40 Jahre Queen

"Schwul wie eine Narzisse, Schätzchen"

Vor 40 Jahren begann die Karriere von Queen. Ihr Sänger Freddie Mercury starb vor 20 Jahren. Was machen eigentlich die verbliebenen Mitglieder?

Brian May würde jetzt eigentlich lieber über andere Dinge reden. Über seine Tierschutzorganisation "Save Me" etwa und ihren Kampf gegen die Fuchsjagd.

Oder sein neues, offenbar philharmonisches Projekt mit der weithin unbekannten britischen Musicalsängerin Kerry Ellis. "Verstehen Sie mich nicht falsch", sagt der 63-jährige Gitarrist, "Queen bedeutet mir sehr viel, es war eine großartige Zeit. Aber ich ziehe es vor, in der Gegenwart zu leben."

May würde lieber über Füchse sprechen

Es ist Februar, und May sitzt im nachtblauen Gehrock in einem winzigen Kontrollraum der Londoner Tridentstudios, der "Save Me"-Button steckt gut sichtbar am Revers, die ergraute Lockenpracht ruht locker auf den Schultern.

Erwartungsfroh schaut er sein Gegenüber an: Doch keine Fragen zu Füchsen und Kerry Ellis? Nun gut, dann eben zu Queen. Vor 41 Jahren hat sich die Band gegründet, aber erst ein Jahr später ihre klassische Besetzung gefunden, weswegen jetzt Jubiläum gefeiert werden darf.

Eine Ausstellung über die frühen Jahre von Queen hatte am Vorabend in London Eröffnung, ab Ende März wird außerdem der Albumkatalog sukzessive in digitaler Überarbeitung veröffentlicht – angereichert mit Bonusmaterial.

Erste Platte entstand durch Nachtarbeit

"Genau hier haben wir unsere erste Platte aufgenommen", sagt May, "aber damals sah das natürlich alles ganz anders aus. Das war nur ein einziger großer Raum." Versonnen blickt er umher, als könne er für einen Moment durch die neu gezogenen Wände in die Vergangenheit schauen.

Weil das Geld fehlte, tagsüber Studiozeit zu mieten, musste nachts gearbeitet werden. David Bowie hatte die Räumlichkeiten gebucht und verließ sie meist erst weit nach Mitternacht. Bis früh am Morgen die Putzkolonne anrückte, blieben also nur wenige Stunden Zeit.

Weil die Band zudem von einer ausgetüftelten Vision beflügelt war, die sich zumindest in den Details fundamental von der ihres Produzenten Roy Thomas Baker unterschied, verlor man sich in einem wuchernden Perfektionismus und brauchte sensationelle achtzehn Monate, bis das Album doch noch fertig wurde.

Wie Queen die Zuhörer anfangs irritierte

Zur großen Enttäuschung der Band war die professionelle Rockkritik von der Großartigkeit ihres Schaffens nicht sofort überzeugt. Der einflussreiche britische Popkritiker Nick Kent nannte das Album knapp einen "Eimer voller Urin", was zwar ein starkes, aber doch unpassendes Bild ist, zumal man heute sagen kann, dass "Queen" zu den schönsten Debüts der Popgeschichte zählt.

"Man hat uns gehasst", sagt Roger Taylor gut gelaunt. Der Schlagzeuger der Band hat inzwischen in dem winzigen Kontrollraum Mays Platz eingenommen – denn May und er wechseln sich bei den Gesprächen ab.

Der 61-jährige Taylor trägt sommerliches Weiß und wirkt alles in allem so, als sei er auf dem Sprung nach Capri. "Die Leute wussten nicht, was sie von uns halten sollen. Wir waren nicht Hardrock, nicht Glamrock, wir ließen uns nicht einordnen", sagt Taylor und hat damit in jeder Hinsicht recht.

Mercury war von Anfang an siegesgewiss

Queen neigten in ihren frühen Tagen zu hochkomplexen, ausufernden Kompositionen und sangen von Blitz und Donner sowie Märchenkönigen und Ogern. Weil es in ihrem Freundeskreis eine Modedesignerin gab, trugen sie auf der Bühne fließende Minikleider als Blusen.

