Abgesetzt

Endlich - Das Ende der "Oliver Pocher Show"

Er ging beinahe erleichtert. In der letzten Ausgabe seiner Sat.1-Show demonstrierte Oliver Pocher noch einmal, warum man ihn als "Late Night"-Talker nicht vermissen wird.

Nein, am Ende hat er sich nicht die Fingernägel schwarz-rot-gold lackiert, die Mundwinkel auf Halbmast gesenkt und die Haare à la Angela Merkel onduliert.

Oliver Pocher verkleidet als Bundeskanzlerin: In diesem Aufzug war er noch morgens auf die Messe „Beauty International“ in Düsseldorf geplatzt, allerdings nicht im Auftrag von Sat.1, sondern als wandelnder PR-Gag für einen Nagelpflegespezialisten.

Warum hätte er sich für den Bällchensender auch in Schale werfen sollen? Die letzte Ausgabe der „Pocher Show“ (Sat.1) war ja kein Staatsbegräbnis, sondern ein Pflichttermin – und zwar ein längst überfälliger, aber das nur nebenbei. Winterschlussverkauf bei Sat.1. Ohren- und Pulswärmer jetzt zum halben Preis. Alles muss raus!

Am Ende waren alle froh, dass es vorbei war – und „Onkel Olli“, wie sich der 33-Jährige jetzt in Vorbereitung auf seine neue und noch nicht näher definierte Rolle als Kinderschreck der ProSiebenSat.1 Media AG nennt, wohl am allermeisten.

Spätpubertäre Späße

Jedenfalls erweckte sein Abgang nicht den Anschein, als würde er dieser Show auch nur eine Träne nachweinen. In diesem Punkt war er sich ausnahmsweise mit den Zuschauern einig. Die konnten mit dem Mix aus spätpubertären Späßen, Interview-Attacken auf arglose Passanten in der Fußgängerzone und Selbsterfahrungstrips („Pochers Auftrag“) als Bademeister oder Koch in einer Großkantine wenig anfangen.

Die so genannte "Late Night"-Show, sie war von Anfang an ein Etikettenschwindel – mit Pocher als blindem Passagier. Das demonstrierte er in der letzten Folge noch einmal eindrucksvoll. Das „Best of“, mit dem er sich verabschiedete, mutete eher wie ein „Worst of“ an.

Es war ein bisschen wie im Sportunterricht, wenn die von allen gefürchtete Lehrerin ihren Blick auf der Suche nach neuen Opfern durch die Runde schweifen ließ und mit sardonischem Lächeln verkündete: „So, heute üben wir die Hohe Wende am Stufenbarren. Olli zeigt Euch jetzt, wie man es nicht machen sollte.“

Man sah den Entertainer noch einmal, wie er am Kap der Guten Hoffnung vom Strauß gebissen wurde und dabei vergnügt wie ein Kind quietschte. Man erlebte, wie er versuchte, den Hüftschwung der Popsirene Shakira zu toppen – bekleidet mit einem bauchnabelfreien Badeanzug, der eine Problemzone entblößte.

Man wurde noch einmal Zeuge, wie er als Reporter-Seppl über das Münchener Oktoberfest irrte („Wo sind denn die ganzen Asis?“), um mehr oder weniger betrunkene Wiesngänger im Festzelt zum Mitgrölen zu animieren: „Das ist das Gute: Man muss gar nicht mehr reden. Man muss einfach nur 'hey, hey' rufen.“

Ein guter "Late Night"-Talker, sagt ein ungeschriebenes Gesetz, muss ein begnadeter Stand-up-Comedian und ein ebenso neugieriger wie ausgebuffter Interviewer sein. Oliver Pocher erfüllt weder die eine noch die andere Voraussetzung.

Seine Parodien haben schon immer höchstens als Party-Gag für promille-schwere Junggesellen-Abschiede getaugt.

Die Kachelmann-Nummer

Um sich in der Öffentlichkeit als Doppelgänger des wegen Vergewaltigung angeklagten Wetter-Moderators Jörg Kachelmann zu verkaufen, reicht es eben nicht, sich eine Perücke überzustülpen und in holperigem Schweizerdeutsch zu verkünden: „Wir sind unschuldig - das ist alles, was ich sagen kann.“

Pocher war das schon immer egal. Ihm ging immer nur um die öffentliche Aufmerksamkeit, nicht um Geschmack oder Qualität. Es entbehrt nicht der Ironie, dass seine Zuschauer ausgerechnet die vermurkste Kachelmann-Nummer auf Platz eins von Onkel Ollis Top Five wählten. Das Video aus der Tiefgarage des Mannheimer Landgerichtes war seinerzeit sogar den Tagesthemen ein Hinweis wert.

