Tour de France

Wie der erste Doping-Skandal der Tour ans Licht kam

Der rastlose Reporter Albert Londres begleitete 1924 die Tour de France, fand den Krieg und schrieb über Drogen auf der Tour.

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Bereit, sich auf das Schlimmste gefasst zu machen: Nahezu klanglos geht die Tour de France, einmal das Radrennen schlechthin, den Orkus hinab. Das Ziel könnte ebenso gut die Unterwelt sein, wenn sich Peloton und Tross heute auf der Ile de Noirmoutier in Bewegung setzen, um am 24. Juli nach 21 Etappen auf den Champs Elysées anzukommen.

108 Jahre nach dem ersten Tourstart will das (außer Nostalgikern, Zynikern und sehr schweren Fällen) niemand mehr sehen – die Medien läuten nicht mal mehr die Totenglocken. Die Tour von 2011 ist die letzte, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen überträgt – und selbst dafür hat der Rechteinhaber kämpfen müssen.

Das Radfahren der Moderne spielte Krieg

Bei ARD und ZDF hätte man lieber schon in diesem Jahr verzichtet, allein aus vertragsrechtlichen Gründen liefert man, zähneknirschend, ein Minimalprogramm. „Der Radsport hat nicht mehr den sportlichen Stellenwert wie noch vor einigen Jahren“, erklärte, erstaunlich unbewegt, neulich ein ARD-Vertreter, woraufhin der zuständige Radsport-Lobbyist, ein Mann namens Rudolf Scharping, schimpfte, die Entscheidung hänge wohl auch damit zusammen, dass Telenovelas preiswerter zu produzieren seien.

Vielleicht wusste Scharping gar nicht, wie sehr er den Nagel damit auf den Kopf traf – und wie sehr er zugleich irrte. Denn natürlich geben ARD und ZDF nach wie vor Abermillionen für die Sportberichterstattung aus – nur ist der Sport nicht mehr der, der er war, als die Tour noch Abermillionen begeisterte.

Der Sport der Moderne nämlich spielte Krieg; der Sport der Spätmoderne ist, in der Tat, eine Telenovela. Die Tour, das beinharte Ausscheidungsrennen, das nun niemand mehr will, war eine offene Feldschlacht; die Fußballweltmeisterschaft der Frauen hingegen, in deren Schatten das Kriegsspiel von damals plötzlich steht, gehorcht den Gesetzen der Seifenoper, live aus dem Studio der Fußballarena.

Einstellung zum Doping ist entscheidend

Auf den Spuren des französischen Reporters Albert Londres, der die Tour des Jahres 1924 begleitete, kann man das begreifen. Und dass es nicht das Doping, sondern vielmehr die veränderte Einstellung zum Doping ist, die den Sportsfreunden am Fernseher die Tour vergällt, das lernt man in Londres’ kurzen, vom kleinen Covadonga Verlag in den Archiven des „Le Petit Parisien“ ausgegrabenen Reportagen über „Die Strafgefangenen der Landstraße“ auch.

Albert Londres, muss man wissen, war ein bemerkenswerter Mann, der eine Buchhaltungsgehilfenexistenz floh, um in Paris berühmt zu werden. Londres war Parlamentschronist bei „Le Matin“ und berichtete 1914 von der Beschießung der Kathedrale von Reims – danach war sein Aufstieg als Chronist der Moderne unaufhaltsam.

Londres war wohl von derselben fieberhaften Energie, die auch sein Zeitalter auszeichnete. Er investigierte in Französisch-Guyana, berichtete aus dem chinesischen Bürgerkrieg und war selbst Revolutionär genug, um dem „Quotidien“, bei dem er mittlerweile beschäftigt war, die Brocken vor die Füße zu werfen, als der eine Londres-Reportage über die Besetzung des Ruhrgebiets als nicht „linientreu“ empfand.

Londres: "ein Reporter kennt nur ein Linie"

„Meine Herren“, soll Londres daraufhin gesagt haben, „Sie werden auf eigene Kosten erfahren, dass ein Reporter nur eine Linie kennt – die der Eisenbahn.“

Stefan Rodecurt, der Londres’ Tour-Reportagen übersetzt hat, beschreibt diese Szene in seinem ausgezeichneten Vorwort so lebendig, dass man Londres förmlich vor sich sieht, wie er mit wehendem Mantel aus der Redaktionsstube stürmt, um beim „Petit Parisien“ anzuheuern und sogleich zur Tour de France aufzubrechen.

Nur auf den ersten Blick scheint diese Tour ein seltsames Sujet für einen politischen Reporter, auf den zweiten hingegen ist leicht ersichtlich, warum sich einer wie Londres für das Strampeln durch Frankreich interessierte.

Die Tour als futuristische Groteske

Vom Radfahren hatte er keine Ahnung, das Regelwerk begriff er nie, dafür aber, dass hier etwas höchst Modernes vonstatten ging, hatte er ein untrügliches Gespür, war doch das Fahrrad selbst ein revolutionäres Vehikel, ein Mentalitätswandler mit Kettenantrieb – „die erste große Attacke der Technik auf die institutionalisierte Religion“, so jedenfalls schrieb es ein gottesfürchtiger Amerikaner, dem aufgefallen war, dass das neumodische Radfahren den sonntäglichen Kirchengang verhinderte.

Londres schildert die Tour als futuristische Groteske. Den Sportsfreund Augusto Rho, der am Ende um die „Rote Laterne“ des Allerletzen kämpft, nennt er alsbald nur noch d’Annunzio, frei nach dem irrlichternden Dichter dieses Namens, der vom Fliegen, vom Faschismus und vom „superuomo“, dem Übermenschen, bramabarsierte. Einerseits ist Londres den radelnden Irren auf ihrem Kreuzweg in fünfzehn Etappen ganz nah, andererseits verliert er nie die ironische Distanz.

