Interview

Warum die Berliner Philharmoniker für alle da sind

| Lesedauer: 8 Minuten

Foto: M. Lengemann

Intendant Martin Hoffmann im Gespräch mit Morgenpost Online über seine erste Saison bei den Philharmonikern, Kartenpreise und den Weg des Orchesters ins 21. Jahrhundert.

Wenn sich die Berliner Philharmoniker mit ihrem Waldbühnenkonzert am 2. Juli in die Sommerpause verabschieden, geht auch für Martin Hoffmann, Jahrgang 1959, seine erste Saison als Intendant zu Ende. Zeit für eine erste Bilanz. Mit dem früheren Medienmanager und heutigen Philharmonikerchef sprachen Volker Blech und Matthias Wulff.

Morgenpost Online: Herr Hoffmann, Sie waren zuvor Chef bei Sat.1 und bei der TV-Produktionsfirma MME. Vermissen Sie manchmal Ihre alten Jobs?

Martin Hoffmann: Manchmal gibt es solche Momente. Etwas wenn ich im Fernsehen etwas sehe, das ich selbst einmal mitverantwortet habe. Bei der „Echo-Verleihung“ in diesem Jahr war es so. Das wird aber immer seltener.

Morgenpost Online: Inwiefern sind die Menschen, mit denen Sie jetzt zusammen arbeiten, anders als Ihre früheren Mitarbeiter?

Martin Hoffmann: Das kann ich nicht verallgemeinern. Aber mein Eindruck ist, dass ich hier sehr herzlich aufgenommen worden bin. Und ich finde die Zusammenarbeit mit den Kollegen, den Musikern und Sir Simon Rattle sehr inspirierend. Die Menschen hier sind mit der Leidenschaft und Ernsthaftigkeit für Musik groß geworden. Das prägt die Diktion, die Art und Weise, wie man miteinander umgeht, wie man Probleme diskutiert und löst.

Morgenpost Online: War Ihr Leben vorher härter? Immer gab es den Quotendruck, jetzt haben Sie sowieso eine ausverkaufte Philharmonie.

Martin Hoffmann: Die Welten sind einfach anders. Beim Fernsehen bestand mein Leben nicht nur aus Programm und Quote, ich hatte auch anspruchsvolle Aktionäre. Die monatlichen Reportings zu Zahlen und Bilanzen in London vermisse ich nicht wirklich. Und bei den Philharmonikern finde ich spannende und herausfordernde Aufgaben. Wir müssen darüber nachdenken, welchen Weg dieses Orchester im 21. Jahrhundert gehen soll.

Morgenpost Online: Der Wechsel von den Osterfestspielen in Salzburg hinüber nach Baden-Baden hat für Schlagzeilen gesorgt. Warum müssen die Berliner Philharmoniker so viel Zeit in einer anderen deutschen Stadt verbringen?

Martin Hoffmann: Für das Orchester ist es essenziell wichtig, auch szenische Opern zu spielen. Das geht nicht in der Philharmonie und aus vielen Gründen nicht in Berlin. Das Festspielhaus Baden-Baden bietet dafür ideale Bedingungen. Und zwar sowohl in inhaltlicher als auch technischer Hinsicht. Das finden Sie weltweit nur sehr selten.

Morgenpost Online: Die Philharmoniker haben beiläufig einer neuen Konkurrenz zum Aufstieg verholfen: Christian Thielemann und seine Dresdner Staatskapelle rücken auch in Salzburg nach. Wie wollen Sie künftig mit dem Dirigenten in Berlin umgehen?

Martin Hoffmann: Wir sind doch jetzt nicht verfeindet. Wir freuen uns auf den freundschaftlichen Wettbewerb. Und Christian Thielemann ist für das Orchester ein sehr gern gesehener, regelmäßig wiederkehrender Gastdirigent. Wir haben feste Verabredungen für die nächsten Jahre.

Morgenpost Online: Merkwürdig erscheint, dass die Philharmoniker immer noch für ihre CDs die EMI brauchen. Warum machen Sie das heutzutage nicht selber und sparen die Marge der Plattenfirma?

Martin Hoffmann: Die EMI ist ein langjähriger und sehr zuverlässiger Partner, mit dem unser Chefdirigent Sir Simon Rattle einen Exklusivvertrag hat. Und die EMI verfügt über ein Vertriebs- und Marketing-Wissen, das wir noch nicht haben. In den letzten Jahren haben wir mit der „Digital Concert Hall“ einen eigenständigen, weiteren Verbreitungsweg für unsere Musik aufgebaut. Dort sind bereits über 100 Konzerte im Archiv, das soll einmal das „digitale“ Gedächtnis der Berliner Philharmoniker werden. Wir sehen beide Wege als einander ergänzend an.

