DSK-Affären

Strauss-Kahn ist das Feindbild der Frauenbewegung

Bis zu John F. Kennedy war es auch in den USA üblich, dass mächtige Männer Zweitfrauen hatten. Heute dagegen landen sie am Pranger und müssen weinen.

Tout le monde redet von Monsieur Strauss-Kahn ; heute Morgen haben wir sogar unseren uniformierten Türsteher im trauten Zwiegespräch mit unserer Nachbarin über das bewusste Thema angetroffen. Wir kommen also leider auch nicht davon. Das Problem ist aber, dass man zu dem Fall nur eine Meinung haben kann, und das ist ja nun doch ein bisschen wenig.

Kein Mensch weiß, ob das bewusste New Yorker Zimmermädchen, das offenbar keine tugendhafte Elfe ist, auch erfunden hat, dass der mächtige Mann über sie hergefallen sei wie ein Gorilla. Kein Mensch weiß, ob Strauss-Kahn in eine Honigfalle getappt ist. Halten wir uns also an das, was überhaupt niemand bezweifelt: Der Mann hatte außereheliche Affären, er hat aggressiv Frauen nachgestellt, und er wäre damit in Amerika für jedes höhere Amt disqualifiziert.

Wir kennen das Ritual, das hier in der Neuen Welt dem Ehebrecher droht, heiße er nun Bill Clinton oder Rudy Giuliano, Tiger Woods oder Anthony Weiser. Zunächst kommt das öffentliche An-den-Pranger-Stellen: Der ertappte Sünder muss stillhalten, während er in jeder Talkshow der Republik mit faulen Witzen beworfen wird. Dann folgt die reumütige Zerknirschung vor der Kamera: Der Betreffende muss mit schmalen Lippen ein Tränchen zerdrücken, und der Zuschauer muss ihm abnehmen, dass er nicht nur bereut, erwischt worden zu sein; er muss erklären, dass er seine Familie bitter enttäuscht habe.

Als nächster Schritt ist bei Politikern dringend der Rücktritt gefordert. Dieses Ritual wird von europäischen Beobachtern meist als Erbe des Puritanismus interpretiert . Allerdings ist es nun bald 400 Jahre her, seit der erste Puritaner amerikanischen Boden betrat, und seither ist allerhand passiert.

Viele US-Präsidenten hatten Geliebte

So gab es die Präsidenten Garfield, Harding, Franklin D. Roosevelt und Eisenhower, die allesamt Geliebte hatten; seither gab es vor allem John F. Kennedy, der alle Frauen ins Bett zu zerren versuchte, die zufällig seinen Weg kreuzten. Das Pressekorps im Weißen Haus wusste selbstverständlich Bescheid und schwieg eisern. Was ist von Kennedy bis heute nur passiert?

Die Frauenbewegung; sie ist passiert. Hinter dem alten Ethos, wonach es vollkommen normal sei, dass der mächtige Mann seine Affären pflegt, während die Gemahlin zuhause sitzt und die Kinder hütet, steckte ja eine brutale Frauenverachtung. Dieses Ethos galt in Amerika noch in den frühen Sechzigern, aber danach wurde die feministische Bewegung immer stärker. Heute können sich amerikanische Politiker (und andere Prominente) nicht mehr so einfach über die Gefühle von Frauen hinwegsetzen. Und amerikanische Ehefrauen erwarten nun einmal, dass ihre Männer treu sind.

Rekapitulieren wir: In früheren Zeiten galt das Ehemodell, wonach die Frau materiell versorgt wird und ihrem Mann als sexuelle Dauerressource zur Verfügung steht; im Übrigen konnte der Gatte tun, wonach ihm der Sinn stand. Eine großartige Quelle für dieses Ehemodell ist das Tagebuch von Samuel Pepys aus dem 17. Jahrhundert.

Dort wird munter berichtet, wie Pepys seine Frau verdrischt, es mit den Dienstmägden treibt usw. Die Gefühle von Frau Pepys zu alldem sind nicht überliefert. Dieses patriarchalische Ehemodell hat in Amerika gründlich ausgedient, hier gilt das Modell der Liebesheirat; und ein Machtmensch, der sich nicht an die Regeln der Liebesehe, eheliche Treue inbegriffen, hält, der wird exemplarisch abgestraft.

Sollte unsere Nachbarin, die wir im Gespräch mit dem Doorman ertappt haben, irgendwie typisch sein, dann sind amerikanische Frauen just aus diesem Grund nicht dafür, Monsieur vor Gericht mit Samthandschuhen zu betatschen.