Modern Talking

Dieter Bohlen und der dritte Weltkrieg

Super RTL öffnet für eine Stunde die Gruselkiste und zeigt die 20 erfolgreichsten Songs von Modern Talking. Jetzt weiß die Nation, warum Dieter Bohlen damals so auf Ballonseide und Schulterpolster stand und dass Thomas Anders für den Weltfrieden verantwortlich ist.

Foto: KPA

Die heutigen Fans von RTLs Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ sind wahrscheinlich noch zu jung, um die düstere Vergangenheit des Jurymitglieds Dieter Bohlen zu kennen. Die einzigen, die sich deshalb über die Super RTL-Sendung gefreut haben dürften, sind die Fans des DSDS-Kandidaten Max Buskohl. Den rockigen Quertreiber hatte Bohlen gerade erst aus dem Superstar-Wettbewerb geworfen. Da kommt die Bohlen Schelte im Spätprogramm gerade richtig als Aggressionsventil.

Die Super RTL Show über das 80er Duo Bohlen/Anders funktioniert nach dem gleichen Muster wie die„Chartshow“ beim großen Bruder RTL: Einige mehr oder weniger helle Lichter des privaten Fernsehens kommentieren die 20 größten Charterfolge von Modern Talking. Moderiert wird die einstündige Sendung von Dirk Penkwitz („Voll total“): „Holen Sie Trainingshose, Seidenanzug und Schulterpolster raus.“

Penkwitz grinst dabei. Er scheint nicht zu wissen, dass Super RTL an diesem Abend kaputt macht, was sich die Fernsehzuschauer über Jahre mühsam aufgebaut haben: die Verdrängung der schrägen Synthiepoptruppe aus dem Gehöhrgang. Klar, Klassiker wie „You're my heart, you're my soul“ oder “Brother Louie” gelten nicht zu unrecht als „Kult“. Aber Frühwerke wie „Atlantis is calling, SOS for love“ spielt mittlerweile zum Glück nicht mal mehr das Oldieradio. Und das ist auch gut so.

Unverwechselbares Outfit

Denn die Rhythmen der Lieder sind bis auf kleine Veränderungen nahezu identisch, die Stimme von Thomas Anders klingt wie ein gepitchter Kastrat, dazu feinste Glamrock-Posen. Das Outfit ist sowie unverwechselbar: Grelle Neonfarben, Lipgloss, Nora-Kette und Schulterpolster. Dieter Bohlen selbst erklärt im Einspieler, wie das Outfit der Band entstanden ist: „Ich habe die Sachen damals immer von Adidas umsonst bekommen. Dann zieh ich die doch auch an.“

Die „Promi“-Kollegen, deren Meinung in Wortfetzen immer wieder zwischendrin eingespielt wird, schätzen so viel Selbstbewusstsein. Jugendvertreterin Gülcan Karahanci („Viva“) vergleicht Modern Talking sogar mit den „Bee Gees“, denn die hatten ja auch so hohe Stimmen: „Ich fand das gar nicht so schlimm.“ Auch Lucy Diakovska („No Angels“) outet sich als Fan: „Das ist eine richtig kleine Boyband gewesen.“ Und der ehemalige SAT1-Talker Franklin muss beim Anblick der alten Videos anerkennen, dass die Beiden ein „Gespür für die besten Frauen“ hatten.

Der Guildo und der Anders

Eigentlich wird die Sendung immer mehr zur „Großen Dieter Bohlen Show“. Doch unter den Kommentaren zeigt sich auch ein Thomas Anders Liebhaber, von dem man es nicht erwartet hätte. „Thomas ist ein ganz netter Kerl“, sagt Schlagerbarde Guildo Horn, „ich habe ihn immer gefragt, warum er das macht.“

Die Antwort darauf findet der Schauspieler Christian Kahrmann beim Anschauen des Videos von „In 100 Years“, in dem Thomas Anders mit gedankenvoller Miene durch einen Betonbunker läuft und immer wieder „100 years“ hechelt. Im Hintergrund starten Sowjet-Raketen und es rollen Panzer – so sieht der Beitrag von Modern Talking zum Kalten Krieg aus. „Das ist ganz gut für den Weltfrieden“, findet Kahrmann.

Zum beliebtesten Lied wird übrigens „Cheri, Cheri Lady“ gewählt. Doch das interessiert jetzt wirklich niemanden mehr, wo wir doch wissen, dass Modern Talking einen dritten Weltkrieg verhindert hat. Wir sollten ihnen dafür noch lange dankbar sein.