Letzter österreichischer Erbprinz

Kaisersohn Otto von Habsburg ist gestorben

Vom verwöhnten Kaiserspross zum kämpfenden Europäer: Der CSU-Politiker war der älteste Sohn Kaiser Karls I. und lange Jahre Oberhaupt der Familien Habsburg-Lothringen. Am Montag starb Otto von Habsburg im Alter von 98 Jahren.

Er war der älteste Sohn des letzten österreichischen Kaisers, und manch Anhänger hofierte ihn bis in die Gegenwart als „Seine kaiserliche und königliche Hoheit“. Otto von Habsburg selbst nahm es gelassen: Ein freundliches „Herr Habsburg“ hätte ihm auch genügt. Die Anrede kümmerte ihn wenig. Was dem streitbaren Politiker aber bis zuletzt am Herzen lag, war ein vereintes Europa. Am frühen Montagmorgen starb Otto von Habsburg im Alter von 98 Jahren in seiner Villa Austria am Starnberger See.

Politische Weggefährten wie Frankreichs Ex-Staatsoberhaupt Valéry Giscard d'Estaing rühmten Habsburg stets als Vordenker und gar als „Otto von Europa“. Kritiker rügten dagegen den „rückwärtsgewandten Denkansatz“ des Aristokraten. Stoff lieferte ihnen Habsburg reichlich. So sagte er mit Blick auf die EU-Osterweiterung: „Es ist mein Lebenstraum, dass alle früheren Länder der Monarchie wieder unter einem Dach vereint sind.“

Engagement für den Einigungsprozess

Vorwürfe, wonach er die Herrschaft der Habsburger glorifiziere, prallten an Otto von Habsburg ab. Er konterte, er habe stets lieber nach vorn als zurück geschaut. Bis ins hohe Alter setzte er sich auch als Autor und Redner bei öffentlichen Auftritten für den europäischen Gemeinschaftsgedanken und ein entbürokratisiertes Europa ein.

Von der CSU 1979 als Abgeordneter ins Europaparlament entsandt, engagierte sich Habsburg dort 20 Jahre lang für den europäischen Einigungsprozess. Gern auch mit umstrittener Symbolpolitik: So setzte er 1982 durch, dass den Nationen hinter dem Eisernen Vorhang ein leerer Stuhl im Parlament aufgestellt wurde. Sein politisches Handeln war getrieben von der Angst vor einer „kommunistischen Weltrevolution“, wie er selbst bekannte.

Offen suchte er den Streit mit politischen Gegnern. Als gefährlich bezeichnete er lautstark Willy Brandts Politik, die eine friedliche Koexistenz mit den Staaten des Ostblocks anstrebte. Brandt titulierte den CSU-Politiker daraufhin 1979 als „importierte, abgetakelte kaiserliche Hoheit“. Der so Gescholtene, der neben der österreichischen die deutsche Staatsbürgerschaft besaß, entgegnete: „Willy Brandt ist das ambulante Monument für alles, was faul ist in unserer Gesellschaft.“

Nazi-Jagd auf „Habsburgs entarteten Spross“

Seine Härte bekam Habsburg von der Mutter mit, die den jungen Otto ab 1916 auf seine künftige Herrscherrolle vorbereitete. Mit dem Ende der Monarchie 1918 kam es jedoch anders. Es begann eine Odyssee, die Habsburg nach 1938 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten bis in die USA trieb. Der junge Aristokrat hatte 1938 den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich verhindern wollen, woraufhin die Nazis Jagd machten auf „Habsburgs entarteten Spross“.

Über die Rolle Österreichs im Nationalsozialismus vertrat Habsburg eine umstrittene Position. Anlässlich des 70. Jahrestages des Anschlusses sagte er im März 2008: „Ich glaube es gibt keinen Staat in Europa, der mehr Recht hat, sich als Opfer zu bezeichnen, als es Österreich gewesen ist.“ Für Kopfschütteln sorgte Jahre zuvor auch ein Interview in einer rechtsnationalen Zeitung, in dem Habsburg sich abfällig über Schwarze und Juden in politischen Institutionen der USA äußerte.

Als junger Mann hatte sich Habsburg persönlich für Tausende Juden eingesetzt, die vor den Nazi-Häschern flohen. Dafür wurde ihm später ein Baum gepflanzt in der „Allee der Gerechten“ auf dem Gelände der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. In seiner Heimat jedoch war der Aristokrat lange Zeit zur Unperson abgestempelt. Erst 1966 durfte er das Land wieder betreten. Ihn „kaiserliche Hoheit“ zu nennen, steht nach österreichischem Recht noch immer unter Strafe.

„Politik eine Droge – härter als Opium“

Als größter politischer Triumph Habsburgs gilt das legendäre „Paneuropäische Picknick“, das die von ihm geführte Paneuropa-Union und ungarische Oppositionsgruppen an der ungarisch-österreichischen Grenze organisierten. Etwa 600 Deutsche aus der DDR nutzten am 19. August 1989 bei Sopron die Gelegenheit, durch ein Loch im Grenzzaun nach Österreich zu fliehen.

Noch im selben Jahr wurde ihm eine Rückkehr nach Ungarn angeboten: „Ja, sogar Präsident zu werden. Ich hätte große Lust gehabt, das anzunehmen.“ Er lehnte jedoch ab, wie er Jahrzehnte zuvor den Vorschlag Francos abgelehnt hatte, die spanische Krone zu tragen. Er bereute es nicht, sagte stattdessen im hohen Alter: „Ich danke Gott, dass ich Parlamentarier werden konnte. Politik ist für mich eine Droge – härter als Opium!“