Die Luft aus seiner "Late Night"-Show bei Sat.1, sie war zuletzt mit einem kaum hörbaren "pffff" entwichen. Originelle Ideen wie das Video-Tagebuch des an Schweinegrippe erkrankten Moderators blieben die Ausnahme. Pocher fehlte ein Ratgeber, der ihm half, eine Dramaturgie für seine Nummern zu entwickeln.

Das Praktikum, das er zuvor in der ARD bei Harald Schmidt absolviert hatte, hatte ihn in seiner Entwicklung keinen Schritt vorangebracht. Der Mann, der seine Karriere einst als Warm-Upper bei der RTL-Krawallschachtel Hans Meiser begonnen hatte, tat wieder das, was er schon immer am liebsten getan hatte. Er blödelte sich um Kopf und Kragen – ohne Rücksicht auf die Quoten, die weiter bröckelten.

Am Ende hatte ihm der Sender das Budget so weit zusammengestrichen, dass nach der Showtreppe, dem Schreibtisch und der Studioband auch die DJane verschwand. Von der "Late Night"-Show war nur noch der Name übrig.

Nischen-Dasein der "Late Night" in Deutschland

Das Aus für die Sendung ist symptomatisch für die Probleme des Formats "Late Night" in Deutschland. Ob Harald Schmidt oder Anke Engelke, Niels Ruf oder Thomas Gottschalk – bisher ist es keinem einzigen Entertainer gelungen, eine Sendung zu etablieren, die seine Zuschauer mit einem Cocktail aus Gags, Stand-up-Comedy-Einlagen und gepfefferten Kommentaren zur Tagespolitik ins Bett schickt.

In dem Format, so scheint es, steckt der Wurm. Während Entertainer wie Jon Stewart oder David Letterman in den USA zu den einflussreichsten Meinungsmachern gehören, fristen ihre deutschen Kollegen ein Nischen-Dasein.

„Man kann das Format eben nicht 1:1 auf den deutschen Markt übertragen“, sagt Thomas Koschwitz. Der Hörfunk- und Fernsehmoderator muss es wissen: 1994 löste er Thomas Gottschalk als Moderator von „Gottschalk Late Night“ (RTL) ab. Als solcher bereitete er den Weg für die Harald-Schmidt-Show, die ein Jahr später beim Konkurrenzsender Sat.1 startete.

Fragt man ihn heute, warum die "Late Night" hierzulande nicht so richtig in die Strümpfe kommt, holt er weit aus. Er sagt: „Die 'Late Night', das ist der Hofnarr, der alles aussprechen darf, was andere vielleicht nur denken.“

Um sich zu etablieren, brauche er aber einen Monarchen, der bedingungslos hinter ihm stehe – also einen Sender, der nicht gleich das Handtuch werfe, wenn ein neues Format nicht sofort durch die Decke gehe.

Sat.1 kann er damit nicht meinen. Der Sender hat schon das Ende der "Late Night"-Show mit einer Komikerin verbockt, die neben Pocher, dem Mäc Geiz unter den Witzeverkäufern, wie das KaDeWe erscheint: Anke Engelke. 2004 wurde sie schon nach wenigen Monaten wieder eingestampft.

Solche Experimente kann sich der Sender heute weniger leisten denn je: Das Sorgenkind wird gerade auf Rendite für den bevorstehenden Verkauf der ProSiebenSat.1 Media AG getrimmt.

Aber das ist nicht der einzige Grund. Glaubt man Koschwitz, dann haben es deutsche TV-Produzenten versäumt, eigene Standards für eine "Late Night"-Show zu entwickeln. „Die Frage ist doch zum Beispiel: Brauchen wir unbedingt einen Schreibtisch?“

In den USA unterstreicht dieses Möbelstück den Anspruch der Moderatoren, ihren Gästen mehr zu entlocken als das übliche „How are you?“ Wer zu Letterman kommt, sollte eine gute Geschichte mitbringen. So tief würden die deutschen "Late Night"-Talker aber gar nicht erst schürfen, moniert Koschwitz. Ihnen gehe es eher um den schnellen Gag.

Siehe Oliver Pocher. Von seinem Schreibtisch hatte er sich bei Sat.1 als erstes getrennt. Den Intellektuellen kaufte man ihm sowieso nicht ab – den Comedian beinahe noch viel weniger.