Enthüllungsbuch

Wikileaks, eine Ansammlung verpeilter Nerds

Daniel Domscheit-Berg arbeitet sich in "inside Wikileaks" an Julian Assange ab. Ein Buch über endlose Nachtschichten, stickige Hotelzimmer und Frauen im perfekten Alter.

Hat drei Scheiben Leberkäse gegessen und mir nur eine gelassen. Hat sich tagelang nicht gewaschen und gequengelt, wenn ich lüften wollte. Ständig darüber gelabert, wie toll Frauen mit 22 sind. Nach dem Essen seine Fettfinger an der Hose abgewischt.

Mich allen Ernstes für so dämlich gehalten, ihm die Geschichte zu glauben, dass seine Haare deswegen so weiß sind, weil er mit 14 beim Spielen mit einem falsch gepolten Reaktor eine Überdosis Gammastrahlung abbekommen hatte. Und dann hat er nicht zurückgerufen. Und sich nicht mehr gemeldet. Und nicht mehr gechattet mit mir. Einfach auf Tauchstation. Als wäre zwischen uns nie etwas gewesen.

Daniel sah sich als Julians bester Freund

Daniel und Julian waren drei Jahre so etwas Ähnliches wie beste Freunde, jedenfalls in Daniels Augen. Bis sie sich tödlich zerstritten. Deswegen muss jetzt alles raus, was sich angesammelt hat wie das Schwarze unter Julians Fingernägeln.

Also hat Daniel ein Buch geschrieben. Über seine Jahre mit Julian, mit dem er die Dunkelmänner aus Politik und Hochfinanz in die Schranken weisen und die Informationen aus ihren Hochsicherheitsgefängnissen befreien wollte: wir zwei gegen die Mächte der Finsternis.

Julian hat das immer anders gesehen, jedes Mal wie ein hochsensibles Frühwarnsystem angeschlagen, wenn Daniel es übertrieb mit den "Wir"-Anmaßungen. Das wiederum hat Daniel viel zu spät begriffen. Wie so oft macht Liebe blind. Aber jetzt will Daniel reinen Tisch machen und für brutalstmögliche Aufklärung sorgen. Schließlich war es das, was sie sich auf die Fahnen geschrieben hatten.

Insider schreibt seine Sicht auf Wikileaks

Das Buch heißt "inside WikiLeaks" und stammt von Daniel Domscheit-Berg, der fast von Anfang an bei jener Organisation gewesen ist, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Dokumente ins Internet zu stellen, die nie an die Öffentlichkeit gelangen sollten.

Wikileaks hat Handbücher aus Guantánamo und von Scientology, die Toll-Collect-Verträge, Banken-Memos über illegale Steuersparmodelle und Armeeberichte aus dem Irak und aus Afghanistan veröffentlicht.

Nach dem bislang letzten Coup der Organisation, der Veröffentlichung diplomatischer Depeschen aus dem US-Außenministerium, hatte man tatsächlich ein paar Tage lang den Eindruck, dass selbst der mächtigste Staat der Welt von dieser anonym operierenden Gegenmacht nervös gemacht werden konnte.

Wikileaks selbst soll Sicherheitslücken haben

Nun erfahren wir, wie es sich wirklich verhält. Wikileaks war lange alles andere als eine gut organisierte Hacktivisten-Guerilla, sondern eine Handvoll verpeilter Nerds. Für die Geheimdokumente, die sie veröffentlichen wollten, gab es lange keine klandestinen Server-Netzwerke, sondern nur ein paar olle Mühlen.

Und die Beteuerung, man lege allergrößten Wert darauf, die Sicherheit jener Informanten zu schützen, von deren Geheimnisverrat Wikileaks lebt, war lange eher Absichtserklärung als eine Garantie.

Erst, als ein Mann ins Spiel kam, den Domscheit-Berg den "Architekten" nennt, ein Programmierer, der sich mittlerweile ebenfalls mit Assange zerstritten hat, erhielt Wikileaks eine robuste Sicherheitsarchitektur – die der "Architekt" bei seinem Abgang allerdings wieder mitgenommen hat.

Anfangs-Grundsätze seien ganz andere gewesen

Auch wenn es ans Publizieren der ihm anvertrauten Geheimnisse geht, ist Assange nicht ausreichend sorgfältig. Ein paar Tage, ehe die Berichte über Afghanistan ins Netz gehen, wird Domscheit-Berg von einem Journalisten des Wikileaks-Medienpartners "Spiegel" gefragt, ob Assange sich an die Vereinbarung gehalten habe, Namen zu schwärzen, deren Veröffentlichung die Taliban auf die richtige Fährte setzen könnte. Hat Assange nicht, hat er irgendwie vergessen, in Schichten rund um die Uhr müssen das die Wikileaks-Leute nachholen.

