Kino

August Diehl behandelt im Drogenkrieg

Es gibt gemütlichere Orte als die Dogenhochburg Santiago de Cali in Kolumbien. Doch dorthin zieht es einen jungen Arzt (August Diehl), der sein praktisches Jahr absolvieren will. Tom Schreibers blutiger Film „Dr. Aléman" kommt am Donnerstag in die Kinos und knüpft an alte deutsche Traditionen an.

Foto: dpa / DPA

Das deutsche Kino zieht's wieder in die Ferne, wie schon einmal, vor 50 Jahren, Damals führte uns das Fernweh an solch exotische Orte wie nach Paris zu Caterina Valente und auf Capri zu den Fischern. Doch das war Urlaub. Heute, wenn die Bundeswehr in Afghanistan kämpft, Siemens in Nigeria besticht und „Wir sind Helden“ Chinesisch singt, ist Fremdeln nahezu Pflicht. Wenn die Deutschen gleichzeitig den Heimaturlaub neu entdecken, dann nicht allein aus Sparsamkeit, sondern auch als Reflex auf das berufliche Allzeitbereit zum Ortswechsel.

Wer deutsche Geschichten erzählen will, muss zunehmend aus Deutschland heraus. Dazu passt die neue Mehrsprachigkeit unserer Kinostars, die nicht nur das obligatorische Englisch beherrschen, sondern z.B. Spanisch. Daniel Brühl kann es (als Sohn einer spanischen Mutter), Peter Lohmeyer hat es gelernt und nun auch August Diehl für „Dr. Alemán“.


Denn der Medizinstudent Marc (Diehl) hat sich das kolumbianische Cali für sein Praktikum ausgesucht. Er ist weder Urlauber, noch Geschäftsmann, eher Aussteiger auf Zeit: Bevor ihm die familieneigene Praxis im Frankfurter Westend für den Rest seiner Tage am Hals hängt, will er das Adrenalin des wahren Lebens spüren, und warum nicht im Herzen des südamerikanischen Drogenkartells?

Abenteuerlustige Produktionsfirma

Es ist eine Abenteuerlust, welche die Hauptfigur mit dem Projekt gemeinsam hat. Eine kleine Kölner Produktionsfirma (2Pilots) wagt mit einem Regisseur (Tom Schreiber), der erst einen Film inszeniert hat („Narren“), einen Dreh in dem Gebiet mit der – zumindest in den Neunzigern – höchsten Mordrate der Welt (Siloé, ein Stadtteil Calis).

Bevor Marc seinen Koffer auspacken kann, wühlt er buchstäblich im Blut Kolumbiens; wieder ein Opfer der Drogenkriege, dem eine Kugel aus dem Körper gepult werden muss, eines jener mit „J“ markierten Projektile, das von dem Bandenboss „El Juez“ stammt, auf deutsch „der Richter“.


Marc steht mitten im Krieg und hält sich doch für unantastbar: Er ist Fremder, er ist blond und er ist Arzt. Und so wagt er sich immer tiefer in die Bezirke, die selbst die Staatsmacht meidet. Seine Haltung ist jener der Produktion „Dr. Aléman“ nicht unähnlich: Sie kam von außen, sie erklärte sich neutral, und sie sollte den Beweis liefern, dass Siloé auf dem Weg zurück in den Schoß des Gesetzes war. Um das Filmteam dort lagen drei Sicherheitsringe, einer des Militärs (der äußere), einer von der Polizei (der mittlere) und der Innerste (durch eine der Banden).

Der Drogenboss braucht einen Leibarzt

„Dr. Alemán“ handelt davon, wie sich die Illusion der Unantastbarkeit desto mehr verflüchtigt, je mehr der Außenseiter involviert wird. Marc legt sich einen Kokainhabit und eine Geliebte zu, und El Juez hat ein Auge auf ihn geworfen, denn er sucht einen Leibarzt. Mehr Blut und mehr Leichen folgen.

„Dr. Aléman“ ist kein „City of God“ (zwei Brüder in den Slums von Rio) oder „Tropa de Elite“ (der Berlinale-Gewinner über eine Elite-Einheit gegen Drogenhändler). Diese entsprangen direkt dem Kampfgebiet, und die Beteiligten kannten die Finten, die Posen, das Ticken.

Auch „Alemán“ kann Authentizität reklamieren, aber eine der anderen Art. Tom Schreiber erhielt monatelang Briefe von einem Freund, der ein Praktikum in Cali absolvierte, und die Produktion veranstaltete vor Ort einen Schauspielworkshop für ihre einheimischen Darsteller. Trotzdem bietet Schreibers Film nicht die Innen-, sondern die Außenperspektive.

„Dr. Alemán“ ist nicht der erste deutsche Film, der diese Grenze zu spüren bekommt. Voriges Jahr wagte sich Alexander Pickl in die „Streets of Rio“, kam jedoch trotz Dreharbeiten in Hörweite des Maschinengewehrfeuers nicht über die Klischees hinweg, die wir von Favelas und Fußball haben.

Schreiber gerät vor allem in der zweiten Hälfte – wenn die Krimihandlung das Kommando übernimmt – ebenfalls in schematische Fahrwässer, hat aber das Glück eines August Diehl. In seinen Zügen liegen Überheblichkeit und Zweifel, das Getriebene und die Melancholie, guter Wille und Selbstüberschätzung: typisch Europäisches eben.