Sänger Freddie Mercury stolzierte darin mit durchgedrücktem Rücken und verblüffend arrogantem Gesichtsausdruck über die Bühne und reckte bei jeder sich bietenden Möglichkeit den Mikrofonständer siegesgewiss gen Himmel.

Warum? Weil er Queen entgegen der öffentlichen Meinung für das Größte hielt, die Weltherrschaft des Quartetts war sozusagen nur eine Frage der Zeit.

Die Ausstellung "Stormtroopers in Stilettos"

Selbst Bowies Ziggy Stardust wirkte dagegen in all seiner Seltsamkeit vergleichsweise scheu. "Dabei war Freddy ganz schüchtern", sagt Brian May, und auch Roger Taylor sagt dasselbe, wobei beide einräumen, dass seine Schüchternheit vielleicht nicht unbedingt mit herkömmlicher Schüchternheit zu vergleichen war. Mercury sei eben ein sehr besonderer Mensch gewesen.

"Wir sind die lächerlichste Band der Welt", wird Mercury groß an einer Ausstellungswand zitiert. "Stormtroopers in Stilettos" lautet der schöne Titel der Schau, und am Eingang nehmen Transvestiten mit prächtigem Bartwuchs die Gäste in Empfang.

Chronologisch werden sie an allerhand Anschauungsmaterial entlang durch die Entwicklungsstufen der Bandgeschichte geschleust. Von der Hardrockband, die immer flamboyanter, kühner und größenwahnsinniger wurde.

Auch John Deacon hat sich zurückgezogen

Fotos und Plakate hängen an den Wänden, Gitarren, Kostüme und Plattencover sind in Vitrinen drapiert. Überall hängen Bildschirme, auf denen seltenes Archivmaterial läuft. Im Raum zum Album "Queen II" steht ein Krankenbett herum, das auf Mays Hepatitis-Erkrankung verweist, die den Durchbruch in den USA erheblich verzögerte.

Am Tag nach der Eröffnung ist Brian May noch immer ganz bewegt. "Plötzlich waren all die Erinnerungen wieder da, all die Leute, die heute nicht mehr bei uns sind." May spricht mit sanfter Stimme, von den beiden Rest-Queens ist er der Nachdenkliche, während Taylor die Rolle des Unbeschwerten zukommt.

Doch die Vergangenheit stößt beide in den Zustand der Melancholie. "Es ist ja nicht nur Freddie, der nicht mehr bei uns ist", sagt Roger Taylor, "auch John fehlt." John ist John Deacon, der wunderbare Bassist der Band, der sich nach Mercurys Tod im November 1991 aus dem Musikgeschäft zurückgezogen hat und die diversen Bemühungen seiner alten Kollegen, das Projekt Queen auch ohne ihren Sänger am Leben zu halten, nur mit größtem Missvergnügen duldet.

Queen bleiben besser Vergangenheit

Und wie sollte man auch einen Sänger ersetzen, der aus einer hervorragenden Band erst das Ereignis gemacht hat, das sie war? Der Sätze sagte wie: "Ich würde mich nicht als Chef der Band bezeichnen. Vielleicht als ihre wichtigste Person."

"Ich mag nicht wie meine Zähne vorstehen, abgesehen davon bin ich perfekt." "Ich würde mich gern von sechs heiratsfähigen Sklaven auf die Bühne tragen lassen." Oder, ganz besonders herrlich: "Ich bin schwul wie eine Narzisse, Schätzchen."

Plötzlich sagt May, dass er es vermisse, live zu spielen. "Nicht unbedingt mit Queen, aber ich stehe gerne auf der Bühne." Und man denkt: zum Glück. Mögen er und Taylor Queen bitte auch in Zukunft ruhen lassen. Queen sind tot. Wenn May unbedingt wieder auf die Bühne will, soll er doch lieber Kerry Ellis begleiten, auch wenn sich für die weithin unbekannte Musicalsängerin eigentlich niemand interessiert.

Queens erste fünf Alben "Queen", "Queen II", "Sheer Heart Attack", "A Night At The Opera", "A Day At The Races" sowie die Compilation "Deep Cuts" sind bei Universal erschienen.