Das Fazit, das man aus solchen Anekdoten ziehen kann: Ohne seine Medienpartner und ihre professionellen Standards wäre nach den WikiLeaks-Veröffentlichungen möglicherweise eine Menge schiefgegangen.

Andererseits widersprechen diese Medien-Partnerschaften auch für Domscheit-Berg oft genug jenem Geist, in dem Wikileaks gegründet worden war. Schließlich wollte man für die Öffentlichkeit relevante Informationen aus Datenspeichern befreien – nicht sorgfältig ausgewählte Geschäftspartner mit Material beliefern, das diese in ihrem eigenen Tempo und mit eigenen Interessen veröffentlichen können.

Assanges Umgang mit Spendengeldern

Doch genau das scheint das Geschäftsmodell von Wikileaks geworden zu sein: Man appelliert an den Idealismus von Menschen, ihre Kenntnisse von Missständen zur Verfügung zu stellen, und macht mit ihnen Deals, über deren Feinheiten die Öffentlichkeit kaum etwas erfährt.

Als im Mai 2010 der amerikanische Geheimdienstler Bradley Manning verhaftet wird, von dem viele der Wikileaks-Militärdokumente stammen sollen, ruft Assange dazu auf, für seine Verteidigung 100.000 Dollar zu sammeln.

Was daraus wurde, kann man jetzt nachlesen: "Julian befand, die bei den Spendern veranschlagten 100.000 Dollar seien wohl doch ein wenig hoch, und korrigierte den Betrag auf 50.000 Dollar nach unten. Wie auch immer. Von den Spendengeldern, die explizit für ihn gesammelt wurden, hatte Manning bis Ende 2010 keinen Cent erhalten. Anfang Januar 2011 sind (...) immerhin 15.100 Dollar auf das Unterstützerkonto Mannings überwiesen worden."

Am Ende des Psychogramms bleiben Rätsel

Dabei will Julian Assange sich nicht bereichern. So wie Domscheit-Berg ihn schildert, hat er nicht das geringste Interesse an Geld. Er schafft es nur nicht, zu teilen. Das Geld, der Ruhm, die Daten, das öffentliche Interesse: alles seins.

Am Ende von Domscheit-Bergs Psychogramm rätselt man: Ist es reine Egomanie, die Assange dazu treibt, der Macht ihre Geheimnisse entreißen zu wollen, und sind alle, die ihm dabei helfen, nur Ko-Abhängige seines Knalls?

Oder muss man mit einer Mission wie seiner irgendwann zum kontrollsüchtigen Egomanen werden? Schließlich kann es Assanges Psyche nicht guttun, wenn öffentlich zu seiner Ermordung aufgerufen wird. Oder die US-Außenministerin seinetwegen ihre Kollegen anruft.

Wikileaks würdigt Domscheit-Berg nach Buch herab

Es hätte so schön werden können: eine Welt, in der die Mächtigen ihre kleinen schmutzigen Geheimnisse nicht mehr verstecken können. Stattdessen werden die dreckigen Geheimnisse der Enthüller enttarnt.

Schon ist alles wieder in der richtigen Ordnung der Dinge: Assange ist eine Art Popstar unserer Zeit, sein Ex-Bester-Freund leckt seine Wunden und baut sein eigenes Enthüllungsportal, und wie immer interessiert sich kaum jemand für die Akten.

Auf Domscheit-Bergs Buch meldete sich Wikileaks mit einer Erklärung, derzufolge Domscheit-Berg, von Julians Leuten jetzt gerne "Domshit" genannt, nie sehr wichtig für Wikileaks gewesen sei.

Was man eben so sagt, wenn man einem Verflossenen noch etwas reinwürgen will. Und Julian Assanges deutscher Anwalt verlangt von Domscheit-Berg unter Androhung rechtlicher Schritte die Herausgabe jener Daten, die der bei seinem Abgang mitgenommen hat. Dass sich Hehler darüber streiten können, wem Diebesware rechtmäßig gehört, ist nun auch kein Geheimnis mehr.

Anzeige: Daniel Domscheit-Berg: "inside Wikileaks". Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt" . Econ Verlag, 304 Seiten, 18 Euro.