Schon stilistisch scheint er die wilde Jagd zu kopieren, das Ausufernde, manchmal Behäbige des 19. Jahrhunderts ist dem rasenden Reporter fremd. Wie mit Pedaltritten treibt er seine Prosa voran: „Castes kommt in Sicht. Im Pulk wird es hektisch. Drei Zweite-Klasse-Fahrer reißen aus.“ Doch das alles ist zwischen Schmunzeln und Kopfschütteln geschrieben – Londres folgt dem Pulk wie ein König in der Kutsche, ihm steht ein Renault mit Chauffeur zur Verfügung, selbst Chauffieren kann er nicht.

An der Verpflegungsstelle der Tour-Teilnehmer

Dass es technisierte Barbaren sind, die hier um die Wette radeln, wird spätestens deutlich, als sich Londres, von einem Hüngerchen getrieben, an die Verpflegungsstelle der Tour-Teilnehmer wagt:

„Ich glaubte, dass sich die Giganten friedlich stärken und mir ein Stück anbieten würden. Stattdessen stürzen sie sich auf die vollgepackten Beutel, fallen über den Tee her, treten mir auf die Füße, stoßen mich in die Rippen, bespucken meinen wunderschönen Mantel. Nach der heißen Schlacht am Buffet suchen sie das Weite.“

Londres rächt sich, indem er das Wesen der Tour entblößt und einen der ersten von mittlerweile zahllosen Dopingskandalen auslöst. In Cherbourg, im Café am Bahnhof, stöbert er die Brüder Pélissiers auf, die die Tour soeben aus Protest verlassen haben und nun auf den Cafétisch packen, was sie sonst durch die oft 20-stündigen Etappen trägt.

Londres und der erste Dopingskandal der Tour

„Kokain für die Augen“, „Chloroform für das Zahnfleisch“ und „dürfen es auch ein paar Pillen sein?“ Francis Pélissiers, der später den fünfmaligen Tour-Sieger Jacques Anquetil entdeckte, bringt es auf den Punkt: „Wir fahren mit Dynamit.“

Nicht, dass sich die Pélissiers darüber beklagen – sie machen die bis vor kurzem noch stillschweigend hingenommene Lebenslüge der Tour bloß öffentlich: Von Henri Desgrange „als grausame Prüfung für Körper und Geist“ erfunden, um einer kränkelnden Sportzeitung auf die Beine zu helfen, forderte sie die chemische Verwandlung des radelnden Menschen in den „superuomo“ seit jeher heraus.

Dass das eingangs des 21. Jahrhundert völlig inakzeptabel erscheint, sagt wenig Neues über die Tour und viel über eine Spät- oder Nachmoderne, die nicht länger bereit ist, jeden Preis für den Fortschritt zu zahlen.

Londres vergleicht die Tour mit dem Krieg

Überhaupt: Je länger Londres die Tour begleitet, desto irrer, desto hässlicher wird, bei aller beißenden Komik der Schilderung, deren Gesicht. Ein Zufall, aber doch schwer symbolisch, dass „das vorletzte Gefecht“ dieser Tour vorbei an den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs führt, mitten durch den ersten Höllenkreis der Moderne.

„Wir waren nicht im Krieg, sondern bei einem Rennen“, schreibt Londres, um dann hinzuzufügen: „Doch nach den Gesichtern der Hauptakteure war kein großer Unterschied auszumachen.“

Die Etappe von Brest nach Sables-d’Olonne beschreibt Londres, als läge die Tour im Krieg mit der Welt – das Zuviel der Metaphern und Vergleiche ist schierer Sarkasmus. Wie ein Kriegsversehrter pult da ein Fahrer sein Glasauge aus der Höhle („Ich schlug beim Fahren auf einem Kantstein auf“), wie „Sturmgewehre“ lässt Londres die Fahrer ihre Räder schultern, als sie die Loire mittels einer Notbrücke überqueren müssen.

Der "Tourpatron" ist ein Feldherr

„Vorn herrscht Kriegszustand!“, ruft einer, an der „Front “ des Pelotons, will er sagen, kämpft man „Mann gegen Mann“. Wer dazu noch die Fotos betrachtet, die den „Strafgefangenen der Landstraße“ beigegeben sind, weiß, was hier gespielt wird: Die Fahrradschläuche haben sich die Giganten der Landstraße um die Schulter gewunden, als wären es Patronengurte; die Staubbrillen sehen wie rudimentäre Gasmasken aus.

Und dennoch gleichen sich die Bilder von damals und heute: In Ottavio Bottechia, dem unumstrittenen Sieger der Tour von 1924, erkennt man Eddy Merckx, in Eddy Merckx erkennt man Lance Armstrong – der „Tourpatron“ ist ein Feldherr, ein General auf Rädern. Nur haben die Generäle, das Fußvolk und die Gewaltmärsche anno 2011 als Spiele zum Brot wohl ausgedient.

Dass heute die Tour startet, ist deshalb bloß eine Nachricht von vielen, Stoff für werbeverstopfte Spartenkanäle. Dass heute in Sinsheim und Augsburg die Fußballfrauen spielen, ist hingegen irgendwie sensationell. Man möchte sich einen Albert Londres wünschen, der einem vor Augen führt, wieso.

Albert Londres: Die Strafgefangenen der Landstraße. Aus dem Französischen von Stefan Rodecurt. Covadonga, Bielefeld. 123 Seiten, 12,80 Euro.