. Aber ich bin überzeugt davon, dass es in den nächsten zwei, drei Jahren große soziale Unruhen geben wird. Denn es wird ja an allen Ecken und Enden gekürzt, in der Bildung, der Entwicklungshilfe.

Morgenpost Online : Muss die Kultur nicht auch ihren Teil dazu beitragen, das Haushaltsloch zu stopfen?

Simons : Muss wirklich gespart werden? Das glaube ich nicht, der Gesellschaft geht es doch gut. Es ist genug Geld da, um den Banken zu helfen. Die Ökonomie hat die höchste Priorität, aber daran wird das Glück der Menschheit doch nicht allein gemessen.

Morgenpost Online : Aber einen gewissen Eigenanteil aufzubringen – der holländische Staatssekretär für Kultur Halbe Zijlstra fordert 17,5 Prozent des Etats – ist doch nicht zu viel verlangt?

Simons : Natürlich nicht, ich versuche als Intendant auch, eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Man kann nicht nur öffentliche Gelder ausgeben.

Morgenpost Online : Werden die holländischen Künstler jetzt massenweise ins Exil gehen?

Simons : Ich bin ja schon ausgewandert (lacht). Die Künstler werden nicht aufgeben, es wird eine subversive Kultur entstehen.

Morgenpost Online : Die ja sehr fruchtbar sein kann.

Simons : Ich weiß nicht, ob ein Künstler leiden muss, um gute Kunst zu machen. Ich bezweifle das. Wenn ich jetzt gefragt würde, ob ich in einem linken Kabinett Staatssekretär für Kultur werden wollte, dann würde ich das machen. Unbedingt. Es geht mir richtig zu Herzen, dass all diese jungen, tollen Künstler einfach zugrunde gehen sollen.