Morgenpost Online: Die Philharmoniker sind auch einmal für das „Innovativste Geschäftsmodell zwischen Künstlern und Fans“ prämiert worden. Letztlich geht es um das Phänomen der schwindenden Mitte. Ist das für die Philharmoniker, die sich künstlerisch eher konservativ und elitär geben, überhaupt ein Problem?

Martin Hoffmann: Wir definieren uns nicht als konservativ elitär, sondern als exzellent. Das ist der Anspruch der Philharmoniker. Und wir wollen mit unseren Konzerten auch die Generation unter 50 erreichen. Das unternehmen wir mit einer interessanten Programmatik, zahlreichen Education-Projekten und neuen Programmformen. So wird es in der nächsten Saison erstmals „LateNight“-Konzerte mit Simon Rattle geben und eine neue Reihe „Weltmusik“ im Kammermusiksaal, die von Roger Willemsen moderiert wird und das Thema „Reisen und Musik“ verbindet.

Morgenpost Online: Gerade erst haben Sie die Spitzenpreise der Karten noch weiter erhöht. Womit die Mitte weiter schwindet.

Martin Hoffmann: Nein, genau das machen wir nicht. Wir haben in den obersten Preiskategorien stärker erhöht als in den mittleren und unteren Kategorien. Die absolut teuersten Karten, die wir nur bei ganz wenigen Sonderkonzerten anbieten, kosten 220 Euro. Wenn sie das international vergleichen, sind wir immer noch sehr günstig. Und unser Ziel ist immer, dass die Philharmonie für alle zugänglich bleiben muss. Wir bieten daher auch Karten an, die mit 8 Euro weniger als eine Kinokarte kosten.

Morgenpost Online: 2010 haben Sie zum ersten Mal ein Konzert live in Kinos übertragen. Rechnen Sie damit, dass sich irgendwann mit Klassik im Internet Geld verdienen lässt?

Martin Hoffmann: Die Kinoübertragungen werden wir fortsetzen. In der nächsten Saison werden wir drei Konzerte in etwas mehr als 70 Kinos zeigen. Mit unseren Aktivitäten im Internet mit der Digitalen Konzerthalle erreichen wir bereits heute mehr als 5000 Abonnenten. Unser Ziel ist es, zu einem wirtschaftlich ausgeglichen Ergebnis zu gelangen. Auf diesem Weg sind wir.

Morgenpost Online: Genau genommen versuchen doch alle, aus der virtuellen Welt wieder in den realen Markt zu kommen?

Martin Hoffmann: Das hätte man bereits bei der ersten Grammophon-Aufzeichnung fragen können. Die Musik, das Herzstück unserer künstlerischen Arbeit, findet immer hier in der Philharmonie statt. Aber der Platz ist begrenzt. Deshalb der Versuch, neue mediale Wege der Verbreitung zu finden. Deshalb die Kino-Live-Übertragungen, und deshalb unser erster Kinofilm in 3D, der im Herbst in die Kinos kommt.

Morgenpost Online: Das Fernsehen verweigert sich auch immer mehr der klassischen Musik.

Martin Hoffmann: Was eine dramatische Entwicklung ist. Man muss immer wieder gerade das öffentlich-rechtliche Fernsehen an seine Verantwortung erinnern. Klassische Musik ist Teil der Grundversorgung und damit auch Programmauftrag von ARD und ZDF. Mit unserer bestehenden Verabredung mit der ARD und dem RBB sind wir allerdings sehr glücklich. Aktuell werden das Silvesterkonzert, das Europakonzert am 1. Mai und unser Saisonabschluss in der Waldbühne übertragen.

Morgenpost Online: Mit welcher Berechtigung nimmt eigentlich die Philharmonie Geld vom Steuerzahler?

Martin Hoffmann: Ich antworte als Volkswirt – wir sind auch ein meritorisches, also durch die Gesellschaft zu förderndes Gut.

Morgenpost Online: Ach, damit lässt sich jede Subventionierung begründen.

Martin Hoffmann: Eine Gesellschaft verabredet sich immer, bestimmte Dinge zu fördern, weil sie wertvoll sind. Die Philharmoniker haben eine Auslastung von nahezu 100 Prozent. Unser Angebot können wir nicht erweitern, mehr als 130 Konzerte im Jahr können wir nicht spielen. Wenn wir keine staatlichen Gelder bekommen, müssen wir unsere Preise erhöhen. Damit würde Klassik ein Gut für wenige. Wollen wir das?